Den Winter gibt es gleich 2x in Nepal

Hemanta & Shishir


Nepal hat 6 Jahreszeiten zu bieten

Wer einmal in Nepal war, wird das Land vermutlich nie vergessen. Es ist wunderbar. Die Natur ist unvergleichlich vom Flachland im Süden, dem Terai, das nur auf 70 Metern liegt, bis in das Hochland im Norden, das den Mount Everest als den höchsten Punkt der Welt ein- schließt. Die Höhe steigt langsam an und macht aus Nepal ein geografisch extrem vielfältiges Land.

Die Vielfalt spiegelt sich auch in den sechs Jahreszeiten wider:
• Winter: Shishir
• Frühling: Basanta
• trockener Sommer: Grishma
• Spätsommer mit Monsunregen: Barshaa
• Herbst: Sharad
• Vorwinter: Hemanta
Die Jahreszeiten wie auch die Geografie jedes Ortes prägen das soziale und kulturelle Leben der Menschen.


Der Winter hat verschiedene Herausforderungen

Was im Westen einfach nur Winter heißt, umfasst in Nepal eigentlich zwei Jahreszeiten: Hemanta, die mit Schnee und Shishir, die kalte Zeit. Die Temperatur erreicht im Tiefland von Dezember bis Januar nachts fast den Gefrierpunkt, während in den Bergregionen im Norden raues Wetter und starker Schneefall herrschen. Da die Menschen hier noch sehr traditionell und naturorientiert leben, unterscheidet sich ihr Leben stark von dem in unserer westlichen Welt. Sonne und Sterne leiten sie und nicht die Uhr, die Tage werden kürzer, die Menschen arbeiten weniger draußen und gehen früher schlafen. Beim beliebten viertägigen Festival Chhath wird die Ankunft des kalten Winters feierlich begangen. Das dazugehörige Ritual besteht aus Fasten, einem heiligen Bad am Flussufer und dem Anbeten der Sonne, indem man ihrem Auf- und Untergang tiefen Respekt zollt. Schließlich hat die Sonne genauso wie Natur und Wasser hier eine besondere Bedeutung für das tägliche Dasein.


Wenn die Sonne nicht mehr scheinen will

Im südlichen Tiefland ist es morgens neblig und der Smog nimmt mit der Umweltverschmutzung stetig zu. In einigen Jahren wird die Sonne wochenlang nicht scheinen, ein Phänomen, das sich über die indische Gangesebenen bis nach Nepal erstreckt. Dies macht das Leben dort schwierig. Gerade für die alten Menschen ist der Winter eine echte Herausforderung. Er bringt oft Krankheit und sogar den Tod. Man könnte denken, die Temperaturen wären schuld, in Wirklichkeit ist es aber die hoffnungslose Armut der Menschen. Sie haben keine Heizung, können sich weder warme Kleidung noch ausreichend warme Mahlzeiten leisten und erst recht keine Medikamente. Dieselbe Jahreszeit ist für die Menschen also sehr unterschiedlich. Während sie die Wohlhabenden in den Städten nicht größer einschränkt, ist sie für die Armen in den ländlichen Gegenden eine Anstrengung mehr im harten Dasein.



Der Winter in den hohen Bergen ist weiblich

In Mugu ist der Winter noch einmal anders. Mehr als 55.000 Menschen leben hier auf einer Höhe zwischen 1201 und 6717 Metern über dem Meeresspiegel. Es ist also eigentlich immer kalt hier oben. Nach der Tradition der Mugali müssen ihre verheirateten Töchter am 12. Paush des nepalesischen Kalenders (um den 27. Dezember) zu den Familien der Mütter kommen und am 16. Paush (um den 31. Dezember) in ihre Heimat zurückkehren. Sie glauben, dass erst nach diesem Besuch der Schneefall in den Bergen und damit der „echte Winter“ beginnt. Denn in ihrer Vorstellung sorgt die Natur dafür, dass die Frauen bequem ihre Eltern besuchen können, bevor die Wege 2 bis 4 Fuß hoch mit Schnee bedeckt sind. Der Schneefall hat für sie auch eine besondere Aussagekraft: Wenn es schneit, finden sich in einigen Hausgärten höhere und in anderen niedrigere Schneehaufen. Interpretiert bedeutet das, dass einige Frauen mehr Geschenke aus ihrem Elternhaus mitgebracht haben und andere weniger – entsprechend der Schneehöhen.


Die Frauen bringen den Schnee

Die Alten sehen mit der Schneehöhe die nächste Ernte voraus: Mehr Schnee bringt den Bauern mehr Glück, da er die Winterkulturen bewässert. In Mugu gibt es nur diese natürliche Form der Bewässerung. Wenn die verheirateten Töchter also ihre Elternhäuser besuchen, ist das auch entscheidend für das Pflanzenwachstum. Die Familien loben daher die Frauen dafür, dass sie mehr Schnee bringen. Die Zeit des Schnees dauert in den Bergen von Mugu ungefähr drei Monate an. Er blockiert das Leben, indem er die wenigen Straßen, die in diese Region führen, unpassierbar macht. Die in den Berg geschlagenen Flugpisten sind vereist, die Propellermaschinen können nicht mehr landen. Dazu sind häufig die Kommunikationsmittel wie Internet und Mobil- telefone eingeschränkt – dann, wenn die Solarmodule wegen Lichtmangels nicht geladen werden. Die Schulen bleiben meist für einen Monat geschlossen, auch die Märkte, auf denen man sonst Arbeit finden kann, bleiben leer. Die Menschen verlagern ihr Leben nach Hause und ernähren sich und ihre Tiere von dem, was sie an den langen Sommertagen in harter Arbeit ansammeln konnten – nicht immer genug.



Nur wer vorsorgt kommt durch den Winter

Die Menschen im Hochgebirge haben gelernt, mit den Herausforderungen des Winters umzugehen. Die Häuser in Mugu sind aus Stein und Holz gebaut, das Dach ist mit Schlamm verputzt; das hält das Haus wärmer. Darüber hinaus bauen sie ihre Häuser dicht beieinander. „Wir haben gelernt, auf unsere eigene Weise in der Wärme zu leben. Die dicht gebauten Häuser retten uns von den kalten Wind“, sagt Brahm Budha aus dem Dorf Loharbada. Bevor die Wintersaison beginnt, müssen die Familien in Mugu Lebensmittel und Brennholz für sich selbst sowie Heu und Stroh für ihre Rinder, Ziegen und Scha- fe einlagern. Die Wasserversorgung wird für Frauen und Kinder, die sich darum kümmern müssen, immer schwieriger: „Wir müssen den Schnee auf unserem Dach zum Trinken, Kochen und für andere Haushaltszwecke schmelzen, da das Wasser an der Quelle oft gefroren ist.“


Anbetung des Sonnengottes zu Mittwinter

In der Mitte des Winters feiern die Menschen in ganz Mugu ein weiteres Fest zu Ehren des Sonnengottes. Zum „Maghe Sankranti“ laden sie erneut ihre verheirateten Töchter ein. Am Vorabend des Festivals versammeln sich die Frauen an Flussufern, Teichen und an den Wasserquellen, mit denen sie eng verbunden sind. Zum Sonnenuntergang entzünden sie ein Lagerfeuer, singen und tanzen die ganze Nacht traditionelle „Deuda-Lieder“. Zum Sonnenaufgang nehmen sie ein heiliges Bad im Wasser und kehren dann nach Hause zurück, wo die Feier weitergeht. Mit der ganzen Familie genießen sie besondere Speisen und verbringen den Festtag gemeinsam. Solch unbeschwerte Tage sind rar im Kalender der hart arbeitenden Bergbevölkerung.


Der Frühling lässt sein blaues Band

Nun ist der Winter vorüber. Während die westliche Welt das Osterfest feiert, genießt Nepal seine beste Jahreszeit: Basanta, den Frühling, der sich über zwei nepalesische Monate erstreckt: Chaitra und Baisakh (Mitte März bis Mitte Mai). Jetzt platzen die ersten Knospen auf und bunte Blumen blühen in freier Wildbahn. Die Temperatur ist durchweg angenehm, weder zu kalt noch zu heiß. Das Zwitschern der Vögel findet kaum ein Ende, die meisten bauen Nester und legen Eier. Wussten Sie, dass das kleine Nepal mit 822 Vogelarten eine erstaunlich hohe Anzahl von Vögeln hat und damit weltweit den 26. Platz belegt? Egal, welche Jahreszeit gerade ist, die Menschen in Nepal empfinden die Jahreszeiten als Teil ihres Lebens. Sie haben gelernt, ihre guten und schlechten Seiten zu akzeptieren und Strategien entwickelt, um mit ihnen im Einklang zu leben. Und falls sie doch einmal in Not geraten, helfen wir ihnen gerne aus – so wie in diesem schwierigen Jahr der Pandemie.

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