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19.07.2013

Ausflug nach Bodhgaya – die Reise unserer Kinder zum „Ort der Erleuchtung“

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Auch in diesen Sommerferien planten wir für unsere Kinder erneut einen Ausflug, der Weiterbildung, Kultur und Spaß miteinander vereinen sollte. Für jene 53 Kinder, die seit letztem Jahr unser alternatives Schulsystem der Brückenkurse besuchen, planten wir diesmal eine viertägige Reise nach Bodhgaya (wörtlich „Ort der Erleuchtung“) im Nachbarstaat Bihar. Dort soll Siddartha Gautama, der heute als Buddha verehrt wird, unter dem Bodhi-Baum (Pappel-Feige) seine Erleuchtung erfahren haben. Fortan gilt Bodhgaya als einer der heiligsten Orte und Pilgerstädten des Buddhismus.

 


Guddu vor der Abfahrt – Parvati & Afrin während der Busreise


Nach längerer Vorbereitung und noch größerer Vorfreude ging die Reise am 20. Mai endlich los. Als der angemietete Großraumbus mit der in Indien üblichen Verspätung endlich um zwei Uhr mittags eintraf, stürmten die Kinder das Fahrzeug und konnten es kaum abwarten, bis unser Heimleiter Rajesh Rai, die traditionellen Segnungen für Reisende aussprach. Die Aufsicht über unsere Kinder übernahmen unsere Brückenkurs-Lehrer und für die Verpflegung nahmen wir diesmal sogar zwei unserer Köchinnen mit. Für manche unsere jüngsten Kinder war die Reise ins benachbarte Bihar besonders aufregend, schließlich hatten sie Varanasi und Umgebung noch nie verlassen. Die ersten Stunden vergingen mit gemeinsamen Singen und Lachen wie im Flug, doch spätestens am frühen Abend wiederholte sich die altbekannte Frage „Sind wir bald da?“ Als der Bus nach zahlreichen Unterbrechungen zur Erfrischung und Verköstigung gegen zehn Uhr abends vor dem kleinen, aber gemütlichen Guesthouse in Bodhgaya eintraf, schlief der Großteil der Kinder bereits tief und fest.

Für den nächsten Tag war ein straffes Programm geplant. Nach dem Frühstück sollten zunächst die 30 Kilometer entfernten Baraba Höhlen besucht und nach Rückkehr die wichtigsten Tempel und Sehenswürdigkeiten Bodghayas besichtigt werden. Doch es kam ganz anders als geplant. Allein zwei Stunden brauchte der Bus, um den Weg durch das städtische Verkehrschaos und ein kleines Stück Autobahn zu überwinden. Und mit der Abfahrt vom Highway begann die abenteuerliche Tour, die von kleineren und größeren Missgeschicken heimgesucht wurde. Für einen vier Kilometer langen Feldweg brauchte der fünfundfünfzig Sitzplätze fassende Bus geschlagene drei Stunden, bis er schließlich zu einer Brücke gelangte, in deren Mitte ein großes Loch klaffte. Ungefährlich für Fußgänger, doch unüberbrückbar für Fahrzeuge. Nun galt es den Bus zu verlassen, ein kurzes Mittagessen im Schatten der Bäume einzunehmen. Zwar sind unsere Kinder die indische Hitze gewöhnt, doch bei knapp 45 Grad ließ der überraschende Anblick eines lokalen Eisverkäufers die Kinder in Jubelschreie ausbrechen. Die kleine Erfrischung sorgte für die notwendige Kühlung und Ermutigung die letzten zwei Kilometer zu Fuß zu meistern.  

Kaum bei den Höhlen angelangt, vergaßen unsere Kinder alle Mühen und kamen aus dem Staunen kaum raus. Schließlich gelten die Baraba-Höhlen zu den ältesten von Menschenhand geschaffenen Höhlen (ca. 252 v. Chr.). Während der Besichtigung der sieben Kammern fragten die Kinder, wie es nur möglich sei, so imposante Höhlen allein mit primitivem Werkzeug in den harten Fels zu schlagen. Unsere Lehrer erklärten ihnen, das dies unter dem großen Herrscher Ashoka geschah, damit die buddhistischen Mönche einen ruhigen Platz zum meditieren und studieren fänden. Gegen vier Uhr nachmittags machte sich die Gruppe auf den Rückweg und hoffte mit Hilfe eines anderen Weges schneller und bequemer zurück nach Bodhgaya zu gelangen. Doch auf dem Weg durch ein kleines Dorf geriet der Bus in einer Kurve aus der Spur und streifte ein Haus, sodass eine Scheibe zu Bruch ging. Glücklicherweise ist den am Fenster sitzenden Sangita (12) und Archna (13) trotz großem Schock nichts passiert. Nachdem die Scherben beseitigt waren, wurde die Reise fortgesetzt. Es war nun schon spät am Nachmittag und die Kleinen waren bereits erschöpft und wollten nur noch so schnell wie möglich nach Hause.



Gruppenfoto an und vor den Baraba-Höhlen


Doch es dauerte keine halbe Stunde bis das nächste Missgeschick passierte. Kurz nachdem der Bus durch das kleine Dorf Sultanpur fuhr, blieb er mit den Vorderreifen im Sand stecken und konnte weder vor- noch rückwärts fahren. Was nun? Leichte Verzweiflung machte sich unter den Kindern breit. Doch bald kamen die Dorfbewohner zur Hilfe geeilt. Die Frauen kümmerten sich liebevoll um unsere Kinder und boten ihnen Essen und Getränke an, während die Männer des Dorfes in einem gemeinsamen Kraft-Akt zunächst die Räder freischaufelten und dann Holz unterlegten. Mit Hilfe eines aus einem Nachbardorf organisierten Traktors gelang es schließlich nach drei Stunden den Bus wieder aus dem Sand zu ziehen. In der Zwischenzeit hatten unsere Kinder mit den Dorfkindern bereits lange Gespräche geführt und erste Freundschaften geschlossen. Obwohl wir den Dorfbewohner für ihre Hilfe Geld anboten, weigerten sich sie sich eine finanzielle Entschädigung anzunehmen. Rückblickend stellte Mohit (12) fest: “In Benares sagt man immer, dass es in der ländlichen Region Bihars besonders gefährlich sei und man sich vor Dieben und Banditen in Acht nehmen müsse. Doch heute haben wir etwas anderes erlebt. Menschen mit großen Herzen voller Hilfsbereitschaft und Güte.“ Und so fand auch dieser abenteuerliche Tag mit der sicheren Rückkehr in das Guesthaus gegen Mitternacht ein gutes Ende.



Schiffbruch auf Sandbank mit Reisebus – Warten und Hoffen in Sultanpur

 


     Die Kinder Sultanphurs freuen sich über den unverhofften Besuch – „Indischer ADAC“

In der Absicht, die verlorene Zeit des Vortages aufzuholen, begannen unsere Köchinnen am nächsten Morgen bereits um halb fünf mit der Zubereitung des Frühstücks. Zu ihrer großen Überraschung gesellten sich Soni (13), Poonam (14) und Niti (12) trotz Schlafmangels dazu und halfen ihnen bei der Zubereitung. Frisch gestärkt ging es nun das Herz Bodhgayas mit seinen berühmten Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Zunächst besuchten sie den beeindruckenden Mahabodhi-Tempel, dessen auffälligstes Bauwerk der 54m hohe pyramidenförmige Tempelturm ist, der aus dem 11. Jh. stammt. Im Tempelinneren befindet sich eine große vergoldete Buddha-Statue, die sowohl von Buddhisten als auch Hindus verehrt wird, da viele Hindus in Buddha eine Inkarnation des Gottes Vishnu sehen.



Der Bodhi-Baum - Dilip, Suraj, Monicka und Mohit


Im Anschluss besichtigten die Kinder den Abkömmling jenes Bodhi-Baumes, an dem der Überlieferung nach Buddha seine Erleuchtung fand. Dabei kamen die Kinder nicht umhin, die einzigartige friedvolle Stille wahrzunehmen, die diesen heiligen Ort umgab. Die Besichtigung der Tempelanlagen rief bei den Kindern die Erinnerung an die Erzählungen aus ihren Schulbüchern hervor. So wusste Monicka (13) zu berichten, dass am Bhdodi-Teich, Nagar-ji, die Schlangen-Göttin in Form einer riesigen Kobra Buddha Schutz vor einem Unwetter während seiner langen und tiefen Meditation bot. Für die vielen weiteren Fragen, die aus den Kindern sprudelten, wussten unsere Brückenkurs-Lehrer stets ausführlich Antworten zu geben. Auch die mehr als fast dreißig Meter hohe Buddha Statue hinterließ einen unvergesslichen Eindruck und lud zu gemeinsamen Fotosessions ein.


Sawan, Chandan, Suraj & Ashok  - Priyanka, Isha, Mahadeo & Dilip



 Sandeep (Lehrer) Sanjeet, Suraj & Maduranjan


Nachdem auch der tibetanische, taiwanesische und japanische Tempel bestaunt waren, ging die Reise zum nächsten Ziel weiter nach Rajgir, einer bekannten kleinen Stadt in den Bergen Bihars, die ein ganz besonderes Erlebnis bot: Die Fahrt mit einer Seilbahn zum höchsten Berggipfel und Aussichtspunkt. Nachdem es für alle das erste Mal war, sich in solch luftigen Höhen im einem bislang unbekannten Fortbewegungsmittel zu bewegen, waren die Augen und Ängste unter den Kleinsten anfänglich groß. Doch am Ende fassten alle Kinder Mut und wurden mit einem wunderschönen Ausblick über die Täler belohnt. Den Abschluss der Reise bildete ein Besuch des Nalanda Multimedia Museum, wo sie in einen audiovisuellen Vortrag viel über indische Geschichte und Kultur erfuhren.  

 


Anitas erste Gondelfahrt - Ausblick über das Nalanda-Tal


Die Rückfahrt am nächsten Tag bot mit ihren acht Stunden Fahrt ausreichend Zeit, all die unvergesslichen Momente und Geschichten aufzuarbeiten, die sie in den vergangenen Tagen erlebt hatten.

Diese und weitere Bilder zum Ausflug nach Bodhgaya finden Sie auch auf unserer Facebookseite.