GESCHICHTEN AUS UNSEREN DAMALIGEN KINDERHEIMEN

Hier eine kleine Auswahl an Geschichten aus den vielen positiven Entwicklungen, die über die Jahre in unseren damaligen Kinderheimen geschahen. Viele unserer damaligen Zöglinge ergriffen die angebotenen Chancen, um sich eine Perspektive im Leben zu erarbeiten.

 

UNSERE DREI ÄLTESTEN BESTEHEN IHR ABITUR.

Bericht von 2012 – wir freuen uns von ganzem Herzen, bekanntgeben zu dürfen, dass drei unserer langjährigen Schützlinge ihre Schulausbildung abgeschlossen haben.
Nach zwölf Schuljahren bestanden Poonam (18), Aatish (19) und Vikash (19) im Mai 2012 die Abschlussprüfungen an der „Little Flower School“. Während Aatish und Vikash auf Anhieb bestanden haben, fiel Poonam zunächst leider in einem Prüfungsfach durch und musste im Juli zur Nachprüfung antreten, doch mit Hilfe eines sehr intensiven Nachhilfeunterrichts und abendlicher Meditationsübungen gegen ihre innere Anspannung gelang es uns, sie bestmöglich vorzubereiten, so dass sie schließlich auch die letzte Prüfung problemlos meisterte. 

Mit Hilfe unseres Heimleiterteams und begleitender Berufsberatung haben sich die drei Schulabsolventen gezielt auf die Eingangstests der Universitäten vorbereitet. Poonam hat sich nach bestandenem Aufnahmetest für die Benares Hindu University (BHU) qualifiziert. Vikash und Aatish werden ab dem kommenden Semester auf dem Mahatma Gandhi College (ebenso in Benares) ihre Ausbildung fortsetzen. Während Poonam zunächst ein Studium der indischen Geschichte anstrebt, möchte Vikash Anglistik studieren und dazu noch eine weitere Fremdsprache lernen. Aatish hingegen wird sich einem betriebswirtschaftlichen Studium widmen. Ähnlich wie Rahul, dem wir nach seinem Studium an der BHU die Fortbildung in deutscher Sprache in Kathmandu am Goethe-Institut ermöglichten, werden wir auch Poonam, Aatish und Vikash während ihres neuen Lebensabschnittes weitgehend unterstützen. Sei es durch die Übernahme ihrer Ausbildungskosten oder Abdeckung eines Teils ihrer Lebenshaltungskosten wie studentische Unterkunft, Kleidung und Mensa. Selbstverständlich werden wir ihnen begleitend und beratend zur Seite stehen, damit sie problemlos den Wechsel in den studentischen Lebensalltag meistern können. 

So sehr sich die Drei bereits auf ihre neuen Freiheiten des Studentenlebens freuen, so schmerzlich ist es dennoch für sie, nach so vielen Jahren das Kinderheim und damit ihr Zuhause und ihre Familie, Freunde, Brüder und Schwestern zu verlassen. Aber natürlich werden die Tore unseres Kinderheims für sie jederzeit offen stehen und wir freuen uns auf ihre kommenden Besuche von ihnen. Wir sind ebenso glücklich wie dankbar zugleich, dass wir Poonam, Aatish und Vikash durch die Hilfe und Begleitung ihrer langjährigen direkten Paten die Möglichkeit bieten konnten, dem vorgezeichneten Schicksal der Straßenkinder zu entgehen. Sie werden nun eine qualifizierte Ausbildung beginnen können, um in Zukunft einen selbstgewählten Beruf auszuüben, der ihnen hoffentlich Freude bereiten und ein gutes Einkommen für eine unabhängige, selbstbestimmte Zukunft verschaffen wird.

 

TEILNAHME AM ASIAN YOUTH FESTIVAL

Bericht 2012 – Ende Januar durften die ältesten Kinder unseres Kathak- und Tabla-Unterrichtes ihr Talent innerhalb eines ganz besonderen Rahmens zur Schau stellen. Archana (13), Moni (11), Sumitra (12), Devid (12), Poonam (13), Swati (12), Anita (13) und Sonu (16) sowie neun weitere Mädchen aus dem Kinderrechte-Programm reisten für eine Woche ins 700 km entfernte Kalkutta, um während des „Asian Youth Festivals“ ihren Bundesstaat Uttar Pradesh mit Tanz,- Gesangs- und Musik-Darbietungen zu vertreten. Im Rahmen der Veranstaltung, die dieses Jahr unter dem Motto „Consciousness of Oneness“ – (sinngemäß „Bewusstsein des Einssein“) stattfand, trafen 384 Jugendliche aus 18 indischen Bundesstaaten sowie den Nachbarländern Nepal, Bhutan, Bangladesh und Sri Lanka zusammen. Die Mädchen und Jungen stammten allesamt aus den ärmsten und benachteiligsten Gesellschaftsschichten. Die Einladung, der unter der Schirmherrschaft von Mutter Theresa gegründeten „Young Men ́s Welfare Society“, erfolgte bereits im November und seitdem begannen sich unsere Kinder in regelmäßigen Übungsstunden auf die Veranstaltung vorzubereiten. Unglücklicherweise fiel gerade in diesem Moment unser langjähriger Tanz- und Kathak-Lehrer, Mata Prasadji, krankheitsbedingt aus. Doch unsere Kinder wussten sich schnell zu helfen und wählten Sonu als stellvertretenden Lehrer und Choreographen. In vielen, natürlich auch sehr lustigen Übungsstunden brachten sich die Kinder fortan alle Tanzschritte und Bewegungen selbst bei. Nach wochenlanger Vorfreude ging es dann am Abend des 22. Januar 2012 endlich los. Mit dem Nachtzug nach Kalkutta die Reise anzutreten, sorgte bereits zu Beginn für große Freude. Die aufklappbaren Liegen wurden ausgiebig zum Turnen und Spielen genutzt. Rajesh Rai, Leiter des Kinderheims, und Mrs. Chanda, die Sozialarbeiterin aus den Slums, hatten als begleitende Betreuer gleich einen kleinen Vorgeschmack erhalten, wie bunt und lebhaft die kommenden Tage sein würden. 

Als sie am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang in Kalkutta eintrafen, bezogen sie sogleich ihr neue Unterkunft. Die mit Matratzen ausgelegten Klassenzimmer der „Children Foundation School“ dienten in der kommenden Woche als Schlafstätte und die großzügige Gartenanlage wurde zum Austragungsort für gemeinsame Spiele, Kunst- und Sportwettbewerbe sowie für Kurse zur Weiterentwicklung der Gesangs- und Tanzkünste genutzt. Nachdem die Rucksäcke abgelegt und die Matratzen bezogen waren, ging es gleich daran, die anderen Kinder aus den weitentfernten Bundestaaten oder Nachbarländern kennenzulernen. Am Abend erfolgte eine ungezwungene Begrüßung durch den Veranstalter und im Anschluss durften die Kinder zwischen unterschiedlichen Tanz- und Gesangskursen wählen, die unter der Leitung von weltberühmten Künstlern standen. Sonu hatte das riesige Glück, ganze zwei Stunden von dem berühmten Kathak-Meister, Asim Bandhu Bhattacharyya, unterrichtet zu werden. Er strahlte voller Freude. Nach zwei Tagen des lockeren Kennenlernens erfolgte die offizielle Eröffnung des viertägigen Festivals am Abend des 23. Januar in den Hallen des Kala Mandir Veranstaltungszentrums. Im Anschluss an die Ansprache des Gouverneurs des Bundesstaats West-Bengals zeigten die Teilnehmer aus Bhutan, Sri Lanka, Nagaland, Mizoram, Kerala und Himanchal Pradesh klassische traditionelle Tänze aus ihrer Region. 

Der Rest der Woche wurde durch einen dichten, aber spannenden Terminplan bestimmt, der, neben den gemeinsamen Kursen und Vorbereitungen für die abendlichen musischen Darbietungen, auch reichlich Zeit bot, tagsüber ein buntes und abwechslungsreiches Programm aus Kultur- und Unterhaltung zu absolvieren. Die Besichtigung berühmter Wahrzeichen der Millionenmetropole, wie zum Beispiel des Kali- oder Ramakrishna-Tempels, hinterließen einen bleibenden Eindruck bei den Kindern. Doch die Herzen richtig höher schlagen ließen: das erste Mal mit einer U-Bahn fahren (Metro), der Besuch des Zoos und der Science City (ein technisches Museum für Kinder) und natürlich der Ausflug in den Nicco-Freizeit-Park. Swatis Herz rast heute noch, wenn sie aufgeregt von ihrer ersten Achterbahn-Fahrt berichtet. Am letzten Abend des Festivals bot sich nun auch endlich unseren Kindern die Chance, zu zeigen, was sie können. Die lebhafte und bezaubernde Tanzdarbietung des Titels „Raadha kaise njale“ hinterließ einen bleibenden Eindruck bei allen Zuschauern und wurde mit tosendem Beifall gewürdigt. Applaus, der noch viel süßer schmeckte, da sich die Kinder diesen ganz alleine erarbeitet hatten. Umso ausgelassener feierten sie den Abschluss des Festivals im Rahmen der Kinderdisco. Nach einer Woche hieß es dann, Abschied zu nehmen von neuen Freunden und unvergessliche Momente mit nach Hause zu nehmen. Als die Kinder glücklich und erschöpft im Kinderheim ankamen, blieben sie natürlich nicht von der Neugierde der anderen Kinder verschont. Tagelang erzählten Sonu, Moni, Sumitra, Devid, Poonam, Swati, Anita und Archana von ihren großen und kleinen Abenteuern die lustigsten Geschichten oder auch von exotischen Gerichten. Devid beispielsweise bemerkte, dass sie in Kalkutta wohl „in jede einzelne Speise Zucker geben, aber nur eben nicht in den Tee“, wie man es doch in Benares gewohnt sei...

 

VON DER SCHULE ZUM STUDIUM – DIE NÄCHSTEN SCHRITTE UNSERER KINDER

Bericht 2015 – wir freuen uns: Wieder konnten einige unserer Kinder die Schule bzw. das Studium abschließen und gehen nun den nächsten Schritt auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit. Wir begleiten sie dabei auch weiterhin – immer mit dem Ziel, ihnen eine opti- male Förderung zu Teil kommen zu lassen.

Meera: Nachdem Meera erfolgreich die 12. Klasse der Little Flower School in Benares abgeschlossen hatte, wurde sie nun an der Banaras Hindu University zugelassen. Dort strebt sie den Abschluss als Bachelor of Arts (BA) in Philosophie an. In ihrem ersten Jahr an der Universität fühlt sich Vieles noch ungewohnt für sie an, aber das Studium macht ihr großen Spaß. Sie lebt nun nicht mehr im Kinderheim, sondern in einem Studentenwohnheim – zusammen mit ihren Freundinnen Soni und Manju.

Ramesh: Es sind vor allem soziale Themen, die Ramesh interessieren. Deshalb war nach dem Abschluss an der Little Flower School für ihn klar, dass er einen Bachelor of Arts (BA) an der Indira Gandhi National Open University, einer Fernuniversität, erlangen möchte. Sein Traum ist, als Sozialarbeiter bedürftigen Menschen zu helfen. Obwohl er an einer anderen Universität studiert, teilt er sich sein Zimmer im Studentenwohnheim mit seinem engen Freund Guddu.

Guddu: Auch Guddu beendete die Little Flower School mit Erfolg und entschied sich für ein Studium. Seine Wahl fiel auf den Bachelor of Business Administration-Studiengang (BBA) am Kashi Institute of Medical Science, einem privatem College. Nach diesem hat er auch schon ehrgeizig den Master-Abschluss (MBA) im Visier, um später einen guten Job in einem Unternehmen zu bekommen. Im Studentenwohnheim teilt er sich ein Zimmer mit seinem Freund Ramesh.

Suraj: Leider konnte Suraj bislang die Prüfungen der 12. Klasse an der Little Flower School noch nicht erfolgreich abschließen. Aber er ließ den Kopf nicht hängen, sondern krempelte sich die Ärmel hoch: Jetzt lernt er unter Hochdruck, damit er die Wiederholung der Examen im Dezember bewältigt. Sein Ziel danach ist ein Studienabschluss als Bachelor of Commerce, um später im öffentlichen Dienst arbeiten zu können.

Aatish und Vikas: Die Jungen haben gerade erfolgreich ihren Abschluss an der Mahatma Gandhi Kashi Vidyapith Varanasi Universität hinter sich gebracht. Aatish ist nun Bachelor of Commerce, Vikas darf den Titel Bachelor of Arts tragen. Beide bereiten sich derzeit auf das Berufsleben vor. Natür- lich steht ihnen unser Team auch beim Bewerbungsprozess zur Seite. Zudem bieten wir ihnen die Option, neben dem zukünftigen Beruf ein durch Back to Life finanziertes Fern- studium an der Indira Gandhi National Open University zu belegen, um zusätzliche Qualifikationen zu erlangen.

 

SCHON JETZT MEISTER SEINES SCHICKSALS: LALU IST AUF ERFOLGSKURS

Bericht 2015 – schon in früher Kindheit traf ihn großes Unglück: Lalu Paswan war noch klein, als sein Vater tragisch verstarb. Er hatte keine Chance, ihn jemals richtig kennenzulernen. Seit jener schweren Zeit kümmern wir uns um den aufgeweckten Jungen, der sich u.a. durch sein überaus ehrliches Wesen auszeichnet. Noch einmal traf ihn darauf ein schwerer Schicksalsschlag, als seine Mutter vor 4 Jahren an Tuberkulose verstarb. Beinahe hätte er damals seine Ausbildung abgebrochen und das Kinderheim verlassen, um für seine Familie arbeiten zu gehen. Zum Glück konnten wir ihn überzeugen, bei uns zu bleiben, um zuerst seine schulische Ausbildung zu vollenden. Mittlerweile ist er zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen und hat sich mit seinen 19 Jahren überaus gut entwickelt. Erst kürzlich wurde er zum „Jungen des Monats“ gewählt. Eine Auszeichnung, die in einer Wahl von allen Jungen des Kinderheims vergeben wird. Sie beweist, wie beliebt er unter den anderen Kindern ist. Dabei werden gleich mehrere Dinge besonders an ihm geschätzt: seine überaus positive Lebenseinstellung, der starke Wille zu arbeiten sowie sein großes Verantwortungsbewusstsein.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der 10. Klasse, besucht er nun die staatliche technische Berufsschule Saint Sai ITI (Industrial Training Institutes) in Benares. Jeden Tag schwingt er sich auf sein Fahrrad, um schnell zum Unterricht zu kommen. Sein zielstrebiges Arbeiten kommt ihm sehr zugute: Sowohl im theoretischen als auch im praktischen Teil des Kurses findet er sich gut zurecht. Nun schmiedet er große Pläne für die Zukunft. Er würde gern als technischer Assistent im Ministerium der Bahn arbeiten. Ob als Angestellter oder als freier Mitarbeiter. Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, hat er bereits einen weiteren „Meilenstein“ für seine berufliche Laufbahn gesetzt. Sobald
er den ITI-Kurs beendet hat, will er sich als Trainee bei einem Unternehmen bewerben, um entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Wir sind sehr stolz auf Lalus Engagement und seine Zielstrebigkeit. Wir drücken ihm fest die Daumen und werden ihn natürlich bei seinen Plänen unterstützen. Lalu freut sich: „Dank der Unterstützung von Back to Life kann ich mir meine eigene Zukunft aufbauen. Das ist toll. Vielen Dank!“

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