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02.07.2013

Grün ist die Hoffnung - landwirtschaftliche Entwicklung in Mugu

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Unser Projektgebiet Mugu liegt in den Bergen West-Nepals an der Grenze zu Tibet und ist die am wenigsten entwickelte Region des ganzen Landes. Die Lebensbedingungen sind mittelalterlich und die Lebenserwartung beträgt nur 36 Jahre. Das Gebiet ist abgeschnitten vom Rest Nepals, keine Straße führt hinein oder hinaus, die 55.000 Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Aufgrund der Höhenlage und des alpinen Klimas trotzen sie in mühseliger Handarbeit dem Acker nur eine Ernte im Jahr ab, die meist nicht ausreicht, die Familie zu ernähren, geschweige denn damit Geld verdienen zu können. Die Ernährungssituation in Mugu ist aufgrund der geringen landwirtschaftlichen Produktivität miserabel, regelmäßig brechen Hungersnöte aus, die Menschen, insbesondere die Kinder, sind mangelernährt.

Bereits seit vier Jahrzehnten werden von der nepalesischen Regierung und der UN,  im Rahmen des ‚World Food Programm’, Reislieferungen nach Mugu geflogen. Zu Beginn, in den 70er Jahren, als Nothilfeprogramm gedacht, um eine akute Hungersnot kurzfristig zu mildern, wurde das Programm jedoch stets fortgesetzt. Auch heute noch werden kontinuierlich Tonnen von Reis in die Bergregion geflogen, mit dem auch die Arbeitskraft der Menschen vor Ort, bspw. für den Bau öffentlicher Gebäude, bezahlt wird. Arbeit für Reis.

 


Seit vier Jahrzehnten wird Reis in die Region geflogen

Leider führte dies nicht dazu, dass die Menschen der Region aus eigener Kraft einen Schritt in Richtung Selbstständigkeit machen konnten. Im Gegenteil, eine dringend notwendige Modernisierung der Landwirtschaft blieb aus und der Anbau bisheriger traditioneller Erzeugnisse ging zurück, da diese nicht mit dem subventionierten oder gar kostenlosen Reis konkurrieren konnten. Die Abhängigkeit von den externen Reislieferungen wuchs, die Ernährung wurde immer einseitiger. Normalerweise wird in Mugu roter, dunkler Reis gegessen, doch der eingeflogene geschälte weiße Reis hat über die Jahre die Essgewohnheiten der Menschen verändert -zum Negativen, da der eigene Vollkornreis zwar nahrhafter ist, doch der weiße Reis zu einer Art Statussymbol wurde. Der selbstangebaute Vollkornreis hat keinen Marktwert mehr.

 

Die traditionellen landwirtschaftlichen Methoden sind weniger ertragreich, die Gerätschaften mittelalterlich, alles wird in Handarbeit getätigt.

 

Gleich zu Beginn unserer Projektaktivitäten in Mugu führten wir zusammen mit der ‚Agricultural and Forestry University’ in Rampur eine Studie zu den landwirtschaftlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten in der Region durch. Dabei stellten wir fest, dass die Menschen an ihren traditionellen (vergleichsweise unproduktiven) Anbaumethoden festgehalten hatten, jedoch wenig produzierten. Das lag einerseits an den mittelalterlichen Gerätschaften, anderseits an mangelhaftem bzw. nicht genügend vorhandenem Saatgut, an der einseitigen Auslastung der Böden, bis hin zu fehlenden Bewässerungssystemen. Außer Kartoffeln wurden keine anderen Gemüsesorten angebaut, so dass die Ernährung bestehend aus Reis, Kartoffeln und Fladenbrot stark kohlenhydratlastig und damit ein Grund für die Mangelernährung war.

 

Nährstoffarme Mahlzeiten bestehend aus Kartoffeln oder Fladenbrot aus Hirse

 

Mit dem Ziel, die Ernährungssituation in unseren Projektdörfern zu verbessern und den Menschen aus dem Abhängigkeitszyklus zu helfen, haben wir gleichzeitig mehrere Maßnahmen ergriffen, um die landwirtschaftliche Produktivität sichtbar zu steigern.

Zunächst suchten wir einige Bauern aus mit deren Hilfe wir (Demonstrations-) Ackerflächen anlegten, um den übrigen Dorfbewohnern moderne Anbaumethoden näherzubringen, wie zum Beispiel den Anbau von Gemüse in Gewächshäusern, um dem harschen Klima in Mugu trotzen zu können. Etwas später führten wir gemeinschaftliche Trainings durch, um den Bergbauern beizubringen, diese Methoden auf ihren eigenen Flächen anzuwenden. Insgesamt bildeten wir 1907 Bauern aus 36 Dörfern in der Anwendung produktiverer Anbaumethoden, Düngung und Bewässerung weiter.

 

Unser Mitarbeiter und Agrarexperte Apin Rawal (u.l.) erläutert den Bewohnern auf den (Demonstrations-) Ackerflächen neue Anbaumethoden.


Im Anschluss an die Weiterbildung erhielten alle Haushalte in unseren Projektdörfern Mais- und Getreidesamen sowie verschiedene Sorten von Gemüsesetzlingen, die sie unter regelmäßigem Begutachtung unserer Agrarexperten anbauten. In einem Dorf haben wir dafür zusätzlich ein komplett neues Bewässerungssystem installiert.

 

Unsere Agrarexperten verteilen die neuen Samen an die Bauern.

 

Die Ergebnisse waren sehr erstaunlich und erfreulich. Viele Haushalte bauten zum ersten Mal überhaupt etwas anderes als Kartoffeln an und konnten sich nun plötzlich über Zwiebeln, Knoblauch, Blumenkohl, Rettich, Koriander, Kohl, Senf, Kürbisse und Tomaten freuen. Ihre täglichen Mahlzeiten sind dadurch ausgewogener und nahrhafter geworden, ein wichtiger Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, viele Familien haben zum ersten Mal Gemüse auf dem Teller. Die Dörfler lernten, aus der ersten Ernte die Samen für die nächste Aussaat aufzuheben, so dass sie dies in Zukunft ohne unser Zutun fortsetzen können.

Die Familien waren selbst sehr überrascht und begeistert über den Erfolg der landwirtschaftlichen Neuerungen. „Früher war vielen Leuten die Bedeutung von Gemüse für unsere Gesundheit nicht bewusst und wir hatten außerdem keine Samen für die Aussaat. Wir kannten uns daher mit dem Anbau von solchen Gemüsesorten nicht aus. Durch die Ausbilder von ‚Back to Life’ haben wir alle viel dazugelernt und können nun unser eigenes Gemüse anbauen. Das ist wirklich wundervoll“, erfreute sich Singha Budha, ein Bauer aus Ruwa. „Einige haben sogar bereits begonnen, ihre Überschüsse auf dem Markt zu verkaufen und verdienen so bares Geld. Damit hat uns ‚Back to Life’ sehr geholfen, so können unsere Familien überleben.“

 

Die neu angebauten Gemüsesorten werden die Ernährungs- und die Einkommenssituation der Menschen in Mugu verbessern.


Um aus der Armutsfalle zu entkommen, ist es wichtig, dass die Familien den Teil ihrer Ernte, den sie nicht selbst verbrauchen, auf den Märkten verkaufen können. Da die meisten aber keinerlei Bildung genossen haben, kaum oder gar nicht Lesen und Schreiben können, zeigten ihnen unsere Agrarexperten in weiteren Workshops, wie sie ihre Überschüsse marktgerecht bearbeiten, lagern, verpacken und auf den Märkten anbieten können, so dass sie künftig ihr eigenes „Agrar-Business“ betreiben können, um ihre Einkommenssituation zu verbessern.

 

Unser Landwirtschaftsexperte Mr. Tej Paudel erklärt den Dorfbewohnern, wie sie ihre überschüssigen Erzeugnisse vermarkten können.

 

Einige Familien haben das bereits so verinnerlicht, dass sie mit Hilfe ihrer Spargruppen schon einen Schritt weiter gegangen sind. Junkala, eine junge Dalitfrau aus dem Dorf Jinla, hat mit Hilfe eines Mikrokredites ihrer Spargruppe vier Hühner erworben und verkauft nun die Eier und die nachgezüchteten Hähne auf dem Markt in der Provinzhauptstadt Gamghadi. Was nach einem kleinen Schritt aussieht, ist für die Bewohner Mugus ein großer in Richtung Unabhängigkeit.


Damit diese Entwicklung auch langfristig sichergestellt wird, ermöglichen wir sechs jungen  Männern aus Mugu eine zweijährige staatlich anerkannte landwirtschaftliche Ausbildung außerhalb der Region. Dafür müssen sie die 10. Klasse der Schule abgeschlossen haben, es ist (noch) gar nicht so einfach, genügend Kandidaten zu finden. Im Gegenzug willigen die Auszubildenden ein, nach Beendigung ihrer Ausbildungszeit für mindestens 2 Jahre nach Mugu zurückzukehren und ihr Wissen mit den Dorfgemeinschaften zu teilen, diese anzuleiten, zu motivieren und falls nötig landwirtschaftliche Verbesserungen anzustoßen.


Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich die bereits nach kurzer Zeit eingetretenen Erfolge in der Zukunft multiplizieren werden und einen positiven Einfluss auf die Gesundheit, die Ernährungssicherheit sowie das Einkommen der Familien Mugus haben werden.