Schafzucht in Mugu

Eine Tradition, die wiederbelebt werden muss

Unsere Projektregion Mugu besteht aus zwei Regionen, benannt nach den Ureinwohnern*innen: die obere Jadan und das untere Khasan. Die Jad sind tibetische Lamas, die Menschen in der südlichen Region Khas, die aus Nordwestindien kamen. Beide brachten wichtige Kenntnisse mit: Die Khas waren landwirtschaftlich erfahren und besaßen Metallwaffen, das Volk der Jadan waren Schafzüchter. Die Kombination von beidem bildete eine gute Grundlage zur Existenzsicherung in der Region.

WIR KÖNNEN UNS EIN LEBEN OHNE SCHAFE NICHT VORSTELLEN.
WIR SIND UNTRENNBAR MIT IHNEN VERBUNDEN.“

DIE SCHAFE ALS BASIS FÜR DAS HANDELN | Damit es sich lohne, hielt eine Familie mindestens ein paar Dutzend Schafe, einige mehr als 100. Das Schaf kann 10 bis 20 kg tragen, ist damit das perfekte Transportmittel und war die Grundlage für den gut organisierten Handel der Mugali. Im Sommer zogen die Männer mit Schafkarawanen an die Grenze oder nach Tibet. Die Schafe trugen Reis, der in Tibet gegen das dort viel günstigere Steinsalz getauscht wurde. Zu Beginn des Winters zogen sie als ganze Schafkarawane weiter in wärmere Gebiete. Hier erhielten sie für wenig Salz mehr Reis, weil es in den Flusstälern reichlich Reis gab und die Menschen dort dringend Salz brauchten. Im Tausch gegen den düngenden Kot der Schafe erhielten sie von den Bauern im Süden einen Platz auf den geernteten Feldern. Sie schlugen ihre Lager auf, ließen die Tiere weiden, die Männer schoren Schafe oder arbeiteten als Holzfäller, die Frauen webten Teppiche und Decken. Sie verkauften diese Produkte gleich dort und erwarben von dem Verdienst, was sie zum Leben brauchten. Die Kinder weideten die Schafe und spielten mit dem ausgebildeten tibetischen Hütehund, der jede Schafkarawane begleitete.

Diese saisonale Migration fand jedes Jahr an denselben Orten statt. Eine wirtschaftliche Transaktion verwandelte sich in eine soziale und verlieh dem Austausch zwischen Völkern zweier verschiedener Religionen und Kulturen eine neue Bedeutung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

DIE FLIEGER KOMMEN, DIE SCHAFE MÜSSEN GEHEN | Der florierende Handel fand Anfang der 2000er Jahre ein Ende. Die Regierung hatte eine Flugpiste in Mugu gebaut und ab 2003 brachten Flugzeuge und Hubschrauber immer mehr Reis, Salz und andere Güter. Die Regierung richtete dazu den Rara-Nationalpark ein und erklärte einen großen Teil von Mugu zum Naturschutzgebiet – die Schafe durften nicht mehr in den Schutzzonen weiden. In den 1980er Jahren wurde in Nepal zudem ein Programm zum Schutz des Waldes initiiert. Die Gemeinden verboten den Rinder- und Schafhaltern, Tiere im Wald grasen zu lassen. Dadurch verloren die Wanderhirten ihre gewohnten Rechte auf Weidegrund. Heute halten die Bauern nur noch wenige Schafe, die Hirten wandern im Frühjahr in die hohen Berge und bringen die gut genährten Schafe im Herbst auf den Markt.

SCHAFE SIND UND FÖRDERN TRADITION | Noch immer verwendet die ältere Generation gerne einheimische Produkte aus Wolle. Sipu Rokaya, 56, aus dem Dorf Jiuka sagte: „Jeden Sommer schere ich meine Schafe, um Teppiche, Decken, Hosen, Mäntel und Pullover zu fertigen. Wir können uns ein Leben ohne Schafe nicht vorstellen. Wir sind untrennbar mit ihnen verbunden. Immer brachten uns die Schafe Salz und Reis, sie gaben uns Kleidung und Fleisch für Feste.“

Wenn wir uns durch die Dörfer in Mugu bewegen, sehen wir, dass fast jeder Haushalt Schafe hält. Wir sehen vor allem Männer, die Wolle spinnen, selbst wenn sie spazieren gehen, sich unterhalten oder Versammlungen abhalten. Die traditionellen Häuser tragen ein Paar Schafshörner oben auf der Tür. „Das ist Tradition seit ehedem. Unsere Zivilisation begann mit Schafen und dies dauert immer noch an“, erklärte Sipu Rokaya. Jedes Jahr, wenn die Mugali Schafe opfern, legen sie den Schädel mit Hörnern auf den Türrahmen. So könne kein böser Geist in ihr Haus eindringen.

RÜCKBESINNUNG UND NEUBEGINN | Die Ältesten in Mugu sind stolz auf ihre Kultur. Sie wollen keine Abhängigkeit, bewahren ihre Identität und Würde. Aber der Lauf der Zeit und neue Entwicklungen bedrohen die Schafskultur. Bis vor kurzem versorgten die Schafe aus der Region die gesamte westliche Region Nepals mit Wollkleidung und Fleisch. Jetzt sind dieselben Schafbauern Straßenhändler, die Kleidung aus China verkaufen. Dieselben Leute reisen über die Grenze, bringen Tausende von Schafen aus Tibet, um sie während des Dashain- Festes zu verkaufen. Es ist höchste Zeit, die Landwirtschaft zu verändern und die einheimische Kultur zu stärken.

Back to Life unterstützt deshalb die Bauern beim Anbau von Obstbäumen. Der Dünger für die Plantagen kommt von den Schafen. Das Gras unter den Bäumen, kann wiederum an die Schafe verfüttert werden. Dies ist ein Beitrag zur Wiederherstellung des Ökosystems in Mugu.

Und noch etwas Gutes: Durch den Wegfall der langen Winterwanderungen der Hirten können die Kinder nun dauerhaft in die Schule gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kontakt
© Back to Life e.V.
Alle Rechte vorbehalten
Spendenkonten
  • Kontoinhaber: Back to Life e.V
  • IBAN: DE94 5008 0000 0729 9990 02
  • BIC: DRESDEFFXXX
  • Bank: Commerzbank AG
  • Kontoinhaber: Back to Life e.V
  • IBAN: DE96 4306 0967 1012 0030 00
  • BIC: GENODEM1GLS
  • Bank: GLS Bank
Magazin
Melden Sie sich für unser kostenfreies Magazin an: