BENARES, DIE HEILIGE STADT AM GANGA

Benares (Varanasi, Kashi) gilt als eine der ältesten, noch besiedelten Städte der Welt. Sie fand bereits Erwähnung in den 3000 Jahre alten Schriften wie die Mahabharata. Es ist die Kulturhochburg schlechthin für Musik, Gesang, klassischen Tanz, Künste, Philosophie sowie Sanskrit (Sanskrit College seit 1791), Ayurveda und Yoga und diese Traditionen werden gepflegt. Für den gläubigen Hindu ist ‚ Kashi’ (Sanskrit, bedeutet ‚Das Licht’) die Stadt des Gottes Shiva, die wichtigste der 7 heiligen Städte in Indien. Die strömende, pulsierende Lebensader von Benares ist der heilige Fluß, die Ganga, die von ihrer Quelle im Himalaya, 3139 m hoch im Norden Uttar Pradeshs durch das nördliche Tiefland Indiens strömt und als Delta nach 2510 Kilometern in die Bay of Bengal mündet. Kashi wurde an Gangas Ufer erbaut, andere bekannte heilige Städte entlang des Flusses sind Gangotri, Rishikesh, Haridwar und bekannte Großstädte Allahabad, Patna und natürlich Kolkata (Kalkutta). Von dort fließt der Hauptarm des Flusses weiter nach Bangladesh (Padma River), vereinigt sich mit dem Brahmaputra und mündet in die Bay of Bengal. Die Altstadt von Benares erstreckt sich über 6 Kilometer am Ufer entlang, malerische Treppenfluchten aus hundert Steinstufen und mehr, mit verzierten Plateaus untersetzt, führen von den Tempeln und schmalen Gassen zum heiligen Wasser. Sie werden Ghats genannt und sind in der Monsoonzeit (juni-Aug) fast im Gesamten von den Fluten überspült. Wirklich sehr alte Gebäude oder Schreine lassen sich nur vereinzelt finden, die meisten älteren Tempel und Paläste datieren auf das 16-18 Jahrhundert zurück, als 1738 die letzte große Maharaja- Dynastie begann, die viele durch muslimische Einfälle, Eroberung und Rückeroberung zerstörte Tempel wieder aufbauen sowie neue errichten ließ. Paläste entstanden und auch ein Observatorium.

Seit mehreren tausend Jahren findet jeden Morgen bei Sonnenaufgang in Kashi ein Ritual unverändert statt: das spirituell reinigende Bad der Gläubigen in den heiligen Wassern der Mutter Ganga, um sich von begangenen Sünden zu befreien. Die Sonne geht spektakulär hinter dem Waldrand des gegenüberliegenden Ufers auf und wirft ihre hellen goldenen Strahlen über die Wasseroberfläche, so dass das heilige Nass funkelt, sprüht und reflektiert. Ein Faden aus gleißendem Gold scheint die Badenden mit der lebenskraftschenkenden Sonne direkt zu verbinden. In diesem Augenblick bleibt nicht nur für den Betrachter die Zeit stehen: der Bankdirektor steht barfuss neben dem Rickshawfahrer, dazwischen singt eine zahnlose Witwe die Namen der Gottheiten, ein Leprabetroffener schöpft vom Ufer aus Wasser, Kinder baden kreischend, heilige Männer rezitieren lange Mantren, Boote vollgeladen mit Pilgern und Touristen gleiten vorbei… In diesem Moment in den heiligen Fluten sind sie alle gleich- Mutter Ganga schließt sie allesamt in ihre nassen Arme. Nach Beendigung des Bades strömen Trauben von Menschen in die anliegenden reich verzierten Tempel und bringen Gangawasser, Blumen, Räucherstäbchen ..dar. Unvergesslich für den, der nicht baden möchte, ist eine Bootsfahrt wenn die Sonne aufgeht, um die betenden Pilger vom Wasser aus zu sehen. Von der Flussmitte aus erblickt man schier überall Tempelspitzen, mit frischen Blumen geschmückte Schreine, vor denen duftende Hölzer oder Räucherstäbchen verglühen. Es erklingen von allen Seiten her Glockentöne, hart und laut angeschlagen von den Tempelbesuchern, sowie die Klänge des Harmoniums, zu denen Gläubige Mantren chanten und natürlich laute devotionale Musik vom Band via Lautsprecher. Gelbe, orangeleuchtende und aller Farben Blüten und Blumenketten treiben auf dem Wasser. Es könnte ein Gemälde sein.

Hinter den Ghats beginnen die verwinkelten Gassen der Altstadt, so eng, daß man nur zu Fuß weiterkommt. Doch schließlich gelangt man an verkehrsverstopfte Straßen mit modernerem Stadtbild, allerdings hoffnungslos überbevölkert. Benares hat offiziell über 1 Million Einwohner, gewiss sind es viel mehr. Aus den umliegenden Regionen und besonders aus dem nächsten, sehr verarmten Bundesland Bihar zieht es besonders die Notleidenden nach Benares in der Hoffnung, vielleicht durch Rickshawfahren oder ähnliche Dienste Geld zum Überleben zu verdienen. Das Stadtbild ist gleichzeitig auch von den nie abbrechenden Pilgerströmen gezeichnet. Drängelnd schieben sich ganze südindische Dörfer, Reisegruppen, die tagelang in bis auf den letzten Zentimeter besetzten Bussen angereist sind vorbei an Bengalen oder Himachal Pradeshis, die kommen, um Ganga Darshan einmal im Leben zu erleben. Die Stadt ist voll mit fliegenden Händlern, Läden und Verkaufsstände überall., wo man nur geht und steht möchte jemand einem etwas verkaufen oder andrehen. Zum normalen Straßenbild gehören natürlich besonders die heiligen Kühe, ausgewachsene, tonnenschwere Stiere, Wasserbüffel (sehr gute Milch), Ziegen, Hunde genauso wie auch Arbeitstiere, Esel, Ochsen, Elefanten und vereinzelt Kamele, die Lasten befördern. Die Hausdächer bevölkern Affen, die am liebsten die zum Trocknen aufgehängte Wäsche zerreissen oder stibitzen .

Sämtliche Milchprodukte und indische Sweets sind ganz vorzüglich in Varanasi, die Küche ist sehr gut, traditionell Nordindisch, Mungdal, Reis, Gemüse und Chapatis (Fladenbrot) sind die täglichen Gerichte, natürlich wird scharf gewürzt. Berühmt ist die Stadt für ihre Seide und feinste Herstellung von Brokat. Jedes indische Frauenherz schlägt höher mit einem Benares-Saree, in ganz Indien seit Hunderten von Jahren als Hochzeitssaree gewünscht. Um Benares herum wird Landwirtschaft betrieben, Zuckerrohr, Tomaten, Reis und Kartoffeln angepflanzt. Das Regelmäßige an der Stromversorgung ist leider immer noch der tägliche und nächtliche Stromausfall, in Hitze und Monsoonzeit natürlich höchst verstärkt und dann äußerst schmerzhaft. Wasser gibt es 2 mal am Tag, es ist aber kein sauberes Trinkwasser. Die durchschnittliche Bevölkerung besitzt weder Kühlschrank noch Fernseher. Dennoch hat auch in Benares zu einem gewissen Teil die Neuzeit Einzug gehalten: es gibt gut genutzte Internetshops und mittlerweile haben sehr viele Menschen auch ein Mobiltelefon in der Tasche und besitzen neue Autos und Motorräder oder Vespas. Die Fahrradrickshaw ist aber immer noch überall präsent und wird von der Mehrheit der Bevölkerung genutzt.

Parallel dazu werden die Traditionen gepflegt, die Frauen tragen farbenfrohe Sarees (4,5 Meter Stoff) oder Salwar Suits (langes Oberkleid und Pumphosen als Set) und man sieht noch viele Männer in dem traditionellen Dhoti, so war Mahatma Gandhi stets gekleidet. Arbeiter wickeln den Lunghi, 2,25 Meter Baumwollstoff oder Gamtscha (wesentlich kürzer) um die Hüften. Die zahlreichen Feste und Feiertage des Hindukalenders werden hier mit Hingabe gefeiert und seien jedem ans Herz gelegt, die Pracht der Kulturstadt kommt voll zum Tragen und verbindet vom Hier und Jetzt bis hin zu früheren Zeitaltern und wunderbar bunten Göttergeschichten und Legenden. Ein anderer lebendiger Aspekt hier an heiliger Stätte ist das Sterben. Nur Kashi vermag es, diesen Widerspruch an sich zu leben. Für gläubige Hindus bedeutet der Tod in Kashi die Erlösung von den Sünden und dem Kreislauf der Wiedergeburten- ‚moksha’. Unzählig viele kahlrasierte Witwen in einfachen weißen Baumwollsarees leben ohne Dach über dem Kopf in den Gassen oder an Tempeln und warten darauf, in Kashi sterben zu dürfen. Viele sind leider auf das Betteln um Almosen angewiesen. Die heiligste Verbrennungsstätte für die Toten heißt Marnikarnika Ghat und ist beeindruckend. Es heißt, das Feuer sei dort seit Tausenden von Jahren nicht ausgegangen, glühende Scheite werden von heiligen Männern (Sadhus) Tag und Nacht in einem Tempel mit Blick auf Ganga gehütet. Riesige Stapel von Holz verschiedener Qualitäten liegen überall am Ghat und auf schweren Booten gelagert, es brennen immer 5-10 Feuer, die Toten finden eine letzte rituelle Waschung in Ganga, indem man ihnen heiliges Wasser in den Mund träufelt, der älteste Sohn entzündet schließlich nach altem Ritual und Umrundungen des Leichnams mit dem brennenden Feuer in der Hand das Holz. Eine Verbrennung dauert meist um die 4 Stunden und es nehmen nur Männer daran teil. Die Frauen haben eigene Rituale, mit denen sie um ihre Toten trauern und sie verabschieden. Durch die Überbevölkerung leben die Menschen sehr dicht beieinander und obwohl Benares groß ist, hat man meistens in seinem oder in den benachbarten Vierteln zu tun, in denen man jeden kennt.

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