VON DER STRAßE ZUR UNIVERSITÄT

Anhand ausgewählter Fotos von Lebensstationen des ehemaligen Straßenkindes Poonam, die seit Herbst 2012 die Universität besucht, möchten wir unseren Paten nochmals für ihre langjährige Unterstützung danken. Wir hoffen, damit auch zu veranschaulichen, wie sich das ansonsten vorgezeichnete Schicksal eines ehemalig „unberührbaren“ Kindes durch liebevolle Fürsorge und eine Schulausbildung nachhaltig zum Positiven wenden kann. Poonam wurde 1994 geboren und wuchs zunächst zusammen mit ihren sieben Geschwistern, als obdachloses Straßenkind, auf der Müllkippe des Dasaswamedh Ghats in Benares auf. Ihre Familie zählte zu der Kaste der „Unberührbaren“, besaß nichts und kämpfte ums tägliche Überleben. Die Kinder bettelten. Von ihrem alkoholkranken Vater war keine Hilfe zu erwarten. Schlimmer noch, ihre Mutter und alle Geschwister sahen sich seinen täglichen Misshandlungen ausgesetzt. Am härtesten traf es ihre damals dreijährige Schwester Monicka. Wieder einmal betrunken, tauchte der Vater die Hand der Kleinen gewaltsam in siedendes Öl und verstümmelte sie absichtlich, damit sie beim betteln mehr Mitleid erregen würde.

Als ich Poonam und ihre Geschwister im Zuge unserer Leprahilfe in Dasaswamedh, kennenlernte, drohte ihr das gleiche Schicksal wie vielen anderen Straßenkindern: ein würdeloses Leben, gezeichnet von Krankheiten, willkürlicher seelischer und körperlicher Gewalt sowie lebenslanger Abhängigkeit, sei es von Almosen oder nach früher Heirat von ihrem Ehemann. Nie hätte sie die Chance bekommen, Lesen oder Schreiben zu lernen, geschweige denn einen Schulabschluss zu machen. Während ich mit einem Team von Freiwilligen die Leprakranken mit den notwendigsten medizinischen Behandlungen und Therapien versorgte, bemühte ich mich auch, das Leben der vielen Straßenkindern zu verbessern. Poonam kann sich daran noch lebhaft erinnern: „Als ich Tara kennenlernte, war dies der vielleicht wichtigste Moment in meinem Leben. Ich erinnere mich genau daran, dass sie mich und meine Geschwister täglich im Ganges badete, um mir den Straßendreck abzuwaschen - und wie viel Spaß wir gemeinsam dabei hatten. Sie ermöglichte mir auch, dass ich erstmals überhaupt eine Schule - und diese sogar regelmäßig - besuchen durfte.“

Als Back to Life 2003 das erste Kinderheim eröffnete, gehörten Poonam und ihre Geschwister zu den ersten Kindern, die in das neue Zuhause einzogen und zum ersten Mal in ihrem Leben fließendes Wasser, ein Dach über dem Kopf, regelmäßige Mahlzeiten und eine geborgene Umgebung genießen durften. Im Laufe der Jahre nahmen wir immer mehr Kinder in unser Heim auf und Poonam wurde für alle anderen Kinder im Heim die „große Schwester“. Poonam entwickelte frühzeitig eine besonders soziale und hilfsbereite Art. Auch ihr Selbstbewußtsein, welches sie im Laufe der Jahre entwickelte, war vorbildlich für die anderen Kinder. Als Poonam vor vielen Jahren einmal von ihrer Lehrerin in der Schule geschlagen wurde, eilte sie empört ins Kinderheim und druckte am Computer die Kinderrechte aus, über die sie im Kinderheim mehrfach aufgeklärt wurde. Diese präsentierte sie ihrer nunmehr sprachlosen Lehrerin, die ab diesem Moment davon absah, sie nochmals körperlich zu züchtigen. Sie kämpfte damit nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen Kinder in ihrer Klasse. Und obwohl Poonam vielleicht nicht immer die beste Schülerin war, galt sie jedoch auch aufgrund ihres Ehrgeizes und Fleißes immer als Vorbild für die jüngeren Kinder im Heim. Wir sind daher besonders stolz darauf, dass sie mit viel Einsatz ihr Abitur bestanden hat und seit Herbst 2012 „Indische Geschichte und Literatur“ an der Benares-Hindu-Universität studiert.

In ihrem Leben als Studentin scheint sie sehr glücklich, insbesondere da sie nun keine Schuluniform mehr tragen muss und bereits neue Freunde gefunden hat. Ebenso genießt sie den respektvollen, freundlichen Umgang zwischen Professoren und Studenten. Dennoch vermisst sie ihr „altes Leben“ zwischenzeitlich sehr: „Die Zeit im Kinderheim war eine Zeit voller schöner Erinnerungen. Dort habe ich beinah mein ganzes Leben mit all meinen Brüdern und Schwestern verbracht. Es ist mein Zuhause, in dem ich so viel Liebe und Zuneigung erfahren habe.“ Poonam hat dank der Unterstützung ihrer langjährigen Paten eine Chance bekommen, ihr Leben zukünftig selbst zu gestalten, und dient als gutes Beispiel dafür, wie man das Schicksal eines Kindes, durch die Chance auf Bildung und fürsorgliches und kindgerechtes Umfeld, direkt verändern und ihm ein selbstständiges Leben in Würde ermöglichen kann.

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