LEPRA – DIE UNWIRKLICHE KRANKHEIT

Lepra ist eine chronische, bakterielle Infektionskrankheit. Die Ansteckung erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Als Voraussetzung der Übertragung gelten der langfristige, enge Haut-zu-Haut-Kontakt zu einem unbehandelten Kranken und mangelhafte Hygiene, besonders an überbevölkerten Orten. Die Ansteckungsgefahr ist geringer als bisher angenommen, sie hängt von dem Immunsystem des Einzelnen ab. Leider besteht besondere Empfänglichkeit im Kindesalter. Lepra betrifft vor allem Menschen, die mit Mangelerscheinungen aufgewachsen sind. 80% der Weltbevölkerung ist immun gegen Lepra. Die Inkubationszeit kann sich zwischen 3 Monaten bis zu 40 Jahren spannen, meistens beträgt sie um die 10 Jahre. Erste Symptome sind depigmierte, unsensible Flecken auf der Haut.

Das Krankheitsbild Lepra führt zur Lähmung des peripheren Nervensystems und zerstört damit Sensibilität, Motorik und Gewebsernährung. Die Muskeln versteifen sich, es kommt zu Deformationen an Händen und Füßen. Durch den sich ausbreitenden Verlust des Tastsinns vergrößert sich die Gefahr unbemerkter Verletzungen. Bei mangelhafter Hygiene infizieren sich die Wunden oft so stark, dass es zu tiefen Gewebszerstörungen kommt und Amputationen unvermeidbar werden. Ferner wird die Haut des Leprabetroffenen trocken und brüchig. Schleimhäute im Mund- und Rachenraum werden zerstört. Durch Knotenbildung, Hautreaktionen und Nervenstörungen kann es zu großen Entstellungen des Gesichts kommen, das sogenannte Löwengesicht (facies leonina). Oft entzünden sich die Augen und trocknen durch Lähmung des Blinzelreflexes aus. Die Leprösen erblinden und da sie auch den Tastsinn verloren haben, sind sie gewissermaßen doppelt blind. 

Lepra ist heilbar – in jedem Stadium.

Es gibt eine medikamentöse Lepratherapie MDT, die von der W.H.O. empfohlen wird. Die Therapie dauert bei täglicher Medikamenteneinnahme 1 bis 2 Jahre, für einen Patienten im Anfangsstadium um die 6 Monate. Viele Leprakranke litten bereits 10 und mehr Jahre unter ihrer Krankheit, haben Finger und Fußzehen schon verloren, doch sie wissen nicht, dass Lepra heilbar ist, niemand hat es ihnen gesagt.

WENN MAN ALLES HINTER SICH LÄSST

Am härtesten trifft den Leprakranken die totale Isolation von Gesellschaft und Familie, denn kein Mensch wird mit Lepra geboren. Die Angst vor Ansteckung sowie Vorurteile durch mangelnde Bildung und Aufklärung haben einen schmerzhaft tiefen Graben zwischen die Kranken, oft schwer behinderten Menschen, und der Gesellschaft gezogen. Diesen aus eigener Kraft zu überbrücken, ist für einen Leprakranken unmöglich. Der Lebensweg unserer Patienten sieht wie folgt aus: Alle unsere Bettler kommen aus ärmeren Familien, meist aus kleinen Dörfern, in denen es keine Elektrizität oder fließendes Wasser gibt. Doch sie waren verheiratet, hatten Familie, Arbeit, ein Zuhause und soziale Kontakte, sprich alles, was zu einem würdevollen Dasein gehört. Die meisten von ihnen waren in der Landwirtschaft tätig auf den Feldern von Großgrundbesitzern, einige waren Straßenbauer, Hilfsarbeiter, Rickshaw-Fahrer. Mit ihren vielköpfigen Familien wohnten sie in kleinen strohbedeckten Einzimmer-Häuschen, zumeist aus Lehm gebaut. Sie führten ein einfaches Leben. Auf einmal entdeckten sie weiße, gefühllose Hautflecken an sich. Sie zogen sich immer mehr Wunden während des Arbeitens zu, fühlten die Empfindung aus Händen und Füßen schwinden und nach einiger Zeit begannen die Gliedmaßen sich zu verkrümmen und sie erkannten mit Schrecken, dass sie an Lepra litten.

In diesem Augenblick, also bei sichtbarem Ausbruch ihrer Krankheit, sterben sie den sozialen Tod und bleiben gesellschaftlich tot ihr Leben lang. Von Menschenwürde bleibt ihnen später lediglich die Erinnerung. Der Kranke muss sofort seine Familie verlassen, Heim und Arbeit aufgeben, da seine Angehörigen sonst ebenfalls von sämtlichen sozialen Kontakten abgeschnitten würden, sie könnten ihre landwirtschaftlichen Produkte nicht mehr verkaufen. So zieht der Kranke in die nächst größere Stadt. Sein Straßenleben beginnt. Er ist zu einem Unberührbaren geworden. Niemand möchte ihn in seiner Nähe dulden, er hat jeglichen Platz in der Gesellschaft verloren und wird in eine unausweichliche Passivität gezwungen. Von jetzt ab ist er auf das Betteln angewiesen, da niemand einem Leprakranken eine Arbeit gibt. Er hat damit die Grundlage verloren, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Er erfährt keinerlei Unterstützung oder Information von außen. Die meisten Bettler sind Analphabeten, also angewiesen auf Aufklärung durch Dritte. Viele Ärzte und Krankenhäuser verweigern ihnen medizinische Versorgung. Dazu kommt mangelnde Hygiene durch die extremen Lebensbedingungen auf der Straße und zu geringe Geldmittel, um sich zumindest Medizin für die Wundbehandlung oder typische Begleitinfektionen leisten zu können. Ihr körperlicher Zustand verschlechtert sich ständig, ein für sie selbst unaufhaltsames Schicksal. Das sie so hart treffende soziale Stigma zwingt sie in ein Leben ohne Würde, sie sind zu Namenlosen degradiert, die ihr Leben lang nun krank, entstellt und verstümmelt im Dreck und Gestank des Straßenrandes sitzen, ohne Hoffnung auf Änderung.