Auf wiedersehen, Mugu – das neue Leben von Khushi

Kinderlachen schallt durch den kleinen Raum. Amma erhitzt gerade am offenen Feuer einen großen Topf, randvoll mit Öl gefüllt. Ihre jüngste Tochter Khushi, noch ein Kleinkind von eineinhalb Jahren, das erst vor Kurzem das Laufen erlernt hat, tobt mit ihren Geschwistern ausgelassen um die Mutter herum. Die Flammen der offenen Feuerstelle in der Mitte des Raumes werfen nur ein schwaches Licht an die verrußten Wände. Das Haus besteht einzig aus diesem Raum, hier kocht die Familie, isst, sitzt beisammen und schläft des Nachts. Amma siebt das grobgemahlene Mehl. Endlich siedet das Öl. Die Mutter knetet den Teig. Sie arbeitet schnell, jeder Handgriff sitzt. Sie hört das Jauchzen und Lachen ihrer Kinder, die hinter ihr lautstarkes Fangen spielen, merkt aber nicht, dass sie dem Feuer zu nahekommen. Im Bruchteil einer Sekunde geschieht das Unglück: Khushi erhält einen unbeabsichtigten Stoß und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie stürzt ungebremst gegen das nur unzureichend gesicherte Gefäß über den Flammen und bringt es zum Kippen. Amma muss hilflos mitansehen, wie sich siedendes Öl im Schwall über ihr kleines Mädchen ergießt. Khushi schreit unter furchtbaren Schmerzen und verliert schließlich das Bewusstsein. Von der Unterlippe abwärts verbrennt ihr gesamter Oberkörper, sowie Arm, Hals und Schulter. Ein lebendiger Albtraum.

KHUSHI RINGT LANGE MIT DEM TOD
Es gibt zu dieser Zeit keinerlei ärztliche Hilfe in der Nähe. Amma ist verzweifelt, sie kann ihrer kleinen Tochter nicht helfen. Sie behandelt den verbrannten Körper mit selbstgemachten Kräuterverbänden, mehr hat sie nicht. Es dauert viele Monate, bis Khushi sich ein wenig erholt.

Kurz darauf schlägt das Schicksal erneut zu: Khushis Vater fällt tot um. Amma steht mit 4 Kindern mittellos und alleine da. Das Leben hat sie schwer gezeichnet: Mit 40 Jahren wirkt sie wie eine 60-jährige Frau. Sie ist müde, verbraucht, desillusioniert. Es gibt keinerlei Perspektive oder Hoffnung für die Familie.
Das Kleinkind Khushi wächst zu einem kleinen Mädchen heran und hat wulstige Narben auf ihrem Körper, die so unvorteilhaft verwachsen, dass sie bei vielen Bewegungen behindern. Sie kann weder den rechten Arm heben noch ihren Mund schließen – ihre Unterlippe ist mit dem verbrannten Hals verwachsen. Ihre Aussprache ist daher nicht deutlich.

DIE MUTIGE BITTE EINER VERZWEIFELTEN MUTTER
Als wir 2010 die sechsjährige Khushi in ihrer hoffnungslosen Situation vorfanden, beschwor mich ihre Mutter, das Mädchen für eine medizinische Behandlung nach Kathmandu mitzunehmen. Sie sagte, dass ihre Tochter ohne Unterstützung niemals eine Chance im rauen Alltag von Mugu haben würde. Aufgrund ihrer Verbrennungen und Verwachsungen könnte sie nicht richtig hart arbeiten und kein Mann in der gesamten Bergregion würde Khushi je zur Frau nehmen. Das Flehen von Amma berührte mich sehr. Wir beschlossen daraufhin, das Mädchen in einem auf Verbrennungen spezialisierten Krankenhaus in Kathmandu behandeln zu lassen. Amma arbeitete zu dieser Zeit wechselnd als Lastenträgerin, im Hausbau sowie als Feldarbeiterin.
Bevor die Reise losging, schlossen wir unter den Augen der Dorfgemeinschaft einen Vertrag mit Amma, der sie über die Risiken einer Operation aufklärte und besagte, dass Back to Life für alle Kosten während der Behandlung in Kathmandu aufkäme. Als Amma dies begriff, fielen ihr große Steine vom Herzen. Da sie weder lesen noch schreiben konnte, las der Bürgermeister des Dorfes ihr alles vor. Anschließend setzte sie als Signatur ihren Fingerabdruck unter das Dokument.“

FLUG IN EIN NEUES LEBEN – ZWISCHEN ANGST UND HOFFNUNG
Amma wird uns nach Kathmandu begleiten. In Nepal muss stets ein Angehöriger im Krankenhaus anwesend sein, um dem Patienten z.B. die Mahlzeiten zu reichen, ihn zu waschen oder zur Toilette zu begleiten, denn das wird nicht von den Krankenschwestern erledigt.
Amma ist mulmig zumute, als sie mit Khushi und ihrer jüngsten Tocher Chutki, die sie nicht in Mugu zurücklassen will, am Talcha Airport auf das kleine Flugzeug zugeht. Noch nie im Leben ist sie geflogen. Zusammen mit dem restlichen Team steigen wir in das Flugzeug, eine klapprige alte Propellermaschine, die in Europa längst außer Dienst gestellt wäre. 2010 ist die Start- und Landebahn der in den Berg geschlagenen Flugpiste noch nicht asphaltiert und so muss der Flieger auf einer staubigen Schotterpiste abheben. Ein Glücksspiel, bei dem viel schiefgehen kann. Endlich in der Luft, traut Amma kaum ihren Augen, als sie den Blick aus dem Fenster wagt: Sie realisiert, dass sie gerade in nur wenigen Minuten über Gebirgspassagen dahingleitet, für die sie in ihrem bisherigen Leben tagelange Fußmärsche einplanen musste. Khushi hat Angst vor dem Fliegen und hält meine Hand fest umklammert.

EINE NEUE WELT ERÖFFNET SICH
In Kathmandu angekommen, staunt das Mädchen über die vielen fremden und überwältigenden Eindrücke der Hauptstadt, den Straßenverkehr, die Geschäfte, die vielen Menschen und den Lärm. So viel Bewegung, leuchtende Farben überall, die verschiedensten Gerüche. Khushi weiß gar nicht, wo sie zuerst hinschauen soll. Stella entscheidet sich gegen ein Hotelzimmer für Khushis Familie und nimmt sie stattdessen lieber mit zu sich nach Hause. Lichtschalter, Wasserhähne, eine Dusche und die westlichen Toiletten sind der Familie völlig unbekannt.

ENDLICH VERSIERTE CHIRURGISCHE HILFE
Das circa eine Dreiviertelstunde außerhalb von Kathmandu, im Grünen gelegene Krankenhaus wurde von der deutschen „Interplast“ gegründet und bietet exzellente medizinische Hilfe. Dort soll Khushi einer ärztlichen Untersuchung unterzogen werden, fünf Jahre nach dem tragischen Unfall. Nachdem Dr. Shakya das Mädchen eingehend untersucht hat, gibt uns der Chirurg eine Prognose und sagt, sie müsse sich erst einmal auf drei größere Operationen mit Hauttransplantationen einstellen und 2-3 Monate im Krankenhaus bleiben. Dies seien nur die ersten von vielen Eingriffen, die über die Jahre nötig würden, um dem Mädchen ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen. Während der ersten Operation warten Amma und Stella angespannt, bis Khushi endlich aus der Narkose erwacht. Beim ersten Verbandswechsel wird bereits sichtbar, welche hervorragende Arbeit der Chirurg geleistet hat: Die schlimmsten Verwachsungen an Hals und Kinn konnten gelöst werden, Khushi kann ihren Mund wieder schließen. Sie betrachtet sich staunend im Spiegel. Trotz Verband sieht man ihr Lächeln. Im Verlauf der nächsten Tage wird ihre Stimme kräftiger, lauter, selbstbewusster. Sie kann nun deutlich sprechen, das Mädchen blüht auf.

EIN JEDER SCHLIEßT DAS TAPFERE MÄDCHEN INS HERZ
Ich schenkte ihr einen Teddybär, den sie von da ab nicht mehr loslässt. Den Hals mit einer Krause bedeckt, steht sie bald nach der Operation für die Mahlzeiten wieder auf und spielt mit den anderen Kindern im Garten des Krankenhauses. Natürlich besuche ich sie so oft ich kann, denn die Tage im Krankenhaus sind lang. Neben Früchten, Saft und Keksen bringe ich auch Malfarben sowie Bastel- und Brettspiele mit ans Krankenbett. So verbringen wir Stunden spielend und die einst schüchterne Khushi öffnet sich mehr und mehr.

Schnell avanciert Khushi auch zum Liebling der Ärzte und Krankenschwestern, weil sie klaglos die schmerzhaften Verbandswechsel erduldet und bei der Physiotherapie motiviert mitarbeitet. Sie ist so froh und glücklich, endlich Hilfe zu bekommen. Auch Amma kann man ansehen, dass sich ihre erdrückenden Sorgen aufgelöst haben, sie sieht plötzlich 10 Jahre jünger aus und hat stets ein Lächeln im Gesicht.

GELUNGENE WIEDERHERSTELLUNGSCHIRURGIE
Auch die beiden nächsten Eingriffe an den Schultern, einer Achsel und den Armen verlaufen komplikationslos. Dr. Shakya ist sehr zufrieden mit den Resultaten und kann Khushi nach 11 Wochen aus dem Krankenhaus entlassen. Zwei Monate später soll sie zur Nachuntersuchung erscheinen, währenddessen ihre physiotherapeutischen Übungen weitermachen und die operierten Stellen bedecken und eincremen. Freudestrahlend verlässt die kleine Familie das Krankenhaus. Ich habe für die folgenden Tage mehrere Arztbesuche geplant, Amma soll zur Untersuchung zum Frauenarzt und die ganze Familie zum Zahnarzt gehen. Natürlich bleibt noch genügend Zeit, Khushi Kathmandu zu zeigen. Wir entdecken gemeinsam die verwinkelten Gassen der Altstadt, fahren Fahrradrikscha, besuchen den Innenhof der Kumari, bestaunen die Pagoden des Durbar Squares, umrunden Stupas, stöbern in den lokalen Märkten und fahren Rolltreppe in einer Shopping-Mall.

DIE SCHICKSALSFRAGE
Da nimmt mich auf einmal Khushis Mutter für ein wichtiges Gespräch beiseite. Sie erklärte mir, dass Khushi unbedingt in Kathmandu bleiben soll, für weitere Operationen und für eine gute Schulausbildung. Wenn sie zwischen Mugu und Kathmandu pendeln müsste, bliebe ihre Schulausbildung auf der Strecke. Ich war anfangs dagegen. Sie ist nun einmal ein Mädchen der Berge. Ich wollte sie nicht entwurzeln oder riskieren, sie ihrer Familie zu entfremden. Es brach mir fast das Herz, mir vorzustellen, wie Amma sich fühlen musste: Das eigene Kind aus purer Not wegzugeben, damit es überhaupt die Chance einer Ausbildung erhalten kann. Doch als auch Khushi von sich aus vollem Enthusiasmus und mit Nachdruck darum bat, in Kathmandu bleiben und hier zur Schule gehen zu dürfen, willigte ich schließlich ein. Dabei ahnte ich bereits, dass dieses Mädchen eine starke innere Kraft hat und bereit ist, ihren eigenen Weg zu gehen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

DAS BERGMÄDCHEN LERNT DAS GROßSTADTLEBEN | Als ich mit Khushi das Kinderheim und die Schule besuche, die ihr neues Zuhause werden soll, ist sie sofort begeistert. Vom Schuldirektor und seiner Familie willkommen geheißen, geht sie auf Entdeckungstour, staunt über die buntgestrichenen Zimmer für die Mädchen, die Schränke und Bücherregale und die vielen geräumigen Klassenräume der Schule. Hier wird sie bald in Englisch unterrichtet werden. Draußen gibt es einen Spielplatz und einen Garten. Alles ist kindgerecht und liebevoll eingerichtet, der Speisesaal sieht aus wie eine riesige, gemütliche Wohnküche. Khushi freut sich besonders über einen Mitbewohner: Blacky, den Schäferhund des Direktors. Er wird sogleich ihr bester Freund. Sie lebt sich im Handumdrehen in ihrer neuen Umgebung ein und findet sofort Anschluss.

BESTENS AUFGEHOBEN UND VOLLER CHANCEN
Auch in den Jahren 2011 bis 2014 unterzieht sich Khushi immer wieder neuen Operationen, um das wulstige Narbengewebe entfernen zu lassen. Es ist schon zur Routine geworden, schmerzhaft bleibt es trotzdem. Wir fliegen immer wieder Amma zu den OPs ein, damit ihre Tochter die bestmögliche Pflege im Krankenhaus erhält. Die Mutter ist überwältigt von der Unterbringung ihrer Tochter – erst im Kinderheim, dann in der liebevollen Pflegefamilie, die Khushi wie eine Tochter aufnimmt. Dort lebt sie heute noch und fühlt sich Zuhause. Es bleibt Amma bei ihren Besuchen auch nicht verborgen, wie rasant sich ihre Tochter entwickelt, wie sie aufblüht und wissbegierig alle ihr zur Verfügung stehenden Bildungsmöglichkeiten nutzt. Neues Wissen saugt sie auf wie ein Schwamm. Neugierig auf Khushis Alltag besucht Amma sogar eine Schulstunde und lässt sich sämtliche Hefte und Schulunterlagen zeigen. Sie ist stolz auf ihre Tochter und ihre Dankbarkeit Back to Life gegenüber kann sie kaum in Worte fassen. Mit Tränen in den Augen sagt sie: „Ihr habt Khushi ein neues Leben geschenkt!“ Mit ihrer Mutter und den Geschwistern hält Kushi über das Telefon Kontakt. Heimweh habe sie eigentlich nicht, sagt sie. Kathmandu ist nun ihr Zuhause.

KHUSHIS FAMILIE IN MUGU IST NICHT VERGESSEN
Bei einem Projektbesuch 2012 finden wir Amma schwer erkrankt in ihrem Haus in Mugu vor. Ihr Zustand ist kritisch, sie ist mit hohem Fieber dem Tode nah. Wir bringen sie umgehend in eine Klinik. Die Strapazen zollen ihren Tribut: Täglich bis zu 15 Stunden Knochenarbeit unter fortlaufender Mangelernährung – eine Kombination, die schon tausenden in Mugu zum tödlichen Verhängnis wurde. Doch Amma gesundet und Khushi ist sehr erleichtert.

REISEZIEL ABITUR | Die folgenden Schuljahre absolviert Khushi sehr erfolgreich. In ihren Hauptfächern Englisch und Mathematik, aber auch in den Nebenfächern Sozialkunde, Naturwissenschaften und IT schreibt sie Bestnoten. Ihre fließenden Englischkenntnisse sind sehr beeindruckend.

Damit sie jedoch ihre Wurzeln nicht vergisst, reist Khushi einmal im Jahr in die Berge nach Mugu und verbringt ihre Schulferien dort mit ihrer Familie. Als Khushi das erste Mal in ihr Heimatdorf in den Bergen zurückkehrte, staunten die Dorfbewohner über ihr schönes Gesicht und ihr neugewonnenes Lächeln. So etwas haben sie bisher noch nicht gesehen, noch nie ist einem Verbrennungsopfer aus ihrer Gegend eine solche Hilfe zuteilgeworden.
Die Nachbarn und Kinder wollen ganz genau wissen, wie das Leben in Kathmandu ist. Khushi kommt aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Das gesamte Dorf ist stolz auf das kleine Mädchen, das sich so tapfer gegen das Schicksal stemmt.

KHUSHI IST GLÜCKLICH | Mittlerweile besucht Khushi die 10. Klasse, sie hat ihr Abitur schon fest im Blick. Neben der Schule verbringt sie Zeit mit ihren Freundinnen, sie tanzt gerne und hat vor einer Weile begonnen, Gitarre zu spielen. Außerdem ist sie schon
seit Jahren bei den Pfadfindern und genießt die Ausflüge mit anderen Jugendlichen zum Campen in der Natur Nepals. Wie gerne würde sie ihren Pfadfinderfreunden einmal Mugu zeigen! Wie die meisten Teenager geht sie gern mit ihren Freundinnen zum Basar, um Kleidung zu kaufen – sie ist ein modebewusstes Großstadtmädchen geworden. Das Internet und die sozialen Netzwerke nutze sie mit Bedacht, sagt sie selbst und setze sich nur freitags an den Laptop ihrer Pflegefamilie, den sie jederzeit benutzen darf.

Khushi ist eine Vorzeigeschülerin, die für eine ganz neue, gebildete Generation Nepals steht. Sie ist auf einem sehr guten Weg und bei bester Gesundheit – auch wenn es immer wieder erforderlich sein wird, die vernarbten Stellen ihres Körpers zu behandeln und zu operieren.

Übersetzt bedeutet ihr Name übrigens „glücklich“. Nach einem harten Start ins Leben mit furchtbaren Erfahrungen, Schmerzen und Entbehrungen kann man jetzt behaupten, dass dies ein wahrhaft treffend gewählter Name ist. Denn glücklich, das ist Khushi heute.

CORONA-LOCKDOWN BEI DER FAMILIE IN MUGU
Den Lockdown von März bis Juli 2020 während der Corona-Pandemie verbrachte sie bei ihrer Familie in Mugu. Dort gibt Khushi ihr Wissen weiter: „Für die Kinder meiner Familie und die Nachbarskinder habe ich einen Workshop organisiert und sie über Corona aufgeklärt. Es ist wichtig, dass man Wissen weitergibt. Ich habe durch Back to Life das große Glück, eine gute Schulausbildung in Kathmandu zu bekommen. Ich hatte keine Angst vor Corona in meinem Dorf. Das Back to Life-Geburtshaus unterstützt die Dorfbewohner, gesund durch die Corona-Krise zu gehen. Außerdem hat Back to Life den Familien geholfen, die sonst Hunger gelitten hätten. Insgesamt sind wir alle recht gut durch den Lockdown gekommen, wenn man sich auch nicht außerhalb des Dorfes aufhalten durfte.“
Auf die Frage, was sie während dieser Zeit am meisten vermisst hat, antwortet Khushi: „Meine Schule! Nach etwa 3 Wochen begann ich dann von Mugu aus mit dem Homeschooling. Da es im nahegelegenen Back to Life-Büro einen Internetzugang gibt, konnte ich an dem Online-Unterricht meiner Schule teilnehmen. Das Büro ist nur 45 Minuten Fußmarsch von meinem Dorf entfernt, so konnte ich täglich dabei sein. Ich hatte dadurch einen guten Austausch mit meiner Klasse.“

BONUS INTERVIEW:

Im Herbst 2018 lud Stella in Kathmandu Khushi zu sich nach Hause ein. Aus einem gemeinsamen Mittagessen entwuchs eine angeregte Unterhaltung über Khushis Leben in Kathmandu und die gesellschaftliche Entwicklung von Mugu, die aufzeigt, wie weit das heute 14-jährige Mädchen bereits in seiner Entwicklung ist. Immer wieder hat man das Gefühl, einer jungen Erwachsenen zuzuhören. Hier ein paar Auszüge aus dem Gespräch.

Stella: Liebe Khushi, wie ist es für dich heutzutage, wenn du nach Mugu zurückkehrst?

Khushi: Immer, wenn ich zurück bin, rufen die Kinder ihren Eltern zu: „Khushi ist zurück! Kann ich sie gleich treffen?“ Meine Freunde stehen dann auf den Dächern und den Erhöhungen der Häuser und winken mir zu. Ich freue mich dann sehr, es sind noch immer enge Freunde für mich.

Stella: Aber dein Leben hat sich natürlich schon sehr verändert.

Khushi (lacht): Oh ja, jedesmal wenn sie mich in Mugu mit Hosen sehen, wundern sie sich doch sehr. „Wie kann sie nur Hosen tragen? Mädchen tragen keine Hosen!“. Aber ich trage eben nur noch Hosen…

Stella: Was fragen dich deine alten Freunde?

Khushi: Natürlich wollen sie viel über mein Leben in Kathmandu wissen. Aber manchmal kommen auch Aussagen wie: „Ich glaube, du magst deine Freunde in Kathmandu lieber als uns, du hast dort bestimmt viel mehr Freunde…“ Aber ich beruhige sie dann und versichere ihnen, dass sie mir genauso wichtig sind.

Stella: Hilfst du in Mugu bei den Hausarbeiten, die ja viel mühsamer als die in Kathmandu sind?

Khushi: Ich biete immer an, in der Küche zu helfen, aber meine Familie möchte nicht, dass ich im Haus etwas tun muss. Sie sagen immer, wenn du unbedingt etwas tun willst, dann bring das Vieh zum Grasen oder gib ihm Wasser. Deshalb sitzen wir meist zusammen und unterhalten uns. Meine Mutter hat nun mehrere Kühe, Ochsen und einen Büffel. Unsere wirtschaftliche Situation hat sich deutlich verbessert. Unter dem Haus haben wir nun einen kleinen Laden, in dem meine Mutter Milch verkauft.

Stella: Liest du immer noch so viel?

Khushi: Ja, sehr viel. Meine Freunde sind immer ganz erstaunt, wie viel… Alleine letzten Monat habe ich 4 Bücher gelesen. Das inspiriert auch mein Umfeld, mehr zu lesen. In der Bücherei der Schule bin ich wohl diejenige, die am meisten ausleiht.

Stella: Dein English ist wirklich sehr gut geworden. Als wir uns das erste Mal trafen, konntest du noch kein einziges Wort Englisch sprechen.

Khushi: Das stimmt, ich konnte damals noch nicht mal richtig Nepali sprechen. Als du das letzte Mal in unserem Dorf warst, hast du auf English etwas gesagt und alle haben mich angeschaut und gefragt: „Kannst du das verstehen?“

Stella: Aber sie waren nicht eifersüchtig?

Khushi: Nein, sie sind stolz auf mich.

Stella: Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Khushi: Oh, ich habe so viele Träume… Ich würde gerne ferne Länder bereisen. Und ich möchte den Mount Everest besteigen, zumindest bis zum Base Camp. Aber ich wäre auch gerne eine Tierärztin oder Physiotherapeutin. Mode-Design interessiert mich aber auch.

Stella: Mittlerweile sind die ersten Straßen nach Mugu gebaut und die Hauptstadt Gamgadhi hat sich spürbar weiterentwickelt. Glaubst du, das moderne Leben wird Mugu weiterhelfen?

Khushi: Ich glaube, es wird einfacher für die Menschen werden. Wahrscheinlich werden nun auch mehr Waren von Mugu nach Kathmandu transportiert und verkauft werden können. Zum Beispiel unsere Äpfel, die schon jetzt in Kathmandu begehrt sind. Alle werden an der Entwicklung teilhaben wollen und dafür Hand in Hand arbeiten. Ich denke, es wird noch viel in Mugu passieren…

Stella: Wir haben uns entschieden, weitere landwirtschafte Projekte in Mugu anzustoßen, um Abwanderung vorzubeugen und die Menschen dabei zu unterstützen, frisches Obst und Gemüse biologisch anzubauen.

Khushi: Das ist eine gute Idee, aber natürlich wächst nicht alles in Mugu. Dazu braucht es Landwirtschaftsexperten, die sich damit auskennen. Was ich sehr cool finde, ist, dass in Mugu nur biologisch angebaut wird, ganz ohne chemische Düngemittel. Die Ernten haben eine gute Qualität – vielleicht werden einige Menschen damit wohlhabend werden und zur Mittelklasse aufsteigen.

Stella: Hast du vom Verbot der Kinderheirat in Nepal gehört?

Khushi: Das ist sehr gut. Auch meine Schwester heiratete noch als Teenager. Nun ist sie 18 und hat schon längst ein Kind. Ich war sehr verärgert über ihre damalige Entscheidung. Hätte sie nicht so früh geheiratet, hätte sie eine bessere Zukunft vor sich gehabt. Das habe ich ihr auch gesagt. Aber meine andere Schwester meinte nur: „Khushi, du bist gebildet, du hast ganz andere Chancen als wir. Lass sie doch tun, was sie will, es gibt hier eben nicht viele Möglichkeiten.“

Stella: Meinst du, das Gesetz wird etwas bewirken?

Khushi: Derzeit wird sich in den Dörfern wohl kaum etwas verändern. Zuerst sollten alle möglichst gut in Schulen unterrichtet werden, dann werden auch die Kinderehen aufhören. Doch die Regierung legt keinen Fokus auf Mugu. Dabei ist Bildung so wichtig, es sollte die höchste Priorität haben! Meine kleine Schwester will nicht heiraten, sie will lesen. Ich denke, wenn ich erwachsen bin, werde ich sie zu mir nach Kathmandu holen. Mittlerweile habe ich schon alles über Hausarbeit gelernt, ich werde das schaffen. Auch, wie man Geld anspart, weiß ich schon. Es ist schwer zu ahnen, wie lange meine Mutter noch leben wird, aber meine Schwester ist jung und ich will ihr helfen.

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