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04.12.2014

Unser drittes Geburtshaus in Mugu

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Das Dorf Kachya liegt in unserer sehr abgelegenen Projektregion Mugu in den Bergen Westnepals. Die Bevölkerung dort lebt in großer Armut. Von der Bezirkshauptstadt Gamghadi ist das Dorf nur mittels eines 10-stündigen äußerst anstrengenden Fußmarsches zu erreichen. Nur ein sehr schmaler und gefährlicher Pfad entlang steiler Schluchten, die im reißenden Gebirgsfluss Karnali münden, verbindet den Ort mit Gamghadi und dem dortigen Basar. Während des Monsuns weicht der Weg völlig auf. Entlang der Strecke kommt es immer wieder zu schweren Erdrutschen und Steinschlägen, so dass der Fußmarsch lebensgefährlich wird. Während des Winters ist der schmale Trampelpfad vereist. Für die Bewohner Kachyas gibt es in diesen Zeiten nur mühsam Kontakt zur ,Außenwelt’, Waren vom Basar werden noch kostspieliger. Die Menschen sind auf sich alleine gestellt. Es gibt für sie keinerlei medizinische Versorgung.

Gerade die Frauen sind davon schwer betroffen, nicht nur, weil die mittelalterlichen Lebensumstände, der harte Daseinskampf, Hunger gepaart mit zu schwerer körperlicher Arbeit ihr tägliches Dasein bestimmen, sondern weil ein althergebrachter Aberglaube das Leben der Frauen und Neugeborenen bedroht. Um ihre Familien vor der etwaigen Rache der lokalen Gottheiten zu schützen, muss eine Frau, wenn sie blutet, d.h. ihre Periode hat oder ein Kind zur Welt bringt, das Haus verlassen. Sie gilt als ‚unrein’ und kann sich nur in den Kuhstall oder den Wald zurückziehen.

 

 

Jeden Monat müssen die Frauen und jungen Mädchen Mugus unter menschenunwürdigsten Bedingungen mehrere Nächte in kleinen, nach Tierfäkalien stinkenden, stockfinsteren Ställen ausharren oder sind im Wald schutzlos der bitteren Kälte, Wind, Regen oder Schnee ausgesetzt. Auch ihre Babys müssen sie hier zur Welt bringen. Oft überleben Mutter oder Kind die Geburt nicht,  denn ärztliche Hilfe gibt es in dieser abgelegenen auch im Notfall nicht.  Erst 20 Tage nach der Geburt darf die Frau wieder ihr Haus betreten, bis dahin musste sie den Säugling sowie sich selbst im dreckigen, fensterlosen, fliegenverpesteten Stall versorgen.

Bereits vor zwei Jahren errichteten die zuständigen Behörden ein großes Gebäude, das als ,Health Post’ dienen sollte und den Bewohnern von Kachya wenigstens als Anlaufstelle bei Krankheiten dienen sollte. Allerdings fehlte in den Folgejahren das Geld für die Ausstattung und den laufenden Betrieb, so dass dieses Gebäude zwar fertiggestellt wurde, seinen Zweck aber nie erfüllte und ungenutzt blieb.

 

Das von der Regierung zur Verfügung gestellte Gebäude für unser drittes Geburtshaus.



Im Zuge der Prüfungen unserer Projektarbeit durch das Gesundheitsministerium zeigten sich die Behörden begeistert von der Realisierung und Organisation unserer Geburtshäuser in Loharbada und Seri sowie von der positiven Resonanz der Bevölkerung. Bei einem Treffen im Juli haben sie uns, Back to Life, offiziell angefragt, ob wir bereit wären, das leerstehende Gebäude als Geburtshaus zu betreiben. Unsere Manager, Dikendra Dhakal und Achyut Paudel, besichtigten das Gebäude unverzüglich während ihrer nächsten Projektreise und kalkulierten, was die Renovierung und Inbetriebnahme an organisatorischen und finanziellen Gesichtspunkten erfordern würde und stellten einen Zeitplan auf.

Wir entschieden uns gerne dafür, diese Kooperation mit dem Land Nepal einzugehen, denn bietet doch dieses Bündeln von Mitteln den vergessenen Menschen eine wirkliche Chance.

Da wir unbedingt vor dem Wintereinbruch das Haus eröffnen wollten, legten wir unverzüglich los, um einerseits die Instandsetzung des Gebäudes zu organisieren, andererseits eine Hebamme und eine Krankenschwester als neues Geburtshausteam zu finden und einzustellen sowie das gesamte notwendige Equipment für die Inbetriebnahme zusammenzustellen.

Im Oktober wurde dann das gesamte Material und Equipment auf LKWs geladen und quer durch Nepal nach Nepalganj transportiert. In Asien sind solche Transporte oft mit Verzögerungen, unvorhergesehenen Hindernissen, unterschiedlichen Zeitauffassungen sowie Ausfällen aller Art verbunden. Es ist schwierig, Güter durch dieses Land zu bewegen, das kein Eisenbahnnetz aufweist sowie keine Tunnel, sondern nur uralte Lastwagen.

Eine kleine Cargomaschine flog dann die Ladung von Nepalganj aus in die Berge Mugus. Von der dortigen Flugpiste benötigte unser Team 28 Träger, um das komplette Material, bestehend aus medizinischen Geräten und Instrumenten, Medikamenten, Möbeln und Ausstattung, Solaranlagen, Batterien, Kabeln etc. zu Fuß bis in das Dorf Kachya zu transportieren. Der Weg dort hin ist zu in der Monsunzeit besonders beschwerlich und kann durch Steinschläge oder Erdrutsche lebensbedrohend werden. Nach 15 harten Stunden erreichten sie dann alle unversehrt das Dorf. Durchnässt, verschmutzt und sehr hungrig.

Als unsere neue Hebamme Sarita und die ihr künftig assistierende Krankenschwester Srijana zusammen mit unserem Team das Material auspackten und das Haus einrichteten, kamen sofort neugierige Bewohner herbei, um  mit eigenen Augen nachzuschauen, wie ein Geburtshaus aussehen könnte. Das gesamte Dorf versammelte sich zur feierlichen Einweihung ein paar Tage später.

 „Als Frau und Hebamme weiß ich, wie wichtig die Geburtshäuser von Back to Life in Mugu sind. Jeden Tag kann ich die Freude und Erleichterung der schwangeren Frauen über diese für die Region neue Institution sehen.
Dieses Geburtshaus ist eine Spende von Frauen und Müttern aus Deutschland, die sich mit uns verbunden fühlen.
Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als heute das dritte Geburtshaus in Kachya einzuweihen“, sagte Saroja sichtlich berührt.

 

 

Viele Bewonher kamen zur offiziellen Einweihung des Geburtshauses in Kachya (re.), die von Saroja, der Hebamme unseres ersten Geburtshauses in Loharbada vorgenommern wurde (li.).


Saroja ist sehr erfahren und setzt sich mit viel Herzblut für die Frauen in der Region ein. Sie wird, wie auch schon in unserem zweiten Geburtshaus in Seri, immer wieder in Kachya nach dem Rechten sehen und das neue Geburtshausteam unterstützen und beraten.

 „Dieses Haus ist rund um die Uhr besetzt. Wann immer ihr also Beschwerden oder Fragen habt, seid ihr herzlich willkommen, uns aufzusuchen“, rief die neue Hebamme Sarita den anwesenden Frauen und Männern zu. „Und bitte, bringt eure Kinder nicht im Stall zur Welt, sondern kommt in dieses Haus, wo ihr sicher versorgt seid und begleitet werdet. Hier könnt ihr die Tage nach der Geburt in Geborgenheit verbringen, bis ihr und euer Kind bei Kräften seid. Die Regierung fördert die Geburt in diesem Haus außerdem mit 1.500 Rupien (ca. 12 Euro) für jeden von Euch. Also lasst uns dieses schöne Haus gemeinsam mit Leben füllen.“

 

 

In den beiden folgenden Tagen nahmen bereits 34 schwangere Frauen an einer ersten Voruntersuchung und Beratung teil. Gemeinsam wurden Fragen bezüglich Hygiene, Ernährung, Krankheitsvorbeugung und Familienplanung besprochen.

Sarita und Srijana, die Hebamme und Krankneschwester unseres neuen Geburtshauses, bei den Voruntersuchungen.


In unserem ersten Geburtshaus in Loharbada kamen in den letzten beiden Jahren 58 Babys und in Seri 32 gesund zur Welt. Dort wo es die Geburtshäuser gibt, musste keine Frau mehr ihr Kind im Wald oder im Viehstall zur Welt bringen. In allen drei Geburtshäusern zusammen lassen sich derzeit über 100 schwangere Frauen regelmäßig untersuchen und werden ihre Kinder unter unserer Obhut zur Welt bringen. Ein großartiger Erfolg, den wir in den kommenden Jahren gerne in weitere Dörfer Mugus tragen möchten und der ohne Ihre Unterstützung nicht möglich gewesen wäre.

 


Besonders danken möchten wir an dieser Stelle dem Rotary Club Alzenau, dem Lions Club Aschaffenburg-Alzenau sowie dem Zonta-Club Alzenau. Gemeinsam organisierten sie eine großartige Benefiz-Veranstaltung, um ein „Alzenauer Haus“ in Mugu ins Leben zu rufen. Zusammen mit den etwa 400 spendenfreudigen Besuchern ist es ihnen somit gelungen, einen entscheidenden Beitrag zur Verwirklichung unseres dritten Geburtshauses zu leisten.

 

 

Der Erfolg unserer Geburtshäuser freut uns wirklich von Herzen und für die Frauen Mugus sind Ihre Geburtshauspatenschaften wie ein Segen.

Daher möchten wir uns im Namen aller Frauen und Familien, die in Mugu von unseren Geburtshäusern profitieren, ganz herzlich bei Ihnen bedanken.