MUTIGER KAMPF EINER MUTTER UM IHRE TOCHTER

Frauen sind in der patriarchalisch geprägten indischen Gesellschaft trotz der inzwischen rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau nach wie vor stark benachteiligt. Gerade in den untersten Kasten werden sie nach der arrangierten Heirat von ihrem Ehemann oftmals als rechtlose Dienerinnen behandelt, die keinen eigenen Willen und keine Wünsche haben dürfen und deren Rolle sich auf den Haushalt, die Geburt und das Aufziehen von Kindern, möglichst von Söhnen, beschränken sollte. Ein Sohn ist der ganze Stolz der Familie. Nur ein Sohn kann später einmal, wenn die Eltern sterben, die nötigen und für eine Erlösung wichtigen Totenrituale und Zeremonien durchführen. Mädchen dagegen sind oft unerwünscht und bedeuten meist den finanziellen Ruin der Familie, da sie später zur Heirat mit einer umfangreichen Mitgift ausgestattet werden müssen. Während ein Mann die Freiheit besitzt, sich scheiden zu lassen und eine neue Ehe einzugehen, ist dies umgekehrt für eine Frau in den untersten Gesellschaftsschichten undenkbar. Denn nach der Trennung vom Mann kann die Frau nicht einfach ins Haus ihrer Eltern zurückkehren, da sie „Schande“ über die Familie gebracht hat. Saruja wurde mit 18 Jahren vermählt und gleich nach ihrer arrangierten Hochzeit begannen die Probleme. Anstelle der vereinbarten Mitgift verlangte der Ehemann Chandu ganz plötzlich eine „Nachzahlung“ von 200.000 Rupien (fast 3.000 Euro). Andernfalls – so drohte er - werde er sich scheiden lassen. Sarujas Familie konnte diese Summe jedoch nicht aufbringen. Saruja gebar in den weiteren Jahren vier Mädchen, darunter auch ein Zwillingspaar. Chandu, der mittlerweile schwerer Alkoholiker war, strafte Saruja nicht nur mit regelmäßigen Schlägen, sondern entriss ihr auch die Fürsorge für die Mädchen und brachte sie zu seiner Mutter ins Dorf. Er selbst lebte die meiste Zeit mit einer anderen Frau und ließ Saruja allein. Durch mangelnde Fürsorge oder andere „ungeklärte Umstände“ verstarb sowohl das älteste als auch eines der Zwillingsmädchen nach kurzer Zeit.

Als Saruja, nun bereits 24 Jahre alt, vor sechs Monaten zu unserer Bal Adhikar Manch-Gruppe stieß und den anderen Frauen von ihrem Schicksal berichtete, fand sie nicht nur deren Mitleid, sondern auch konkrete Hilfe. Gemeinsam bestärkten die Frauen sie, Mut zu fassen und sich nicht tatenlos ihrem Schicksal zu ergeben, sondern gegen ihren Mann und um ihre Kinder zu kämpfen. Durgesh, einer unser Projektleiter für Kinderrechte, stellte Kontakt zu dem auf häusliche Gewalt spezialisierten Sozialarbeiter Musabhai her und lud ihn zum nächsten „BAM“-Treffen ein. Musabhai entwickelte mit den Frauen, die Sarujas Leid nun auch zu ihrer persönlichen Angelegenheit machten, die nächsten Schritte. Sie zeigten Chandu zunächst bei der örtlichen Polizei an. Doch wie so oft fand dies außer einer Aktennotiz keine große Beachtung. Sie suchten den Ehemann auf, doch Sarujas Kinder waren nicht bei ihm und Chandu verriet auch nicht, wo sie zu finden sein könnten. Musabhai und Saruja reisten daraufhin in die 300 km entfernte Bundeshauptstadt Lucknow, um dort ein offizielles Verfahren einzuleiten, das sich im indischen Rechtssystem allerdings über viele Jahre ziehen kann. Saruja und die Frauen von Dholatpur gaben nicht auf. Sie suchten überall nach den Kindern und fanden sie schließlich auch bei Verwandten. Diesmal drohte nicht der Ehemann seiner Frau mit Schlägen, sondern die vereinten Frauen unserer Gruppe drohten ihm. Kleinlaut und ängstlich gab er die beiden Töchter, Kritika und Akriti, an Saruja zurück. Sie lebt nun glücklich mit den beiden bei ihrer Mutter. Die Frauen des Dholatpur-Slums achten gemeinsam darauf, dass ihr Ehemann nie wieder zurückkehrt. Wie schön, zu sehen, was Zusammenhalt bewirken kann.

Das könnte Sie auch interessieren: