Der lange Weg ins Glück

HAND IN HAND FÜR EIN BESSERES LEBEN

von Stella Deetjen 2019/2020

Die Schreie der verzweifelten Mutter zerrissen die Stille der eiskalten Winternacht in den Bergen Mugus. Im Nu liefen die Nachbarn zusammen und versammelten sich vor dem Haus der Karkis. Was war nur geschehen? Auch das kürzlich geborene Baby der Familie, ein kleiner Junge und der ganze Stolz seiner Eltern, schrie aus Leibeskräften bis er abrupt verstummte. Als der Vater zitternd vor die Tür trat, erfuhr das Dorf von dem tragischen Unglück, das sich gerade ereignet hatte.

Gefährliche Armut
Die Familien in Mugu besitzen keine Heizung, abends kriecht die Kälte durch das Mauerwerk und einzig das offene Feuer in der Mitte des Wohnraums dient als Heiz-, Koch- und Lichtquelle. Um dem Säugling trotz der harschen Temperaturen ein wenig Schlaf zu ermöglichen, bettete seine Mutter ihn auf einer Decke neben dem Feuerplatz und ging ihrer Hausarbeit nach. Unbemerkt rollte das Baby zur Seite und landete ungebremst in den lodernden Flammen. In Panik zog ihn seine Mutter blitzschnell aus dem Feuer. Sein Leben konnte sie gerade noch retten, doch sein Köpfchen, seine rechte Seite und insbesondere die rechte Hand waren völlig verbrannt. Er atmete noch ganz flach, lag aber wie tot in ihren Armen, vor Schmerzen bewusstlos.

Die Tragödie ereignete sich vor knapp 10 Jahren. Damals gab es kein Krankenhaus in Mugu, an das sie sich hätten wenden können, noch nicht einmal für Erste Hilfe.

Der eilig herbeigerufene Schamane winkte ab, er könne die Verbrennungen nicht behandeln, sie seien zu schwerwiegend. Die Karkis wussten, dass sie so schnell wie möglich das Tiefland erreichen mussten, doch für jegliche medizinische Hilfe besaßen sie nicht die Mittel. Die Dorfbewohner legten zusammen und liehen den Karkis das Geld, um nach Palpa zu kommen, wo es eine Klinik für Verbrennungsopfer gab. Voller Angst und Sorge um ihren Sohn traten sie die weite und beschwerliche Reise mit dem vor Schmerzen tagelang unaufhörlich schreienden Säugling an.

Tragische Konsequenzen
Der erst sechs Monate alte Jay (auch Jaya genannt) musste viele Wochen in dem Krankenhaus in Palpa bleiben. Die Ärzte versuchten ihr Bestes, doch sie konnten die Hand des Kleinen nicht retten und amputierten sie schließlich.

Zurück in Mugu verkaufte das Ehepaar den gesamten Besitz, um zumindest einen Teil des geliehenen Geldes den Nachbarn zurückzahlen zu können und der Vater begab sich nach Indien, um dort als Tagelöhner zu arbeiten – bis heute. Das verdiente Geld sendet er nach Hause zur Schuldentilgung und zum Unterhalt der nun völlig verarmten Familie. Einmal pro Jahr kehrt er zurück nach Mugu, um seine Familie zu sehen.

Jay indessen wuchs heran und wurde überall zum Außenseiter. Die Situation von behinderten Kindern hoch in den Bergen, wo es ganz besonders auf körperliche Fitness und Unversehrtheit ankommt und nur die Starken überleben, ist beklagenswert. Oft werden sie diskriminiert und vernachlässigt, das beginnt schon in den eigenen Familien und endet in sozialer Ächtung durch ihre Mitmenschen.

Anstatt ein behindertes Kind beim Heranwachsen zu unterstützen und ihm jegliche Hilfestellung anzubieten, werden sie ständig darauf hingewiesen, dass sie in Zukunft wahrscheinlich nicht gut arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Als Konsequenz tragen viele dieser Kinder neben dem körperlichen Leid auch schwere seelische Schäden davon.

Jay war das dritte Kind seiner Eltern, der erste und einzige männliche Nachkomme, nachdem seine Mutter bereits zwei Töchter geboren hatte. Die Karkis waren einst so glücklich über seine Geburt, denn für Hindus ist es von größter Bedeutung, zumindest einen Sohn zu haben. Nur ein Sohn darf das Kremationsfeuer der Eltern anzünden und nur dann erhält die Seele der Verstorbenen Erlösung. Außerdem ist ein männlicher Nachkomme der Garant für ihre Altersversorgung. Töchter heiraten und gehen damit in ihre neue Familie ein. Mittlerweile fürchteten Jays Eltern, dass er eben all das nicht leisten könne und beschlossen, einen weiteren Sohn zu zeugen. Doch das Schicksal brachte ihnen erneut ein Mädchen und erst das fünfte Kind war wieder ein Junge.

Endlich Zuwendung
Unser Team in Mugu traf 2018 auf Jay. Sein Unglück und seine schwere Alltagssituation machte uns alle sehr betroffen. In seinem Dorf wurde ihm ständig suggeriert, für die Armut seiner Familie verantwortlich zu sein und er litt unter Schuldgefühlen. Wir beschlossen sofort, ihn zu unterstützen. Jay ging nicht zur Schule und wir nahmen ihn in unser Back to Life- Patenschaftsprogramm auf. Um ihm ein besseres Umfeld zu ermöglichen, meldeten wir ihn in einer Schule in Gamgadhi an, der kleinen Distrikthauptstadt von Mugu. Die Schule bot auch Übernachtungsmöglichkeiten und wir hofften, dass er hier ein glücklicheres Leben haben könnte. Durch eine gute Schulbildung würde er hoffentlich später ein selbstbestimmtes Leben führen können. Doch unsere Pläne gingen nicht auf. Auch in Gamgadhi wurde er von seinen Mitschülern gemobbt und ausgeschlossen. Keiner wollte mit ihm spielen und die Kinder hänselten ihn unentwegt. Da seine rechte Hand amputiert ist, muss er mit der linken alle Tätigkeiten ausführen. Die Linke gilt als unrein, da sie normalerweise für den Toilettengang genutzt wird, um sich mit Wasser den Hintern zu säubern. Toilettenpapier kennen die Bergbewohner nicht. Gegessen wird ausschließlich mit der Rechten. Seine Mitschüler zeigten ihm bei jeder Mahlzeit ihre Verachtung, weil ihm das nicht möglich war. Auch die kahle Stelle am Kopf, die er wegen der Verbrennungen davontrug, war ein ständiger Anlass für Spott.

Immer wieder lief Jay davon und suchte Zuflucht in unserem Teambüro in Gamgadhi. So entschieden wir 2019, ihn nach Kathmandu zu holen. Hier in der Hauptstadt Nepals sind die Menschen gebildeter und gehen zivilisierter miteinander um, das Leben ist moderner.

Endlich Zuhause
Das war die richtige Entscheidung. Der Elfjährige blühte schon nach wenigen Tagen auf. Wir schulten ihn in ein gutes Internat ein, das ihm außerordentlich gefällt und wo er sich wirklich wohlfühlt. Es ist nicht nur das schöne und kindgerechte Umfeld, das ihm guttut, er hat endlich unter seinen Mitschülern Freunde gefunden, die ihm sogar das Fußballspielen beigebracht haben. Hier ist er kein Außenseiter mehr und die Erleichterung und das Glück darüber stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ich sehe gut aus, ich fühle mich gut, als hätte ich meine rechte Hand wirklich wiedergewonnen.“ Wenn Jay Sätze wie diese sagt, erhellt wieder dieses Strahlen sein Gesicht. Wir freuen uns sehr, ihm damit ein weiteres Stück Normalität schenken zu können.

Im Unterricht zeigt sich Jay derart motiviert, dass er bereits zwei Klassen überspringen konnte, um mit Gleichaltrigen die Schulbank zu drücken. Englisch ist neu für ihn, doch er ist fleißig. Sein Schuldirektor ist beeindruckt von Jays Leistungen und seinem unermüdlichen Lerneinsatz. Wenn der Junge Freizeit hat, spielt er am liebsten Schach und schlägt dabei locker seine Mitschüler. Jay teilt sich mit drei anderen Jungen ein Zimmer im „Grünen Haus“. Vielleicht ist deshalb seine Lieblingsfarbe Grün.

Eine neue Hand
Mein Team war mit Jay in einem spezialisierten Krankenhaus in Kathmandu, um ihm eine Handprothese zu ermöglichen. Die wurde extra für ihn gefertigt und angepasst und war nach einem Monat fertiggestellt. Das war ein aufregender Tag für Jay, aber auch für uns. Die Handprothese ist gut gelungen, sie ist leicht an- und auszuziehen und Jay kommt problemlos damit zurecht.

Jay ist begeistert von seinem neuen Leben in Kathmandu und wir sind sehr berührt davon, wie gut sich dieser Junge Tag für Tag entwickelt.

Dil, der unsere Patenschaften leitet, kümmert sich um Jay, seit dieser die Berge verlassen hat. Täglich besucht er ihn und fördert ihn liebevoll, schaut sich die Hausaufgaben an und beantwortet Jays Fragen. Dil hat immer ein offenes Ohr. Er ist für Jay da.

Corona-Lockdown bei seiner Familie in Mugu
Als im März 2020 in Nepal die Schulen wegen Corona schlossen, fragten wir Jay, ob er den Lockdown in seinem Heimatdorf bei seiner Familie verbringen möchte. Ein Teammitglied von Back to Life begleitete ihn auf dem langen Weg ins Hochgebirge gerade rechtzeitig vor dem landesweiten Lockdown und der Einstellung der Inlandsflüge.

Jay berichtet selbst: „Nach einem Jahr in Kathmandu kam ich zurück nach Mugu. Meine Mutter holte mich am Flugplatz ab. Wir übernachteten in Gamgadhi und liefen am nächsten Morgen sehr früh los zu unserem Dorf. Der Weg war sehr anstrengend. Und sehr weit. Nach 14 Stunden zu Fuß kamen wir an. Da war es schon dunkel. Mein Vater, meine Großeltern, meine Brüder, Schwestern, Onkel und Tante begrüßten mich. Alle staunten über meine neue Hand. Das hätten sie nie gedacht, dass sie so echt aussieht. Ich war müde von der langen Reise.“

Auf die Frage, wie er eine Zeit in Mugu verbrachte, antwortet Jay: „Ich blieb 4 Monate in meinem Dorf. Oft spielte ich Fußball mit den anderen. Früher haben sie mich nie mitspielen lassen. Manchmal ging ich auch mit meiner Mutter in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Ich habe viele lokale Lebensmittel gegessen wie Roti (Brot) aus Hirse, roten Reis und Hammel.

Doch das Leben im Dorf war anders als sonst- wegen Corona. Jay berichtet uns: „Ich hörte dort Menschen über die Pandemie sprechen. Ich sah, wie Masken und Seifen im Dorf verteilt wurden. Die Leute trugen Masken und durften nicht von einem Haus zum anderen wechseln. Es war mir so langweilig. Ich vermisste meine Schule und mein Zuhause in Kathmandu sehr. Dort habe ich viel mehr zu tun.“

Ende Juli, als der harte Lockdown aufgelöst wurde, reiste Jay, begleitet von einem Teamkollegen, zurück nach Kathmandu. Er sagt selbst: „Zurück in Kathmandu habe ich jetzt regelmäßigen Online-Unterricht für die Schule. Mein Traum für die Zukunft ist, ein großer Lehrer zu werden.“

Bei Jay können wir uns einfach alles vorstellen. Wir haben ihn ins Herz geschlossen und werden weiterhin alles tun, damit er sich bestens entfalten kann. Hand in Hand für seine strahlende Zukunft.

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