Aktuelles

12.05.2015

Zweites großes Erdbeben in Nepal

Unser Team in Kathmandu hatte den ganzen Vormittag bereits Besprechungen in unserem Büro, um die Soforthilfe von Back to Life zu koordinieren. Die Schwerpunkte dabei waren medizinische Hilfe, Nothilfepakete sowie Zeltschulen einzurichten. Als die Aufgaben verteilt waren, verließen sie 12.45 das Büro. Achyut (Projektleiter) machte sich ebenso auf den Weg, um an einer Sitzung im SWC (Social Welfare Council) teilzunehmen. Dikendra (Projektleiter) verblieb im Büro.

Er berichtet:
„Es war 12.50, Nepali Zeit. Ich war alleine im BTL Büro und schrieb Berichte. Auf einmal brach wieder ein Beben los, die Fenster ruckten, die Wände und Mauern schwankten, erneut dasselbe Gefühl, als täte sich die Hölle auf. Das Geräuschinferno werde ich nie vergessen können, mein Leben lang nicht. Die Papiere flogen von meinem Schreibtisch, ich sprang auf, doch konnte mich nicht wirklich auf den Beinen halten, also setzte ich mich in die Mitte des Zimmers auf den Boden, der hin und herruckte. Eine Minute später erst realisierte ich, dass der Büroraum bereits ein einziges Chaos war.“

Die Bilder fielen von der Wand, Schränke stürzten um, Papier und Akten lagen verstreut über den Boden, meine Wasserflasche rollte an mir vorbei. Ich griff mein Telefon und rannte aus dem Büro ins Freie.
Ich versuchte, meine Familie, Achyut und unsere Mitarbeiter zu erreichen, doch kam nirgendwo durch. Kurz darauf läutete mein Telefon und Achyut war dran, unverletzt. Schnell tippte ich Nachrichten (SMS) an alle Mitarbeiter in mein Telefon und nach und nach meldeten sie sich zurück. Auch mit meiner ältesten Tochter konnte ich Nachrichten austauschen. Ich schloss die Bürotür und machte mich zu Fuß auf den Weg zu meiner Familie. Ganz Kathmandu war auf den Straßen unterwegs, alle suchten das Freie, die meisten Leute führten panische Gespräche am Telefon, manche weinten.

Als ich zur Bagmati Brücke kam, hörte ich bereits von überall Sirenen aufheulen. Die Leute riefen sich zu, wo es neue fatale Zerstörungen gab. Die östlichen Distrikte sollen diesmal schwer betroffen sein. Ich rief sofort einen Freund und Kollegen in Sindhupalchok an, der tatsächlich abhob. Er berichtete mir, dass der Arniko Highway nach China durch massive Erdrutsche unpassierbar sei, er selbst stecke auf dem Highway fest, der die einzige Straße ist, die Kathmandu direkt mit China verbindet, eine enorm wichtige Verkehrsader.

Die Straßen Kathmandus waren noch chaotischer als üblich, ein jeder versuchte, irgendwie zu seinen Angehörigen durchzukommen, zu Fuß, per Rad, Motorrad oder Auto.
(Anmerkung: Das erste Beben geschah an einem Samstag, das ist der einzige Tag der Woche, an dem Schulen und Büros geschlossen sind, das heißt, viele Familien waren zusammen, als es passierte. Doch heute nicht. Diejenigen, die noch eine Arbeit haben, waren fern von Zuhause.)

Ich lief weiter und sah im Vorbeigehen, wie sich die Plätze mit verzweifelten Menschen füllten, ganz so wie nach dem ersten Beben am 25. April. Doch dieses Mal haben die meisten ihre Notration sowie Plastikplanen und Decken dabei in Bündeln. Sie richteten sich erneut auf das Überleben am Straßenrand und Kathmandus wenigen freien Plätzen ein.

Als ich endlich mein Viertel erreichte, war ich sehr erleichtert, mit eigenen Augen zu sehen, dass meine ganze Familie - auch mein alter Vater - unverletzt waren. Ich schloss sie alle fest in meine Arme und wollte sie gar nicht mehr loslassen.

Die Schwachen, die Verletzten, die Kinder und die Alten leiden unermesslich. Wir sind der Gewalt dieser Beben hilflos ausgeliefert. In vielen Teilen des Landes regnet es stark, Gewitter und Blitze gehen auf die Menschen nieder und bereiten ihnen zusätzliche Angst, verschlimmern ihr Dasein.

Zuerst überlegte ich noch, ob meine Familie und ich wieder auf der Straße hausen sollten, doch die Gefahr, in einem Gebäude zu sein, ist einfach zu groß. Wir werden unser Lager am selben Platz aufschlagen, meine 2 Töchter (14 und 18 Jahre), meine Frau, mein alter Vater (77 Jahre), mein Sohn (2) und ich.’

Liebe Paten, die Kommunikationsmöglichkeiten nach Nepal sind derzeit sehr eingeschränkt und wir haben noch keinen genauen Überblick über das Ausmaß des Erdbebens von heute Morgen. Sobald wir verlässliche Nachrichten aus Mugu und allen Projektdörfern in Chitwan haben, teilen wir das Euch mit.

Namaste, Stella