KIND SEIN OHNE KINDHEIT

Ob sie in der Hitze in Steinbrüchen oder beim Straßenbau schwitzen, lange Stunden auf dem Feld arbeiten, Müll in den Straßen der Städte sammeln oder im Verborgenen als häusliche Dienstboten, in Restaurants, Hotels oder in Webereien tätig sind: Diese arbeitenden Kinder erleiden ein sehr klägliches und entbehrungsreiches Leben. Sie werden körperlich ausgebeutet, haben keine Chance auf eine Kindheit. Ihre Lebenserwartung ist deutlich verringert. Viele Kinder besuchen keine Schule und haben keine ausreichende Ernährung, sie leiden unter Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit. Das Problem der Kinderarmut und Kinderarbeit verschlimmert sich aus verschiedenen sozialen, kulturellen und politischen Gründen mit alarmierender Geschwindigkeit im gesamten Land. Es sind die Kastenlosen sowie die unteren Kasten, die am meisten leiden. So auch ganz besonders im Bundesstaat Uttar Pradesh, in dem sich die uralte, heilige Stadt Varanasi am Ganges befindet. Im städtischen Gebiet sind die Haupterwerbstätigkeiten für Kinder und Jugendliche das Müllsammeln, Gepäck- und Lastenkulis oder das Ziehen von Rikschaws. Mit diesen Arbeiten können die Kinder nur ein karges Einkommen verdienen. Zudem sind sie meist obdachlos und werden auf der Straße misshandelt und missbraucht, sie sind auf sich alleine gestellt und schutzlos. Den ländlichen Gegenden von Varanasi entstammen die Kinderarbeiter für die Ziegelsteinherstellung und die schwer gesundheitgefährdende Arbeit der Kupferextraktion von Autobatterien sowie Teppichknüpfereien. Kinderrechte werden nicht eingehalten, die Jungen und Mädchen haben keine Hoffnung oder Chance auf Veränderung ihrer Situation. 

Bei der Mehrzahl der von Kindern ausgeführten Erwerbstätigkeiten sind Tuberkulose und Infektionen der Atemwege sehr verbreitet, da sie oft mit vielen Arbeitern zusammengedrängt unter Plastikplanen hausen müssen. Durch Mangelernährung, nicht vorhandene Hygiene sowie sanitäre Einrichtungen, unzureichende bis gar keine Gesundheitsversorgung und fehlendes Trinkwasser verschlimmert sich die ohnehin schon gesundheitsgefährdende Lage zusätzlich. Große Familien mit einem geringen Einkommen leben‚ von der Hand in den Mund. Jeder Tag bedeutet ein neuer Kampf ums Überleben. Viele Familien müssen bei ihrem Landbesitzer Schulden eingehen und sind zu Schuldknechten geworden, die Kinder ebenso. Zwangsläufig werden unter solchen Umständen die grundlegenden Bedürfnisse wie Gesundheit und Bildung vernachlässigt. Ferner geht die allgemeine Entwicklungstendenz für die Einstellung von Arbeitern, z.B. in einer Ziegelei oder in der Teppichindustrie, dahin, dass Vermittler die Arbeitskräfte einstellen und Lohnvorauszahlungen leisten. Die hohe Verfügbarkeit von Personal hat die Verhandlungsposition der Arbeiter in Bezug auf Arbeitsstandards und Lohntarife verringert bzw. annulliert. Die Arbeiter müssen die Vorauszahlung mit Zinsen zurückzahlen. Falls sie die Zahlung nicht leisten können, akkumuliert und steigt der zu zahlende Betrag und die Familien der Arbeiter sitzen in der Falle eines Teufelskreises der Verschuldung. Um diese Vorauszahlungen zurückzahlen zu können, werden ihre Kinder als Schuldknechte beschäftigt –und sie bleiben dies meist ihr Leben lang. Durch die Erwerbstätigkeit können die Kinder nicht zur Schule gehen und verpassen die Chance, eine minimale schulische Grundbildung zu erhalten. So erwerben sie nicht die notwendigen Fähigkeiten und das Wissen für anspruchsvollere Berufe. Sie leben ohne Perspektive.

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