AARTI WÄHRT SICH GEGEN EINE KINDERHEIRAT

Kinderehen sind in Indien zwar gesetzlich verboten, dennoch werden immer noch in ländlichen Gebieten, in den untersten Kasten und ungebildeten Gemeinschaften, mehr als die Hälfte der Mädchen verheiratet, bevor sie volljährig sind. Der von unserer Kinderrechtsinitiative betreute Slum ‚Bhadua’ liegt am Stadtrand Benares’, in dem fast 450 Menschen leben. Die meisten Bewohner Bhaduas gehören zu den sogenannten „Sweepern“ (Fegern), die alles - von der Straßenrinne bis zu den Toiletten – reinigen und damit ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen. Um das tägliche Überleben zu sichern, müssen in der Regel beide Elternteile arbeiten: Meist müssen auch die Kinder ab frühestem Kindesalter durch einfache und schlechtbezahlte Hilfsarbeiten zum Lebensunterhalt beitragen oder auf ihre Geschwister aufpassen, so dass sie weder Mittel noch Zeit finden, um die Schule besuchen zu können. Die wenigsten Menschen in Bhadua können lesen und schreiben. Der Teufelskreis Analphabetismus, Kinderarbeit und Kinderehen wird so mangels Aufklärung und Perspektiven von Generation zu Generation weitergegeben.

Kinderehe – ein solches Schicksal drohte als Halbwaise auch der 14-jährigen Aarti. Nachdem ihre Mutter verstarb, heiratete ihr Vater erneut, ließ die Kinder seiner ersten Ehe im Slum zurück und zog fort. Aarti blieb bei ihrem älteren Bruder Suraj, der ebenfalls als Straßenfeger seinen Lebensunterhalt verdient. Das Mädchen kümmert sich um den Haushalt und verbleibt stets fast den ganzen Tag alleine in der ärmlichen Hütte. Allerdings besucht sie regelmäßig unser non-formales Ausbildungszentrum (NFE-Center) und nimmt an unserem Kinderforum (Bal Manch) teil, in dem unsere Sozialarbeiter die Kinder durch verschiedene spielerisch aufgebaute Programme über ihre Rechte aufklären. Eines Tages teilte der Bruder Aarti mit, dass sie mit ihren vierzehn Jahren bereits alt genug sei, um zu heiraten, damit ihr zukünftiger Mann und seine Familie sie ernähren könnten. Aarti war komplett geschockt. Im Kinderforum hatte sie gelernt, dass ihre Heirat nicht nur illegal sei, sondern auch eine Abhängigkeit für den Rest ihres Lebens bedeuten würde. Außerdem würde sie die Schule abbrechen müssen... Das Mädchen wandte sich verzweifelt an unseren Sozialarbeiter Durgesh, der sofort die Initiative ergriff und die geplante Kinderheirat sowohl mit dem Bruder als auch mit den Mitgliedern des Erwachsenenforums, „Bal Adhikar Manch“, besprach.

Es gelang ihm, Aartis Bruder davon zu überzeugen, dass es langfristig für alle vorteilhafter sei, wenn sie ihre Schulbildung fortsetzen und erst nach Erreichen der Volljährigkeit heiraten würde. Das Erwachsenenforum unterstützte diese Entscheidung. Die Slumgemeinschaft versprach, fortan bei den ersten Anzeichen einer geplanten Kinderehe zu intervenieren und durch Gruppenzwang auch weitere Mädchen vor dem Schicksal einer aufgezwungenen Kinderehe zu bewahren. Ein schöner Erfolg.

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