RICHTIG SEHEN

Baby ist ein besonders freundliches und liebenswertes Kind. Von Natur eher schüchtern, doch meist fröhlich, wissbegierig und humorvoll. Es ist schön zu beobachten, wie gut sich Baby in unser Kinderheim einlebte. Als Baby vor fast fünf Jahren zu uns kam, war sie ein besonders introvertiertes Kind. Zudem litt sie bereits lange Zeit unter Kautabak-Sucht, eine unter der ärmeren Bevölkerung Indiens typische Angewohnheit, die sie ihren erwachsenen Vorbildern in der Leprakolonie Bahdohi nachahmte. Es bedurfte vieler Gespräche und besonderer Fürsorge bis Baby lernte, die Sucht nicht mehr zu verheimlichen und schließlich abzulegen. Mit zunehmendem Vertrauen legte Baby nach und nach ihre Schüchternheit ab und nahm immer aktiver am bunten Gemeinschaftsleben im Kinderheim teil. Auch verbesserte sich Babys Asthma durch die gesunden Lebensbedingungen unseres Kinderheims und die laufende Behandlung unter Obhut unserer Krankenschwester stark. Ihre besten Freundinnen im Kinderheim heißen Sunita, Laxmi und Sita. Mit ihren beiden Brüdern Sunil und Ravishankar, die in unserem Kinderheim wohnen, versteht sie sich auch sehr gut. Ihre Lieblingsfarbe ist rot und ihre Lieblingshobbies sind Kathak-Unterricht (klassischer indischer Tanz) und Handarbeiten. Als einen ihrer schönsten Momente im vergangenen Jahr beschreibt sie die Weihnachtsfeier im Kinderheim, bei der sie auch eine Tanzeinlage darbot.

Babys schulische Entwicklung

Als wir Baby in unser Kinderheim aufnahmen, war sie bereits acht Jahre alt. Wie die meisten Kinder, die in Bahdohi lebten, kannte sie nur das Leben in der Kolonie, hatte jedoch keinen einzigen Tag in einer Schule verbracht. Wie andere Kinder, so leidet auch sie heute noch unter den Defiziten später Einschulung. Trotz ihrer dreizehn Jahre besucht sie erst die zweite Klasse (nach drei Pflicht-Vorschul-Jahren indischen Schulsystems) in der „St. Christ Kids Valley School“. Sie nimmt die Schule sehr ernst und bemüht sich sehr in der Klasse, wie auch in unseren täglichen Nachhilfestunden, ihre (teilweise noch schwachen) schulischen Leistungen zu verbessern. Ihre derzeitigen Lieblingsfächer sind Englisch und Mathematik. Nach Abschluss der Schule möchte sich Baby gerne als Lehrerin ausbilden lassen. Wir hoffen, sie bis zur Erfüllung ihres Traums zu begleiten. 

Babys Augenoperation

Seit Mitte des Jahres 2012 litt Baby (13) immer stärker an ihrer angeborenen Augenfehlstellung. Seit Herbst 2012 klagte sie über eingeschränkte Sicht, verstärkt auftretende Kopfschmerzen und zunehmendem Tränenaustritt. Unter der Obhut unserer Krankenschwester Vineeta ließen wir Baby in drei verschiedenen Krankenhäusern von fünf verschiedenen Fachärzten untersuchen - eine von unserem Team betriebene übliche Praxis, um sich der korrekten Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten zu versichern. Die übereinstimmende Diagnose lautete, dass eine Augenoperation zur langfristigen Korrektur der Fehlstellung bzw. Behandlung der Schmerzen notwendig sei. Natürlich war Baby aufgrund der bevorstehenden Operation sehr aufgeregt. Denn dies würde für sie nicht nur langfristig das Ende ihrer Schmerzen, sondern ebenfalls die Auflösung des sozialen Stigmas eines „schwer schielenden Mädchens” bedeuten. Am 9. Januar 2013 war es soweit. In Begleitung unserer Krankenschwester Vineeta und ihrer Mutter Uma, die am Tag zuvor aus der Leprakolonie Bhadohi anreiste, unterzog sich Baby einer einstündigen Laser-Operation im Netra Seva Kentralay Krankenhaus. Baby wurde am gleichen Abend entlassen – mit Verband auf beiden Augen – und erholte sich in den kommenden Tagen im Krankenzimmer des Kinderheims. Tapfer überstand sie die Nachschmerzen der Operation und ertrug – wenn auch verständlicherweise sehr ungeduldig – die notwendige Schon- und Erholungszeit für ihre Augen, ohne etwas sehen zu können. Besonders dankbar ist sie ihren engsten Freundinnen Rachna und Laxmi, die sich neben unseren Betreuerinnen besonders liebevoll um sie kümmerten. Nach fünf Tagen wurde der Augenverband gewechselt und somit Baby die Möglichkeit gegeben, sich zum ersten Mal nach der Operation im Spiegel zu betrachten. Es fiel ihr schwer, ihre unendliche Freude in Worte zu fassen: „Endlich sehe ich normal aus wie die anderen Kinder... viel, viel hübscher als je zuvor... und ich habe keine Schmerzen mehr....“ Ihr Glücksgefühl wuchs umso mehr, als ihr auch die anderen Kinder des Kinderheims bestätigten, wie „süß und schön“ O-Ton: („cute and beautiful“) sie jetzt sei. Nachdem sie drei Tage später den Verband vollständig ablegen durfte, musste sie zum Schutz der überempfindlichen Augen noch weitere zehn Tage eine dunkle Sonnenbrille tragen und das Tageslicht meiden. Baby wird weiterhin eine Brille gegen ihre Weitsichtigkeit tragen müssen, obwohl sich dort ebenfalls sehr gute Fortschritte einstellten. Laut Aussage der Doktoren ist die Sichtschwäche von 3 Dioptrien auf 1,5 Dioptrien korrigiert worden. Sie sagt: „Früher habe ich viele Menschen irritiert, da sie nicht wussten, wohin ich schaute oder welches mein gesundes Auge war. Doch jetzt bin ich so unendlich dankbar, dass ich endlich normal aussehe.“

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