Wie alles begann

Indien

Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich während meiner ersten Indienreise Leprakranken in Benares. Sie saßen am Straßenrand, ausgestoßen von der Gesellschaft und bettelten. Ihre Lage sah so hoffnungslos aus, als warteten sie auf ihren Tod, so dass ich mich tagelang an ihnen vorbeischlich und nur einen kurzen schnellen Seitenblick wagte.

Wie alles begann - Indien

Doch dann saß ich auf der obersten Stufe der Treppen, die zum heiligen Fluß Ganga führten, ich litt unter Bauchschmerzen und konnte nicht weiterlaufen. Da kam ein alter, weißhaariger Mann auf mich zu, offensichtlich lepraerkrankt, sah mich an und fragte, ob er mir helfen könne. Mir verschlug es die Sprache, denn ich war die reiche Touristin, die sowohl Flugticket als auch Geld in der Tasche hatte und eigentlich hätte ich ihm Hilfe anbieten müssen statt er mir.

Er segnete mich, schenkte mir einen liebevollen Blick, der mich in Herz und Seele traf und berührte meinen Kopf. Doch ich hatte keine Angst vor dieser Berührung, auch wenn ich nicht wusste, ob sie Konsequenzen haben würde (zu diesem Zeitpunkt wusste ich rein gar nichts über Lepra, noch nicht einmal, dass diese Krankheit heilbar ist), da er mir so viel menschliche Wärme zustrahlte. Nach ein paar Minuten konnte ich wieder aufstehen und die Treppen hinuntergehen.

Am nächsten Tag suchte ich diesen Mann, um ihm ein paar nützliche Dinge als Dank zu schenken. Als ich ihn fand, fragte ich ihn, wie er hieße. Er antwortete sinngemäß: ‚Kind, seit 14 Jahren hat mich kein Mensch mehr nach meinem Namen gefragt, warum willst du ihn jetzt wissen?’ Er hieß Musafir und diese Aussage hat mich nicht mehr losgelassen.

Schon nach wenigen Minuten gesellten sich weitere Leprakranke zu uns und ein Gespräch in Zeichensprache begann. Ein junger Lepramann, namens Tingla zeigte mir, dass er trotz fehlender Finger wunderbar zeichnen konnte, er fixierte sich Bleistift oder Pinsel mit einer Bandage in seiner Handinnenfläche und malte wirklich schöne Bilder. So ging ich los und kaufte Stifte und Papier und von dem Tag an malten wir gemeinsam. Stets saßen andere Leprakranke um uns herum, brachten Tee und Zigaretten. Die Freude, dass ich mich mit ihnen abgebe und mich für sie interessiere, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. So verging ein Monat und wir zeichneten zusammen jeden Tag. Ich lernte mit seiner Hilfe meine ersten Wörter in Hindi und hatte bereits eine freundschaftliche Beziehung zu der ganzen Gruppe von Leprakranken aufgebaut, manche ernannten sich zu meinem Großvater, zu meinem kleinen oder großen Bruder bzw. Schwester.

Dann geschah das Unfassbare: Die Polizei sammelte eines Tages alle leprakranken Männer der Straße ein und sperrte sie in einen auf der Hauptstraße geparkten Lastwagen. Ich verstand nicht, was da passierte, sah aber die Angst und den Horror in den Augen dieser Menschen, die außer ihrer Freiheit rein gar nichts mehr besaßen. Ich fragte die Polizisten, was sie da täten und sie sagten mir, dass Betteln illegal sei und die Männer ins Gefängnis gebracht würden. Ich hatte Angst, dass ich sie nicht wieder sehen würde wenn sie jetzt abtransportiert würden und ich wusste nicht, was ihnen zustoßen würde.

Es war die Entscheidung eines Augenblickes - ich fragte mich selbst, wenn ich das wirklich ernst gemeint hatte, dass sie meine Brüder sind, dann dürfte ich sie nicht schutzlos ihrem Schicksal überlassen, denn meinen eigenen Bruder würde ich auch verteidigen, wenn er schuldlos eingesperrt werden sollte. So stieg ich zum Entsetzen der Polizisten mit in den Truck. Sie baten mich, wieder auszusteigen, doch einmal in der Mitte der Unberührbaren wurde ich für diesen Moment ebenso zu einer.
Als der Lastwagen losfuhr, folgten uns über 100 Fahrräder, die Masse war über mein Verhalten gespalten, einige beschimpften mich, andere wiederum riefen mir ‚God bless you’ zu.

Wir wurden stundenlang durch die Stadt gefahren und sammelten weitere Bettler ein, die Hitze war unerträglich und ein alter Mann, Vishwanath, kollabierte. Dann wurden sie in einem von hohen Mauern umgebenen Lager abgegeben, weder gezählt, noch wurden ihre Namen aufgenommen. Ich notierte mir dann ihre Namen und einige baten mich, ein Telegramm an ihre Familien zu senden, dass sie noch leben, doch erst einmal bis auf unbestimmte Zeit ihren Angehörigen kein Geld senden können. Die leprabetroffenen Männer schicken nämlich ihr erbetteltes Geld der Familie, damit Frau und Kinder im Dorf überleben können, sie selbst nehmen nur den kleinsten Teil für sich.

Sofort zog ich los und suchte mir einen indischen Anwalt, um ihn zu den Rechten der Leprakranken zu befragen - es sind indische Bürger, sie müssen irgendwelche Rechte besitzen. 3 Monate lang versuchte ich täglich alles, um sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien, ging zum Bürgermeister, zum Magistrat und zum obersten Richter von Benares, doch die ganze Angelegenheit gestaltete sich äußerst schwierig.

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Eigentlich hätte ich längst nach Europa zurückkehren sollen, ich wollte eine Fotografieschule in Rom besuchen, die Kurse hatten längst begonnen. So rief ich immer wieder dort an und bat, mir meinen Platz freizuhalten, da ich noch vorhatte, ihn wahrzunehmen, doch auch diese Menschen nicht einfach im Stich lassen konnte.

Eines Tages interviewte mich ein indischer Journalist und der Artikel erschien in ganz Indien in fast jeder Zeitung. Daraufhin wurden die Bettler in kleinen Gruppen freigelassen. Als sie alle wieder auf der Straße waren, versammelten sie sich und baten mich inständigst, nicht in mein Land zurückzukehren. Sie bräuchten Medizin und Häuser sagten sie mir, wir redeten die ganze Nacht. Gleichzeitig begegnete ich einer schweizer Ärztin, die mir mitteilte, dass Lepra heilbar sei - in jedem Stadium, ich solle mich bei der WHO informieren (damals gab es noch kein Internet) und sie schenkte mir 100 Dollar.

Diese 100 Dollar wurden zum Grundstein meines Projektes. Und wie es so ist, wenn Dinge geschehen sollen, suchte mich eine holländische Krankenschwester auf, die eigentlich zu Mutter Teresa nach Kolkata wollte und bot mir ihre Hilfe an.
Ich informierte mich, wo ich Medizin im Großhandel kaufen konnte und wir starteten die erste Straßenklinik für die Leprakranken und ihre Kinder.