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15.05.2015

Erdbeben in Nepal - Hilfe für die Kinder

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Liebe Freunde und Paten,

wie ich bereits erwähnte, richten wir den Fokus unserer Aufbauarbeit auf die Kinder.

Am 5. Mai, also noch eine Woche vor dem 2. Beben (ich nenne es 2. Beben, weil in diesem Moment Nepal wieder am Nullpunkt begann, die Bevölkerung erneut unter Plastikplanen auf der Straße landete und alle Projektdörfer neu gesichtet werden mussten, um eventuell schnell Nothilfe einzuleiten..), berichtete mir Dikendra, unser Nepali Projektleiter, Folgendes:

„Ich saß auf der Ladefläche des Pick-up Vans, den wir nutzten, um die Nothilfspakete für die Erdbebenopfer in die schwer betroffene Bergregion Sindhupalchok zu bringen. Wir waren auf dem Rückweg nach Kathmandu, ich fühlte mich mitgenommen von den tragischen Bildern und der überall greifbaren Not, die ich gesehen habe.
Sindhupalchok ist ein großer Distrikt, bestimmt 300.000 Menschen leben hier, verstreut in den Hängen und Tälern der Berglandschaft, mal sind es größere, mal kleinere Dörfer oder einzelne Häuser inmitten von Terrassenfeldern. Nun sind Dörfer zu 90 und sogar 95% zerstört und es gibt in jedem viele Tote zu beklagen. Die Überlebenden besitzen nichts mehr. Nichts wird mehr so sein wie vorher und auch vorher kämpften diese Menschen bereits um ein Existenzminimum...


Ich stand in den Ruinen von Schulgebäuden. Wie soll die junge Generation dieses Ausmaß an Tod, Zerstörung und Not überwinden?
Ich dachte darüber nach, dass über 1 Mio. Kinder nun ohne Schulunterricht sein werden.
So hat unser geliebtes Land keine Zukunft!

 


Meine aufgewühlten Gedanken wurden durch einen lauten Ruf unterbrochen: , Sir, lassen Sie mich mitfahren! Ich will das Dorf im Tal erreichen’, brüllte der Junge gegen den Motor an und rannte nebenher. Doch bevor ich ihm antworten konnte, hatten seine Hände bereits einen Griff gefunden und er zog sich während der holprigen Fahrt einfach an der Seite des Wagens hoch, behende wie ein kleiner Akrobat. ‚Bleib nicht am Rand stehen, sondern spring auf die Ladefläche’, forderte ich ihn auf, ‚du fällst sonst noch vom Wagen’.

Mit einem flinken Satz war er neben mir und hocke sich auf den Boden.
‚Wie ist dein Name?’, fragte ich ihn.
‚Sunil Mahji, Sir’
‚Gehst du in die Schule?’, wollte ich von ihm wissen und er verkündete stolz:
,Ich habe gerade Klasse 5 abgeschlossen und bin nun in der 6. Klasse.’
(Anmerkung: das nepalesische und indische Schuljahr differiert vom deutschen: es beginnt bereits im April und endet im März.)
Doch sein Stolz löste sich in einer Sekunde auf und wich sichtbarem Schmerz, als er hinzufügte:
,Aber ich war nur für 2 Tage in der 6. Klasse. Dann kam das Erdbeben. Unsere Schule steht nicht mehr. Eine andere haben wir hier nicht. Ich glaube, ich werde nie wieder die Chance haben, zur Schule zu gehen.’

Es brach mir das Herz. Ich wollte den circa 12-Jährigen aufmuntern:, Hab keine Panik. Die Schule wird bestimmt wieder aufgebaut. Dann kannst du wieder zum Unterricht gehen. Bestimmt.’ Im selben Moment fühlte ich mich kläglich.
Höflich, aber bestimmt, platzte es aus dem Jungen heraus:, Das ist eine Schule für arme Kinder, Sir! Mein ganzes Dorf ist arm, wer soll denn da kommen und eine Schule für uns bauen? Wir sind nicht wichtig, für niemanden.’
Ich bewunderte seine Reife und seinen Vorausblick, als er hinzufügte: ,Und selbst wenn, dann würde das Jahre dauern, dann ist es für mich zu spät.’
Als ich in sein Gesicht schaute, sah ich, wie seine Augen von größter Unsicherheit überschattet wurden. In nur einem Moment überfuhr ihn das gesamte Trauma dieses Bebens erneut, nahm ihm die Luft zu atmen, Tränen liefen über die Wangen dieses aufgeweckten Jungen und er schwieg für den Rest der Strecke.

 


Ich dachte über seine Chance zum Schulunterricht nach. Er gehört zu einer ethnischen Gruppe, die traditionelle Fischermänner sind (Mahji), verarmt und ganz unten in der Gesellschaft angesiedelt. Niemand würde kommen, um ihnen zu helfen, das sah er realistisch.“

Lange haben Dikendra und ich darüber gesprochen, deshalb teile ich das jetzt auch mit Ihnen. Dieses Einzelschicksal steht exemplarisch für 1 Millionen Jungen und Mädchen.
Solche und viele weitere Eindrücke haben uns alle sehr betroffen gemacht und zeigen uns (neben den Zahlen und Fakten) ganz klar auf, wer unsere Hilfe jetzt und in den kommenden Zeiten am Dringendsten braucht: die Kinder Nepals.

Back to Life war schon immer für die Kinder da. Mit unseren bisherigen, seit 2009 in Mugu und Chitwan laufenden Projekten, verhelfen wir 6400 nepalesischen Jungen und Mädchen zu verbessertem Schulunterricht, für viele ermöglichen wir ihn überhaupt erst durch die Schulpatenschaften.

Auf der Erfahrung, die wir gesammelt haben, werden wir jetzt aufbauen, Zeltschulen einrichten, Programme für die Kinder anbieten, den wichtigen Schulunterricht weiterführen.

Für die Kinder und Heranwachsenden wie Sunil. Damit Nepal überhaupt eine Chance hat.

Sobald es Fotos unserer ersten Zeltschule gibt, die gerade in Chitwan errichtet wird, berichten wir Ihnen, das dauert in diesen Zeiten leider alles etwas länger. Das Team hat alle Hände voll zu tun, das Notwendige zu organisieren und mobilisiert mit den Lehrern sämtliche Kräfte, damit viele Kinder schnellstmöglich auch ein Stückchen Kindheit zurückbekommen.

Namaste & bis bald, Stella