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24.07.2012

Saruli Interview

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Vom Schicksal der schwer verbrannten 12-jährigen Saruli aus Mugu und ihrer langwierigen Behandlung haben wir Ihnen erst kürzlich berichtet. Nun ist Saruli seit einigen Monaten wieder zurück in den Bergen, im Kreise ihrer Familie und Freunde. Unser Projektmanager Dikendra Dhakal hat sie in ihrem Dorf besucht, um sie zu sehen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Da das Interesse an Sarulis Geschichte so groß war, hat er die Gelegenheit genutzt, ein kleines Interview mit ihr in unserem ‚Bergbüro’ zu führen, damit Sie direkt von ihr erfahren können, wie sie die letzten Monate erlebt hat und wie es ihr heute geht.


Saruli, wie schön dich wieder zu sehen, wie geht es dir?

Mir geht es gut. Ich habe keinerlei Schmerzen, mache jeden Tag die vom Arzt empfohlenen Übungen und creme mehrmals täglich die verbrannten Stellen mit einer speziellen Salbe ein. Außerdem trage ich die verordnete Spezialkleidung, die der Narbenbildung vorbeugen soll. Der Arzt nennt es ‚Kompressionskleidung’. Ich fühle mich gut und bin sehr froh, dass ich dank Back to Life wieder bei meiner Familie sein darf und in die Schule gehen kann. Während der Zeit im Krankenhaus habe ich von nichts anderem geträumt, als wieder gesund zu meiner Familie und meinen Freunden zurückkehren zu können.

Wie läuft es in der Schule?

Mir macht die Schule sehr viel Spaß. Ich gehe in die vierte Klasse und freue mich, dort täglich viele Freunde zu sehen. Die Schule ist nicht sehr weit weg, nur etwa 45 Minuten. Nach der fünften Klasse werde ich allerdings viel weiter zur Schule laufen müssen als bisher, da sich die weiterführende Schule in einem anderen Ort befindet. Momentan sind meine Lieblingsfächer Mathematik und Naturwissenschaften. Ich mag meine Mitschüler und meine Lehrer, wobei ich die Lehrerinnen lieber mag. Sie sind nicht so streng und haben Verständnis, wenn wir Mädchen mal die Hausaufgaben nicht machen konnten, weil wir im Haushalt helfen mussten.
Denn ich muss meiner Mutter sehr oft beim Kochen helfen, Gewürze mahlen oder die Kleider der Familie waschen. Außerdem putze ich unser kleines Haus und muss morgens das gesamte Wasser für den Tag besorgen. Der Brunnen ist etwa 30 Minuten von unserem Haus entfernt und wenn eine lange Schlange da ist, muss ich manchmal Stunden warten, um das Wasser zu zapfen.
Meine drei Brüder müssen diese Arbeit nicht machen, da dies „Frauenarbeit“ ist und daher haben sie mehr Zeit für die Hausaufgaben. Ich schaffe es nicht immer alle Aufgaben zu erledigen. Leider verpasse ich auch freitags oft den Sing- und Tanzunterricht, da meine Eltern dies für unwichtig halten und mich oft zum Holzsammeln in den Wald schicken.
Aber ich bin sehr froh, dass ich überhaupt wieder in die Schule gehen darf. Meine besten Freundinnen haben dieses Glück leider nicht. Sie haben nie eine Schule besucht, da sie ihren Eltern bei der Hausarbeit und auf den Feldern helfen und auch auf das Vieh aufpassen müssen. Wenn wir Mädchen dann freitags zusammen Holz sammeln, machen wir unseren eigenen Sing- und Tanzunterricht im Wald, heimlich und nur für uns.

Wieviel Land und Vieh hat deine Familie denn und wovon lebt ihr?

Wir haben eine Kuh und zwei Ochsen. Außerdem ein sehr kleines Stück Land. Meist reicht es nur um unsere Familie etwa drei Monate im Jahr zu versorgen. Dann muss mein Vater in den umliegenden Dörfern nach Arbeit suchen, um Kleidung und Nahrung für uns kaufen zu können. Ich liebe meine Eltern. Beide arbeiten sehr hart für unsere Familie. Mein Vater schuftet jede freie Minute, baut Reis, Kartoffeln, Mais und Malz an, aber es ist sehr schwierig. Unser Feld ist nahe des Waldes und wenn mal etwas wächst, kommen oft die Affen, um es zu fressen. Dann muss ich manchmal tagelang alleine das Feld vor den Affen beschützen. Oft habe ich dabei sehr viel Angst.


Was möchtest du einmal werden, wenn du älter bist?

In meinem Dorf heiraten die Mädchen sehr früh. Oft schon mit 14 oder 15 Jahren. Ich möchte nicht so früh heiraten. Das Leben als verheiratete Frau ist sehr schwierig. Es bleibt keine Zeit mehr, sich mit den Freundinnen zu treffen und eine Frau hat viele Sorgen. Die Frauen sind viel mehr belastet als die Männer. Die Männer sind frei. Sie machen das, was sie wollen.
Die Frauen aber müssen immer arbeiten. Ich möchte nicht heiraten bevor ich 20 bin und vorher Lehrerin oder Krankenschwester werden, um selbstständig Geld für meine Familie verdienen zu können.


Im Oktober musst du voraussichtlich wieder nach Kathmandu zu weiteren Untersuchungen. Wie fühlst du dich bei dem Gedanken?

Beim letzten Mal hatte ich soviel Angst um mein Leben und davor meine Familie vielleicht nie mehr wiederzusehen, dass ich von meiner ersten Reise in einem Flugzeug fast nichts mitbekommen habe. Jetzt werde ich im Oktober oder November wieder mit einem Flugzeug fliegen und hoffe dieses Mal den Flug und die Aussicht genießen zu können. Außerdem weiß ich, dass die Behandlung wichtig ist und ich bin sehr froh darüber, dass mir dies ermöglicht wird. Es ist für mich selbst erstaunlich, dass es mir so gut geht, trotz dieses schlimmen Unfalls. Manchmal fühlt es sich wie ein Traum für mich an und ich bin sehr dankbar, dass ich heute mit dir sprechen und bei meiner Familie sein kann. Deshalb habe ich keine Angst vor der Behandlung.
Außerdem freue ich mich auf den Oktober. Es ist der Monat des Dashain Festes. Es ist das einzige Mal im Jahr, wo wir Fleisch essen können, alle neue Kleider bekommen und wir bei unseren Verwandten ein großes Fest feiern. Fleisch können wir uns sonst nicht leisten. Aber in manchen Jahren, wenn meine Eltern kein Geld für neue Kleider haben, bleiben wir zu Hause und fahren nicht auf das Fest. Ich hoffe sehr, dass wir dieses Jahr feiern werden und die Behandlung gut verlaufen wird.

Aber das Wichtigste ist, dass ich gesund bin und bei meiner Familie sein kann. Dafür möchte ich all denen, die dabei geholfen haben, von Herzen Danke sagen.