WENN MAN ALLES HINTER SICH LÄSST

Am härtesten trifft den Leprakranken die totale Isolation von Gesellschaft und Familie, denn kein Mensch wird mit Lepra geboren. Die Angst vor Ansteckung sowie Vorurteile durch mangelnde Bildung und Aufklärung haben einen schmerzhaft tiefen Graben zwischen die Kranken, oft schwer behinderten Menschen, und der Gesellschaft gezogen. Diesen aus eigener Kraft zu überbrücken, ist für einen Leprakranken unmöglich. Der Lebensweg unserer Patienten sieht wie folgt aus: Alle unsere Bettler kommen aus ärmeren Familien, meist aus kleinen Dörfern, in denen es keine Elektrizität oder fließendes Wasser gibt. Doch sie waren verheiratet, hatten Familie, Arbeit, ein Zuhause und soziale Kontakte, sprich alles, was zu einem würdevollen Dasein gehört. Die meisten von ihnen waren in der Landwirtschaft tätig auf den Feldern von Großgrundbesitzern, einige waren Straßenbauer, Hilfsarbeiter, Rickshaw-Fahrer. Mit ihren vielköpfigen Familien wohnten sie in kleinen strohbedeckten Einzimmer-Häuschen, zumeist aus Lehm gebaut. Sie führten ein einfaches Leben. Auf einmal entdeckten sie weiße, gefühllose Hautflecken an sich. Sie zogen sich immer mehr Wunden während des Arbeitens zu, fühlten die Empfindung aus Händen und Füßen schwinden und nach einiger Zeit begannen die Gliedmaßen sich zu verkrümmen und sie erkannten mit Schrecken, dass sie an Lepra litten.

In diesem Augenblick, also bei sichtbarem Ausbruch ihrer Krankheit, sterben sie den sozialen Tod und bleiben gesellschaftlich tot ihr Leben lang. Von Menschenwürde bleibt ihnen später lediglich die Erinnerung. Der Kranke muss sofort seine Familie verlassen, Heim und Arbeit aufgeben, da seine Angehörigen sonst ebenfalls von sämtlichen sozialen Kontakten abgeschnitten würden, sie könnten ihre landwirtschaftlichen Produkte nicht mehr verkaufen. So zieht der Kranke in die nächst größere Stadt. Sein Straßenleben beginnt. Er ist zu einem Unberührbaren geworden. Niemand möchte ihn in seiner Nähe dulden, er hat jeglichen Platz in der Gesellschaft verloren und wird in eine unausweichliche Passivität gezwungen. Von jetzt ab ist er auf das Betteln angewiesen, da niemand einem Leprakranken eine Arbeit gibt. Er hat damit die Grundlage verloren, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Er erfährt keinerlei Unterstützung oder Information von außen. Die meisten Bettler sind Analphabeten, also angewiesen auf Aufklärung durch Dritte. Viele Ärzte und Krankenhäuser verweigern ihnen medizinische Versorgung. Dazu kommt mangelnde Hygiene durch die extremen Lebensbedingungen auf der Straße und zu geringe Geldmittel, um sich zumindest Medizin für die Wundbehandlung oder typische Begleitinfektionen leisten zu können. Ihr körperlicher Zustand verschlechtert sich ständig, ein für sie selbst unaufhaltsames Schicksal. Das sie so hart treffende soziale Stigma zwingt sie in ein Leben ohne Würde, sie sind zu Namenlosen degradiert, die ihr Leben lang nun krank, entstellt und verstümmelt im Dreck und Gestank des Straßenrandes sitzen, ohne Hoffnung auf Änderung.

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