DER LEISE ABSCHIED VON LAKSHMAN UND BHUMESHWAR

In den vergangenen Wochen starben gleich zwei meiner ehemaligen Leprapatienten, Lakshman Thakur und Bhumeshwar Paswan. Beide gehörten zur „alten Riege“ eben jener Bettler, die ich vor 20 Jahren kennenlernte und um die ich schließlich, gemeinsam mit meinem Bruder Wolf, unseren Verein „Back to Life“ begründete. Lakshman war in seinem Leben vor der Lepra ein Barbier gewesen und hatte einen kleinen Laden von seinem Vater übernommen. Dieser war in bunten Farben gestrichen und überall hingen Poster von Bollywood-Schauspielern (dort „Heroes“ genannt) an den Wänden. So konnte der glückliche Kunde mit nur einem Fingerzeig die gewünschte Frisur wählen. Als schließlich die Lepra sichtbar ausbrach, musste Lakshman den Laden schließen und sein Leben als Geächteter auf den Straßen von Benares begann von einem Tag auf den anderen. Denn jeder Unglückliche, den dieses grausame Schicksal ereilt, muss umgehend sein gesamtes Umfeld verlassen, so verlangen es Glaube und Tradition. Dass Lepra schon lange heilbar ist, war damals nur wenigen bekannt. Seine Familie blieb im Dorf zurück. Lakshmans Frau galt fortan als Witwe und durfte nicht erneut heiraten, um sich und die damals noch kleinen Kinder zu versorgen. Also sparte sich Lakshman fortan seine erbettelten Almosen vom Mund ab und brachte sie regelmäßig zu den Seinen. Im Dorf war er nicht mehr erwünscht. Deshalb hielt er sich dort nie länger als notwendig auf, um seiner Familie die Ächtung der anderen zu ersparen. Dasselbe Schicksal erfuhr auch Bhumeshwar. Er verdiente sein Leben als Feldarbeiter, bevor er durch Lepra in die Welt der Unberührbaren gezwungen wurde.

Beide siedelten sich bereits vor über 30 Jahren am Wegesrand des Dasaswamedh Ghats in Benares an. Sie hatten dort ihre Stammplätze in der Bettlerreihe, die sich entlang des Pilger- weges bis zum Ufer der Ganga erstreckt. Als ich sie damals kennenlernte, waren die Männer zwischen 40-45 Jahren alt. Mit beiden verbinden mich über viele Jahre gemeinsame Erlebnisse. Zusammen mit meinem Team begleitete ich sie von 1996-98 durch die Multi Drug Therapy (MDT) bei ihrem Kampf gegen die Lepra. In dieser Zeit teilte ich ihnen täglich ihre Medikamente aus, 3 x die Woche bekamen sie ihre Wundbehandlung in unserer Straßenklinik. Eines Tages brach in der Nähe unserer Straßenklinik ein Junge zusammen, er krampfte und zuckte. Wir wurden herbeigerufen und brachten den Jungen schnell in ein Krankenhaus, wo seine Epilepsie diagnostiziert wurde. „Wie hast du den bösen Geist vertrieben?“, wollte Lakshman anschließend erstaunt von mir wissen und vertraute mir an, dass seine Tochter im Dorf dieselbe Art Zusammenbrüche hätte. „Wir haben alles versucht. Wir haben Pujas (Gottesdienste) abgehalten und dem Tempel Opfer gebracht. Meine Frau und meine Tochter fasten regelmäßig, um den bösen Geist auszutreiben, doch nichts hat geholfen.“ Ich erklärte daraufhin Lakshman, dass es eine Therapie gäbe, die auch seiner Tochter ermöglichen würde, ein weitgehend normales Leben zu führen. Lakshman reiste umgehend in sein Dorf und brachte seine Tochter mit. Wir ließen sie untersuchen und medikamentös einstellen, so dass sie schon bald in ihr Dorf zurückkehren konnte. Seitdem sie die Medikamente nimmt, hat sie ihre Epilepsie viel besser unter Kontrolle. Auf diese Weise konnte sie schließlich auch problemlos verheiratet werden. Denn Lakshman befürchtete zuvor, wenn ihre Krankheit für alle sichtbar wäre, sie niemand als Braut akzeptieren würde. Unverheiratet zu sein, gilt in Indien als Makel.

Schmunzelnd erinnere ich mich noch heute gern an jenen Tag, als Lakshman mich wegen seiner Brille ansprach, die er von uns Jahre zuvor erhalten hatte. Damals war er begeistert gewesen, wieder besser sehen zu können. Nun waren seine Augen schlechter geworden, die Sehstärke der Gläser stimmte nicht mehr. Doch das wusste er nicht und nahm anscheinend an, dass es sich bei einer Brille um ein technisches Gerät handelt, bei dem vielleicht die Batterien entladen waren oder der Motor de- fekt war. Er deutete auf die Brille und sagte mit großen Augen: „Power finished...“ („Energie zu Ende“). Bhumeshwar und Lakshman nahmen nicht nur an der Lepratherapie erfolgreich teil, sondern ergriffen auch die Chance, in unseren damaligen Workshops, Handarbeiten herzustellen, um sich ein Sparguthaben zu erarbeiten. Für die Leprakranken war das damals die erste Möglichkeit, nach Ausbruch ihrer Krankheit, durch eigene Tätigkeit Geld zu verdienen, anstatt nur auf das Betteln angewiesen zu sein. Diese nahmen sie alle mit großem Enthusiasmus wahr. Ihr Selbstwertgefühl war wieder ein kleines Stück zurückgekehrt.

Für Lakshman kaufte ich damals ein ganzes Set Scheren, Kämme, Rasierer und Spiegel, so dass er den Bettlern und den anderen Leprakranken die Haare schneiden und die Bärte rasieren konnte. Fortan verdiente er sich damit ein Zubrot. Mein Ziel war, dass jeder Einzelne von Ihnen genügend Geld ansparte, damit er einen wirklichen Schritt vorwärts gehen konnte. Diese Spar- guthaben sollten sie als geheilte Leprabetroffene wieder im normalen Leben integrieren. Manche wünschten sich, ein Haus in einer Leprakolonie zu bauen. Andere wollten, ausgerüstet mit einem Wasserbüffel, einer Kuh oder einer Wasserpumpe zur Bewässerung der Felder, die Rückkehr in ihr Dorf wagen. Einigen ist das tatsächlich gelungen, da sie nicht als Bettler – also nicht mit leeren Hän-
den – kamen. Bhumeshwar und Lakshman verbrachten nun ihr Leben pendelnd zwischen ihren Dörfern und der Straße: Während großer Götterfeste, wenn sich das Betteln lohnte, kehrten sie nach Benares zurück, ansonsten waren sie bei ihren Familien. Doch die vielen Jahre mit Lepra und anderen Krankheiten, die sie während ihres Straßenlebens gequält hatten, schwächten die beiden Männer zunehmend. Lakshman hatte schon das letzte Jahr schwer mit einer halb- seitigen Lähmung zu kämpfen. In den letzten Wochen hatte sich sein Zustand stetig verschlechtert, doch zumindest konnte er in seinem Heimatdorf friedlich einschlafen. Bhumesh- war litt in Folge der Lepraerkrankungen schon 8 Jahre an Asthma und Atemproblemen. Letztere nahmen im Oktober immer mehr zu, auch ärztliche Versorgung und Medizin brachten schließlich keine Besserung mehr. Back to Life wird natürlich die monatliche finanzielle Unterstützung sowie sozialen Hilfen für die Ehefrauen und Kinder fortsetzen.

Stella Deetjen

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