DIE STRASSENKINDER HATTEN ALLES GESEHEN. NUR KEIN ZUHAUSE

Es begann alles Mitte der 90er Jahre mit einer Straßenklinik für Leprabetroffene in Benares. Doch bereits 1998 ermöglichten wir zusätzlich 36 Straßenkindern – meist mit einer verwandtschaftlichen Verbindung zu den Leprabetroffenen – den Schulbesuch und initiierten ein Tagesprogramm für ihre Betreung. 

2003 eröffneten wir schließlich unser erstes Kinderheim für bereits 50 Jungen und Mädchen. Über die Jahre kamen immer mehr hinzu – aufgeteilt in zwei Jungen- , einem Mädchenheim sowie einem Daycare-Center, so dass wir, bis zum Abschluss unserer indischen Projekte in 2017, insgesamt 120 Kindern und Jugendlichen ein sicheres Leben und eine Chance auf eine würdevolle Zukunft bieten konnten. Auch die Familien der Kinder wurden von uns immer wieder unterstützt.

Im Kinderheim schliefen die Kinder zum ersten Mal in einem befestigtem Haus, auf richtigen Matratzen und besaßen endlich genügend Kleidung und Schuhe. Sie können gesunde regelmäßige Mahlzeiten und sauberes Trinkwasser genießen. Das Gemeinschaftsgefühl ist großartig. Alle sind glücklich, ein sicheres Zuhause zu haben: Mädchen erfahren Respekt und alle Kinder wachsen gewaltfrei auf.  

Die Gruppe von Kindern, die wir betreuten, wuchs zu Beginn unter extremen Bedingungen in den Leprakolonien Sankt Mocan und Bhadohi auf oder fristete ihr Leben neben einer stinkenden Müllkippe, obdachlos auf der Straße. Die Gesundheit der Kinder war stark angegriffen. Sie infizierten sich mit schwerwiegenden Krankheiten, denn sie lebten mit todkranken Bettlern: Tuberkulose, Durchfall, Würmer, Läusebefall, Ohren- und Hautinfektionen waren jahrelanger Dauerzustand. Sie erlitten erbarmungslose körperliche und seelische Gewalt und Missbrauch, wuchsen verwahrlost und mangelernährt auf. Die Kinder mussten für ihre täglichen Mahlzeiten betteln, schwer arbeiten oder stehlen. Ihre Eltern wussten für sie keinen Weg aus dem sozialen Elend. Nicht wenige der heute Jugendlichen bzw. bereits Erwachsenen und ihren Familien wären heute vielleicht nicht mehr am Leben, mit Sicherheit aber von schweren Krankheiten gezeichnet, wenn wir uns nicht ihrer angenommen hätten. 

Die zweite Chance zu lernen

Um den folgenreichen Nachteilen einer späten Einschulung vieler der Kinder entgegenzuwirken, richteten wir ein auf individuelle Bedürfnisse und Kompetenzen ausgerichtetes Lernzentrum ein. Ziel der dortigen "Brückenkurse" war es, in kurzer Zeit die Grundkenntnisse mehrerer Schuljahre zu vermitteln – um den Kindern so zu ermöglichen, sich für einen zeitgerechten Abschluss in den Betrieb regulärer Schulen eingliedern zu können. Später besuchten viele Teenager angesehene Schulen und entschieden sich nicht selten später für eine Ausbildung oder ein Studium.

Neben berufseinführenden Kursen legten wir besonderen Wert auf Workshops zur Aufklärung und Stärkung des Selbstbewusstseins: Wir führten zukunftsorientierte Gespräche, überlegten gemeinsam, welche Ausbildungen oder Berufswege eingeschlagen werden könnten und förderten anschließend nach individuellen Interessen und Kompetenzen. Idee war, für jeden Jugendlichen eine individuelle Lösung finden, sie durch die Zeit der Ausbildung zu begleiten und dabei zu unterstützen, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Neben berufseinführenden Kursen legten wir dabei auch Wert auf Workshops zur Aufklärung und Stärkung des Selbstbewusstseins. 

Aktivitäten gegen Leistungsdruck

Schon im Schulalter lastete nicht unerheblicher Druck auf den Schultern der Kinder: Die schmerzhaften Erinnerungen an das harte Schicksal ihrer frühen Entwicklungsgeschichte in den Straßen und Slums von Benares hatte Potenzial, auch Jahre später noch zu einer Belastung zu werden. Denn nicht alles kann einfach so abgeschüttelt werden, selbst bei mittlerweile viel besseren Lebensbedingungen.

Deshalb fiel es nicht immer jedem Kind leicht, dem regulären Leistungsdruck in der Schule standzuhalten und in der Entwicklung, im Vergleich zu anderen Schülern, Schritt zu halten. Die Folgen waren zum Teil Stress- und Angstzustände, die es galt, frühzeitig zu erkennen – bevor Narben auf der Seele des Kindes zurückbleiben konnten oder vielleicht Fehlentscheidungen für die eigene Zukunft getroffen wurden.

Um die innere Stärke der Jugendlichen zu fördern und damit diese sich in ihrer Haut wohlfühlen konnten, boten wir z.B. die Möglichkeit, an Yoga-und Meditationskursen teilzunehmen. Auch Tanz-, Theater-, Musik-, Kosmetik-, Koch-, Aufklärungs- und Hygienekurse waren im Angebot. Die Nachfrage war groß: Unsere Kinder hatten Spaß, ganz neue Seiten an sich zu entdecken .

 

 

 

 

 

 

 

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