DIE FRAUEN DES SLUMS DEMONSTRIEREN

Unsere Kinderrechteprojekte in den Slums von Benares und den umliegenden Dörfern in den letzten Jahren zeigen viele sichtbare Erfolge, wie zum Beispiel non - formale Schulen für Slumkinder, Reduzierung der Kinderarbeit, Brunnen- und Straßenbau oder verbesserte Hygiene und Gesundheitsbedingungen. Ebenso wichtig sind aber auch die durch unsere Trainings langfristig wirkenden bewusstseins- und verhaltensverändernden Maßnahmen. Zur Veranschaulichung möchten wir zwei Erfolge der Frauen des Dholatpur - Slums beschreiben, in denen das sogenannte „women empowerment“ eine zentrale Rolle spielte. Im Deutschen gibt es für den Begriff „empowerment“ keine eindeutige Übersetzung. Wir verstehen darunter, dass die Frauen in den Dörfern und Slums durch unsere Trainings und Workshops lernen, Selbstverantwortung zu übernehmen, um das ihnen in der patriarchalischen Gesellschaft anerzogene Empfinden der Ohnmacht und Einflusslosigkeit zu überwinden und selbst zu versuchen, ihre eigenen Lebensbedingungen bzw. die ihrer Kinder zu verbessern.

Der Dholatpur-Slum liegt im Norden von Benares und ist eine Ansammlung von 200 sozial stark benachteiligten Familien, darunter 405 Kinder. Neben Müllsammeln und der Fertigung von billigem Plastikschmuck ist die handgemachte Herstellung von Bidis (Zigaretten) eine der Haupterwerbsquellen. Für 1000 Bidis zahlt der Händler 35 Rupien (50 Cent). Im April dieses Jahres besprachen die Mitglieder unserer regelmäßig organsierten „Bal Adhikar Manch-Meetings“ (sog. Erwachsenforen), dass in ihrem Slum ein neuer illegaler Alkoholshop zu öffnen drohe. In diesen leider weit verbreiteten Spelunken wird selbstgebrannter Alkohol verkauft - mit oftmals dramatischen Konsequenzen. Das illegale Gebräu ist deutlich billiger als legal produzierter Alkohol, aber zugleich hochgefährlich. Oft enthält es Chemikalien wie Methanol, ein Industriealkohol, der unter anderem als Frostschutzmittel und als Brennstoff verwendet wird. Jährlich sterben oder erblinden in Indien x-tausend Menschen durch den Konsum illegal hergestellten Alkohols. Zu viele Männer vertrinken ihren geringen Tagelohn und lassen im Rausch dann oftmals ihren Lebensfrust gewaltsam an ihren wehrlosen Frauen und Kindern aus.

Um dieser drohenden Gefahr entgegenzuwirken, entwickelten die Frauen gemeinsam mit unserer Sozialarbeiterin Sitara einen Plan. Kurz vor der angekündigten Eröffnung stellten sie sich mit Plakaten vor das Geschäft und blockierten den Zugang, indem sie eine schwere Kette mit Schloss an der Tür anbrachten. Der Besitzer des Geschäftes, mit allseits bekanntem mafiösen Hintergrund, drohte den Frauen, er werde sie mit Waffengewalt vertreiben. Doch sie ließen sich nicht einschüchtern und wichen nicht von der Stelle. Auch der zuvor vom Geschäftsbesitzer bestochenen Polizei gelang es nicht, den Massenauflauf wütender Frauen aufzuhalten. Denn der Mut der Frauen fand großen Zulauf von der gesamten Nachbarschaft. Mehr als 100 Menschen kamen zur Unterstützung, als zwei schwarze Jeeps mit einem Dutzend muskelbepackter Männer vorfuhren und mit Pistolen drohten: „Wenn ihr nicht sofort geht, kommen wir nachts zurück und bringen eure Kinder um!“ Doch erneut ließen sich die Frauen nicht vertreiben. Zwanzig Tage hielten sie ihre Blockade aufrecht, so dass sich letztlich der Bezirksverwalter einschaltete und die zuvor auf Seite des Geschäftsbesitzers stehenden Polizisten veranlasste, den Ladeninhaber zu vertreiben. Ein großer Erfolg für die Frauen des Slums, deren bewundernswerte Courage sogar in einem Artikel der Lokalzeitung gewürdigt wurde.

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