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14.11.2014

Der schönste Tag im Leben ist...wenn eine elfjährige die Kinderheirat ihrer Freundin verhindert

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Leider ist in Nepal Kinderheirat gerade in den ländlichen und ärmeren Regionen immer noch weit verbreitet. Auch in unserem Projektgebiet Chitwan in Südnepal. Unter den dort lebenden ethnischen Gruppen der Tamang und Chepang, zu denen auch eine ganze Reihe der von uns direkt mit einem Schulstipendium geförderten 364 Mädchen gehören, werden noch heute ca. 15% der Mädchen verheiratet, bevor sie 14 Jahre alt werden. Uns wurde von Fällen berichtet, in denen Mädchen im Alter von 8 Jahren verheiratet wurden! Dies hat für die jungen Mädchen weitreichende Folgen:

Mit der Heirat verlassen sie fast immer sofort die Schule, da sie von der Familie ihres Ehemannes sowohl als Haushaltskraft als auch zum Bestellen der familieneigenen kleinen Felder gebraucht werden.
Durch die fehlende Ausbildung sind die jungen Mädchen auf Lebenszeit komplett abhängig von der Familie bzw. dem Einkommen ihres Mannes, da sie ohne Ausbildung keine Chance auf eine eigenständige Arbeitsstelle haben. Je niedriger der Bildungsstand, umso früher und umso mehr Kinder bekommen die teils sehr jungen Frauen durchschnittlich. Die vielen Schwangerschaften und Geburten gepaart mit der harten körperlichen Arbeit, die alle Frauen bis kurz vor der Niederkunft in den ärmsten Regionen Nepals verrichten müssen, verursachen viele unterschiedliche körperliche Beschwerden und Krankheiten. Gerade während unserer Health Camps in Mugu haben die uns begleitenden Ärzte immer wieder festgestellt, dass die jungen und vielfachen Mütter meist über einen schlechten körperlichen Gesamtzustand verfügen und vergleichsweise schneller gealtert sind als Frauen, die später und weniger Kinder zur Welt brachten.

Um die Situation der Frauen und Mädchen zu stärken und ihnen eine Chance auf ein unabhängiges und gesundes Leben zu geben, klären wir regelmäßig über die Folgen einer frühen Heirat auf. Unsere Projektmitarbeiter besuchen dazu sowohl den Schulunterricht als auch die Treffen der Spargruppen, die hauptsächlich aus Frauen bestehen.

 


Die gerade 11-jährige Sirjana besucht durch die Unterstützung unserer Paten die 5. Klasse der Schule in Thakaltar, einem kleinen Dorf in unserem Projektgebiet Chitwan. Sie ist eine gute Schülerin und geht jeden Tag freudig zur Schule, da sie dort auch ihre Freundinnen trifft. Vor Kurzem vertraute ihre beste Freundin Rakshaya ihr auf dem Pausenhof an, dass sie sich verlobt habe und sehr bald heiraten werde. Doch Rakshaya ist erst 13 Jahre alt! Sirjana war entsetzt, redete auf ihre Freundin ein und wollte wissen, wie es überhaupt dazu kam. Rakshaya erzählte ihr, dass ein vierzehnjähriger Junge aus ihrem Dorf sie, wie traditionell üblich, gefragt hätte. Sie hat angenommen und das auch bereits ihren Eltern mitgeteilt. Die Verlobung geschah also, wie meisten unter den Chepangs, nicht auf Druck der Familie, sondern ging vom künftigen Ehemann aus. Die Eltern von Rakshya hatten zunächst allerdings auch keine Einwände dagegen.

Sirjana, die in der Schule über die Folgen der frühen Heirat sowie die Vorteile einer Schulausbildung aufgeklärt wurde, machte sich daraufhin große Sorgen um die Zukunft ihrer besten Freundin. Oft begleitete Sirjana ihre Mutter bereits zu den monatlichen Treffen der Spargruppe, während der sich die Erwachsenen auch über die Schulausbildung ihrer Kinder, Hygiene, landwirtschaftliche Anbaumethoden sowie weitere Themen oder Probleme austauschen. In diesem Gremium wurden auch die Eltern viele Male durch unsere Sozialarbeiter über die Folgen der Kinderheirat aufgeklärt und aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Kinder die Schulausbildung beenden.

 


In ihrer Verzweiflung vertraute sich Sirjana unserem Projektmanager Anjan an. Als während des nächsten Treffens keine der Frauen das mittlerweile im Dorf bekannte Thema von Rakshyas anstehender Heirat zur Sprache brachte, forderte Anjan das Mädchen auf, das Wort zu ergreifen.
Die sehr selbstbewusste Elfjährige flehte die anwesenden Frauen an, diese Kinderheirat ihrer viel zu jungen Freundin zu verhindern. Die meisten Frauen, darunter auch Rakshyas Tante, blickten beschämt zu Boden, doch keine sagte etwas. Erst als Anjan der Reihe nach jede der Frauen nach ihrer Meinung zur Kinderheirat befragte, trauten sie sich, eine Meinung zu bilden und zu formulieren. Es gab keine Einzige, die sich für die Verheiratung aussprach.

Mehrere Frauen, ebenso die Tante, entschieden sich daraufhin, zusammen mit Anjan noch einmal eindringlich mit Rakshyas Mutter zu sprechen. Diese zeigte sich, genauso  wie die Gruppe der Frauen zuvor, zunächst sehr verschlossen, was das Thema anging. Zwar war sie nicht begeistert von der geplanten Heirat, aber wie alle anderen nahm sie die bisherige Praxis als selbstverständlich hin, ohne sie zu hinterfragen. Trotz vielfacher Aufklärung wird den Frauen der Zusammenhang zwischen früher Heirat, mangelnder Bildung, Abhängigkeit, schwerer Arbeit, vielfacher Geburt und späteren körperlichen Beschwerden erst allmählich klar.

 

Unser Projektmanager Anjan spricht mit der Familie.


Rakshyas Mutter entschied sich, ihre Tochter zu schützen und sprach mit ihr sowie mit der Familie des zukünftigen Ehemannes und gemeinsam sagten sie die geplante Hochzeit ab.

Die Dreizehnjährige ist froh, weiter zur Schule gehen zu können und ihrer besten Freundin dankbar: „In Zukunft werde ich mir mehr Gedanken machen. Ich habe der Heirat zugestimmt, weil ich den Jungen mag und dies nun mal Tradition bei uns ist. Aber es ist viel besser, wenn ich erst meine Schulausbildung beende. Vielleicht kann ich dann später einmal selbst Lehrerin werden.“

Rakshya kann somit weiterhin zur Schule gehen und die kleine Sirjana ist für uns ein schönes Beispiel, wie langfristig angelegte Aufklärung gepaart mit der Bildung der neuen Generation nach und nach das Bewusstsein der Menschen für gewisse gesellschaftliche Zwänge und Ungerechtigkeiten schärft und sie animiert, dieses zu ihrem Vorteil zu ändern.

„Durch die frühe Heirat hätte meine Freundin die Schule abbrechen müssen und nur noch im Haus der Familie ihres Mannes gearbeitet. Nie hätte sie die Chance auf eine gute Arbeit gehabt und wahrscheinlich bald viele Kinder bekommen. Für uns Mädchen ist es besser, erst die Schule zu beenden. Dann können wir immer noch heiraten!“, sagte Sirjana.

Beseelt von ihrem Erfolg setzte sich Sirjana dafür ein, zusammen mit den Kindern der von uns organisierten Jugendclubs am 20. November eine Kampagne ‚Gegen Kinderheirat und Schulabbruch’ zu starten - zu der alle Dorfbewohner eingeladen sind.

Nach einer Kundgebung im Dorf sollen sich möglichst viele Menschen auf dem Schulgelände versammeln und den Vorträgen der Kinder zum Thema folgen. Der beste Vortrag wird am Ende prämiert.

„Ich bin sehr stolz auf meine Tochter. Sie ist sehr stark und klug. Ich hoffe, dass die Schulausbildung ihr helfen wird, später eine gute Arbeit zu finden und ein gutes Leben zu führen“, sagte Sirjanas Mutter.