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02.04.2014

Rinki - ein Slumkind lernt endlich Lesen und Schreiben

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Welch lebensverändernde Wirkung unsere alternativen Ausbildungszentren (NFE-Center) auf das Leben der Kinder in den Slums von Benares haben, möchten wir Ihnen heute anhand eines ausgewählten Beispiels verdeutlichen:

Der Newada-Slum liegt in der Mitte von Benares und umfasst rund 255 Familien. Die meisten der ca 1.500 Menschen sind Mitglieder der sogenannten Harijan-Kaste („Kinder Gottes“), also Unberührbare. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit Betteln oder einfachsten, schlechtbezahlten Hilfsarbeiten wie z.B. Tellerwaschen, Putzen und Müllsammeln. Infolge der allgegenwärtigen Armut sind Mangelernährung, Kinderarbeit, Analphabetismus, Alkoholismus sowie das Fehlen von sanitären Anlagen und sauberem Trinkwasser die größten Probleme.



Impressionen aus dem Newada Slum – Rinki mit Freunden

Rinki Kumari, ein besonders liebenswertes Mädchen von zehn Jahren, ist im Newada-Slum aufgewachsen. Sie hat vier Schwestern und zwei Brüder. Ihre Mutter Munni und ihr Vater Nandu versuchen, den Lebensunterhalt mit der Zucht von Schweinen (eine für Hindu äußerst unreine Tätigkeit) zu sichern. Da dies nicht zum Überleben reicht, verkauft der Vater noch aus Blättern gemachte Teller am Straßenrand.
 

 



Rinki und ihre Geschwister wuchsen wie alle Kinder des Newada-Slums in bitterster Armut auf und mussten seit frühester Kindheit mithelfen, die häuslichen Pflichten zu erfüllen. Neben Geschirrwaschen, Wasserholen, Essenszubereitung versorgte Rinki die Schweine mit Nahrung und Medizin. Der Gedanke, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, lag den Eltern fern. Doch wann immer Rinki neben ihren Arbeiten Zeit hatte, malte sie mit dem Stock im Sand, machte kleine Papierschnitte oder bastelte mit den Müllresten. Ihrer Mutter fiel diese Begabung auf. Als Rinki acht Jahre alt war, fasste sich ihre Mutter ein Herz und versuchte, sie in die staatliche Schule einzuschulen. Rinki freute sich anfangs sehr über die Möglichkeit, wie andere Kinder, endlich lernen zu dürfen. Doch ihr Glück dauerte nicht lange. Nach wenigen Schultagen kehrte sie eingeschüchtert und enttäuscht in den Slum zurück. Aufgrund ihrer späten Einschulung und den damit einhergehenden Lerndefiziten sowie ihrer Kastenzugehörigkeit wurde sie von den anderen Kindern und auch manchem Lehrer diskriminiert und ausgelacht. Rinki traute sich nicht mehr in die Schule und ihre Ausbildung schien vorbei. Ebenso wie dem Rest ihrer Familie stand ihr ein Leben als chancenlose Analphabetin bevor.

 

Rinki mit ihrer Mutter Munni und ihrem Bruder Pintu

Als wir dann vor drei Jahren unsere Schule in Newada errichteten, nahm unsere Lehrerin Ritu Kontakt mit allen Familien im Slum auf und erkundigte sich, welche Kinder die Schule besuchten. In langen Gesprächen versuchte sie, die Eltern davon zu überzeugen, ihre ungebildeten Kinder - neben ihren täglichen Arbeiten und Pflichten – in unser NFE Center zu schicken, damit sie wenigstens die einfachsten Grundlagen der Bildung erwerben konnten. Rinki aber weigerte sich hartnäckig wegen ihrer schlimmen Erfahrungen auch nur in die Nähe einer schulartigen Einrichtung zu gehen. Doch unsere Lehrerin Ritu gab nicht auf. Sie lockte Rinki mit dem Versprechen, dass sie mit dem Besuch des NFE-Centers schon bald ihren eigenen Namen schreiben könne und nicht wie ihre Eltern wichtige Dokumente mit dem Fingerabdruck unterzeichnen müsse. Diese Aussicht weckte die Neugierde in Rinki und am nächsten Tag näherte sie sich der Slumschule, die bereits schon mehrere Wochen ihren Betrieb aufgenommen hatte. Als das kleine Mädchen sah, dass alle Kinder aus den gleich armen Verhältnissen stammten und freudig den Unterricht besuchten, nahm auch sie schüchtern am Unterricht teil.

Heute ist Rinki stolz darauf, dass sie - obwohl sie wegen ihrer vielen häuslichen Arbeiten nicht immer regelmäßig am Unterreicht teilnehmen konnte – bereits das Alphabet gelernt hat. Sie kann inzwischen zählen, schreiben, kleine Geschichten und Gedichte nacherzählen und auf Englisch Wörter für Früchte und Pflanzen buchstabieren – und wie versprochen ihren eigenen Namen schreiben.