WIEDERSEHEN MIT SINGESWHAR

Im Mai 2009 habe ich Singeshwar, einen meiner ehemaligen Leprapatienten, in Benares wiedergetroffen. Von meinem Team wusste ich bereits, dass er einige Wochen vorher sehr geschwächt aus seinem Dorf kam, sogleich das Kinderheim aufsuchte und um ärztliche Hilfe bat. Er litt unter schwerem Durchfall und der Hitze, konnte aber von uns durch Medizin und Pflege wieder hochgepäppelt werden. Viele Leprabetroffene leiden besonders in der Hitzezeit unter mangelnder Transpiration, ihre Haut schwitzt nicht genug, um den Körper abzukühlen. Singeshwar ist davon stark betroffen. Ich freute mich so sehr, ihn zu sehen, denn er steht mir sehr nah. Ausführlich berichtete er mir sämtliche Neuigkeiten aus seinem Alltag: das kleine Mädchen, das er 1997 aus seinem Dorf mitgebracht hatte, weil es im Anfangsstadium an Lepra litt und dann von uns die Lepratherapie erhielt, hat mittlerweile geheiratet und selbst ein gesundes Kind zur Welt gebracht. Stolz zeigte mir Singeshwar ein Foto der jungen Frau, die keinerlei sichtbare Behinderung oder Kennzeichnung von Lepra davongetragen hat. Obwohl das alles schon lange zurückliegt, fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen.

Dann erzählte er mir ganz aufgeregt, dass der Wasserbüffel, den wir ihm vor 1,5 Jahren für seine Rückkehr in sein Dorf kauften, damals bereits trächtig gewesen sei und ein gesundes Kalb geboren habe. Heute trägt sie wiederum, er ist sehr glücklich über seine Buffalocow (Wasserbüffelkuh). Die Milch, die sie gibt und der Joghurt, den sie daraus machen, sei so vorzüglich, dass Singeshwar spontan beschließt, mir das nächste Mal eine große Schüssel davon mitzubringen. Er freut sich sichtbar darüber und meinen Einwand, dass er ja schließlich um die 22 Stunden von seinem Dorf nach Benares unterwegs sei, ließ er nicht gelten. Singeshwar gab mir erneut den Namen und das Alter eines Kindes aus seinem Dorf an, welches an Lepra leidet. Wir machten aus, dass er den Jungen, nach der allergrößten Hitzezeit im nächsten Monat, vorbeibringt und wir ihn dann testen lassen und unter Therapie stellen.

Außerdem zeigte er mir seinen Behindertenausweis, den er beantragt hatte. Als ich den Zettel in der Hand hielt, dachte ich, mich trifft der Schlag: obwohl Singeshwar meiner Meinung nach schwerstbehindert ist (er hat keinen einzigen Finger oder Fußzehe mehr, läuft auf Stümpfen, hat keinen Nasenrücken mehr, seine unteren Augenlider hängen so weit herunter, dass die Augen Gefahr laufen, auszutrocknen und zu erblinden, ebenso hat er enorme organische Probleme, etc.) hat er nur 40% Behinderung zugesprochen bekommen! Für 100% muss man wahrscheinlich bereits tot sein. Es machte mich wütend. Bei uns im Westen hätte er mit Sicherheit die „120%“ inkl. sämtlicher Unterstützung erhalten. Mir ist klar, dass ein Vergleich im Grunde unsinnig ist, jedoch empfinde ich eine Einstufung von 40% Behinderung als großen Hohn. Singeshwar verstand gar nicht wirklich, warum ich mich aufregte, denn er war zufrieden, ein offizielles Dokument mit seinem Namen zu besitzen. Das bedeutete ja, dass er existierte und zu Indien, zur Gesellschaft, dazugehörte. Vor dieser Willenskraft und Bescheidenheit, die dieser Mann trotz der härtesten Schicksalsschläge an den Tag legt, ziehe ich mein Leben lang den Hut.

Dann drückte er mir lachend eine Filmrolle in die Hand. Die neuesten Eindrücke aus seinem Dorf, seinem täglichen Leben hatte Singeshwar aufgenommen mit der kleinen, schon fast antiken Kamera, die ich ihm vor vielen Jahren in seine Hand drückte, damit er sein Leben ein bisschen dokumentieren könne. Immer wieder überraschte er mich mit neuen Fotos. Wir haben damals extra eine ganz einfache Kamera für ihn ausgesucht, da ihm ja keine Finger für spezifische Einstellungen zur Verfügung stehen. Den einzigen Knopf, den Auslöser, kann er mit dem Handknochen drücken. Ganz besonders freute es mich zu hören, dass er in seinem Dorf gut zurechtkommt und glücklich und zufrieden ist. Er zeigte mir seine Fußsohlen und das erste Mal seit 15 Jahren hatte er keine einzige Wunde an den Fußstümpfen. Dies ist dem Leben im Dorf und dem Besitz eines eigenen Häuschens zu verdanken. Allerdings hatte Singeshwar noch einen Wunsch, um sein Leben etwas unkomplizierter gestalten zu können. Er bat mich um einen handbetriebenen Rollstuhl, der wie ein ‚Handfahrrad’ funktioniert und durch Bewegung der Handpedalen nach vorne fährt. Er bräuchte diesen Rollstuhl, um weitere Distanzen zurücklegen zu können, so dass er bequem durchs ganze Dorf und zum Markt käme. Gerne erfüllten wir ihm diesen Wunsch. Nach einigen Tagen kehrte er zufrieden mit seinem neuen Rollstuhl in sein Dorf zurück.

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