KRANKHEIT ALS STÄNDIGER BEGLEITER

Die Gruppe von indischen Kindern, die wir betreut hatten, wuchs einst unter extremen Lebensbedingungen auf der Straße neben einer stinkenden Müllkippe auf – ohne ein richtiges Dach über dem Kopf, jeglichem Klima ausgeliefert. Die Gesundheit der Kinder war stark gefährdet, sie infizierten sich praktisch ohne Ausnahme mit Tuberkulose und anderen schwerwiegenden Krankheiten – denn sie lebten zu Beginn Haut an Haut mit todkranken Bettlern am Straßenrand. Durchfall, Würmer, Läusebefall, Ohren- und Hautinfektionen waren jahrelanger Dauerzustand. Sie erlitten schon früh erbarmungslose körperliche und seelische Gewalt und leider auch Missbrauch, wuchsen vernachlässigt und verwahrlost auf und waren mangelernährt. Wenige bekamen eine Mahlzeit am Tag, die meisten Kinder mussten dafür betteln oder schwer arbeiten (Steine zu Kieselsteinen zerschlagen, Backsteine für den Hausbau schleppen, Kohle ausliefern, Müll sammeln) oder stehlen. 

Behandlung der Kinder

Alle Kinder wurden unter unserer Obhut auf Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis und HIV untersucht und falls nötig, intensiv behandelt und geimpft. Die Mehrheit war gleich mit mehreren Krankheiten, Parasiten oder Infekten belastet, hatte ein schwaches Immunsystem sowie Nieren- oder Leberprobleme. Doch durch unsere liebevolle Fürsorge und die Behandlung unsere Krankenschwester, reichhaltige Ernährung, dem hygienischen Umfeld, haben sich die Kinder erholt. In großer Not halfen wir zudem ihren Restfamilien und sorgen für Medikamente und Arztbehandlung.

 

Hier ein paar Beispiele zur Behandlung einiger Kinder:

Amit übersteht Knochentuberkulose 

Bericht von 2012 – wir freuen uns sehr, dass Amit (14) seine Behandlung der bei ihm diagnostizierten Knochentuberkulose erfolgreich abschloss. Vor einem Jahr fiel Amit vom Fahrrad. Trotz seiner starken Schmerzen unterließ er es jedoch sich bei unserer Krankenschwester behandeln zu lassen. Denn leider haben unsere Kinder durch ihr ehemaliges Straßenleben eine hohe Schmerztoleranz. Insbesondere die großen Jungen neigen oft dazu, die Heilung ihrer Blessuren zunächst den Kräften der Zeit zu überlassen, anstatt sofort medizinische Hilfe zu suchen. Der tapfere Amit bat erst um Hilfe, als sich zwei Wochen nach dem Sturz eine faustgroße geschwollene Vereiterung an seiner Hüfte bildete.

Die Krankenschwester brachte Amit sofort zur Untersuchung und Wundsäuberung in die nahegelegene Apollo-Klinik. Dort ergaben die Tests, dass er als Spätfolge seines Straßenlebens unter Knochentuberkulose litt. Knochentuberkulose kann unbehandelt zur Eiterbildung im Knochen, zur Zerstörung von Knochensubstanz und zu entsprechenden Änderungen der Knochenform führen. Glücklicherweise wurde seine Krankheit frühzeitig entdeckt und war durch eine intensive zwölfmonatige medikamentöse Behandlung problemlos therapierbar.

Meera: Leben mit einem Wurm im Kopf

Bericht von 2011 – großes Glück im Unglück erfuhr Meera (16): Mehrere Wochen klagte sie über immer häufiger und stärker werdende Kopfschmerzen. Folgeuntersuchungen im Apollo-Krankenhaus und diverser Fachärzte in der Benares Hindu University bestätigten, dass sich ein Wurm in ihrem Kopf eingenistet hatte (Neurocysticercosis). Der Verdacht lag nahe, dass Meera den Parasit durch die Einnahme unsauberen Wassers oder verdreckter Speisen außerhalb des Kinderheims, vielleicht während des mehrtätigen Besuchs ihrer Mutter im Rahmen der Holi- Feierlichkeiten, aufnahm. Unter der Aufsicht von Dr. Singh durchlief sie daraufhin eine zweiphasige Behandlungstherapie: Zunächst galt es, den Wurm zu töten und eine bevorstehende Vermehrung zu vermeiden, die unbehandelt zu irreparablen Hirnschäden bzw. einem Schlaganfall hätte führen können. In der zweiten Phase wurde der Parasit durch entsprechende Medikamente aufgelöst, damit dessen Reste über das Blut aus dem Gehirn ausgespült werden konnten.

Gesichtslähmung: Erneuter Schicksalsschlag für Monicka 

Bericht von 2015 – schon oft haben wir über Monicka aus unserem Mädchen-Kinderheim in Benares erzählt. Das Leben hatte es nicht immer gut mit ihr gemeint: Einst wuchs sie als Straßenkind auf der Müllkippe des Dasaswamedh Ghats auf und war Opfer der grausamen Misshandlungen ihres alkoholkranken Vaters. Als sie gerade mal 3 Jahre alt war, verbrühte er absichtlich ihre rechte Hand mit Öl – weil die Verkrüppelung ihr beim zukünftigen Betteln einen möglichst mitleidserregenderen Eindruck geben sollte. Vor fünf Jahren konnten wir Monicka glücklicherweise durch die erfolgreiche Handwiederherstellungschirurgie von Spezialisten ein Leben mit einer ganz normalen Hand ermöglichen. Monicka war sehr glücklich, fortan nicht mehr gezeichnet und benachteiligt zu sein. Mittlerweile ist sie 16 Jahre alt. Sie konnte sich in den letzten Jahren unter unserer Obhut entfalten. Nun traf sie aber das Schicksal erneut: Bereits zum zweiten Mal innerhalb von gut 1,5 Jahren erkrankte sie an einer halbseitigem Gesichtslähmung. Eine schwere Belastung für ein hübsches und lebenslustiges Mädchen. Bereits im August meldete sich die Erkrankung mit starkem Fieber und Ohrenschmerzen zurück.

Leider hat das Leben als einstiges Straßenkind viele nachhaltig negative Konsequenzen. Dazu gehört unter anderem auch, dass das Immunsystem der Betroffenen oft auch in späteren Jahren noch nicht einwandfrei funktioniert oder der Körper anfälliger als bei anderen reagiert. Mögliche Ursachen für eine halbseitige Gesichtslähmung sind meist bakterielle oder virale Infektionen, die den Gesichtsnerv direkt oder indirekt schädigen. Was aber genau bei Monicka der Auslöser für die Erkrankung war, ist nicht bekannt. Wie schon bei der vorangegangen, erfolgreichen Therapie ist sie nun wieder bei den Doktoren des Galaxy Hospital in Benares in Behandlung. Beim ersten Mal eine medikamentöse Therapie von ca. 6 Monaten – wir hoffen, dass es nicht wieder so lange dauert, bis Monicka ihr Lächeln vollständig zurückerhält. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass sie wieder vollständig gesund wird.

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