WARME KLEIDUNG FÜR 1200 SCHULKINDER

Als das Erdbeben das Haus mit einem Schlag zerstörte, verlor Rajesh nicht nur sein Zuhause. Er wurde zu einem Waisenkind und das, obwohl seine Eltern noch leben. Es klingt unglaublich und ist doch bittere Realität: Nach den Beben verließ seine Mutter ihre Familie für einen neuen Mann aus einem anderen Distrikt. Rajesh blieb traumatisiert mit seinem Vater in den Ruinen seines Zuhauses zurück. Doch sein Vater konnte die Trennung von seiner Frau nicht verkraften und begann zu trinken. Viel zu trinken. Es dauerte nicht lang und auch er war verschwunden. Rajesh hatte alles verloren und blickte in eine düstere Zukunft. Als einzige Hoffnung in seinem Leben blieb ihm seine Tante Mrs. Junkiri, die sich seit dem Frühjahr liebevoll um ihn kümmerte, als wäre er ihr eigener Sohn. Auch sie verlor ihr Haus während der Katastrophe, doch es gelang ihr, eine einfache Hütte zu bauen und Rajesh bei sich aufzunehmen.

Im Rahmen unserer Winterhilfe 2015 im nepalesischen Nuwakot besuchte Back to Life erneut für mehrere Tage die 10 fast völlig zerstörten Orte, in denen wir zuvor unsere Health Camps abgehalten hatten. Ziel war, die notleidenden Menschen mit dem Nötigsten für den Winter zu versorgen. Wir gaben an jedes Schulkind der Dörfer Jacken, Pullover, Mützen, Socken und Schuhe sowie zusätzlich ausreichend Decken für jede Familie aus. Unsere Hilfe kam gerade noch rechtzeitig: Jetzt konnten sich die Notleidenden besser gegen die klirrende Kälte der Winternächte behaupten und die Schüler mussten während des Unterrichts und auf dem Weg dorthin nicht mehr frieren. Dabei erzielten wir eine fast vollständige Abdeckung unter der Bevölkerung der Orte, da praktisch jede der Familien mindestens ein Kind in eine der Schulen schickt.

Auch Rajesh bekam die dringend benötigten neuen Sachen, fortan waren die Nächte etwas erträglicher. Seine Tante war überglücklich: „Wir hatten nichts, um uns nachts zuzudecken, ich bin so unendlich dankbar für Eure Hilfe. Back to Life ist wie ein heller Lichtstrahl durch den verdunkelten Himmel zu uns durchgedrungen...“ Rajesh und Mrs. Junkiri lächelten uns beide mit leuchtenden Augen an. Die Hoffnung war in ihren Blick zurückgekehrt.

Unsere Winterhilfe stand in direkter Verbindung mit unseren Health Camps, denn unsere Ärzte verzeichneten – den miserablen Lebensbedingungen geschuldet – sehr viele Grippe- und Fiebererkrankungen bis hin zu Lungenentzündungen. Unsere Behandlungen und Medikamente konnten vorrübergehende Linderung verschaffen, auch war es schön, viele der Kinder schon wieder genesen anzutreffen. Aber ohne wärmende Kleidung für die Kinder und den Decken für die Familien würde all dies nur ein Tropfen auf einem heißen Stein gewesen sein. Denn unsere Intention war es, Neuerkrankungen, so weit es geht, vorzubeugen.

Fast alle Häuser in der nördlich von Kathmandu gelegenen Region wurden während der Erdbeben zerstört oder schwer beschädigt. Die Menschen versuchten nun in notdürftig zusammengehämmerten Hütten und Unterständen in und um die Ruinen zu überleben, die bestenfalls etwas Schutz vor Regen boten, aber keinen gegen den harschen Wind und die beißende Kälte der langen Nächte. Schützende Mauern waren oft gar nicht mehr oder nur unvollständig vorhanden, die vorrübergehende Wärme eines Feuers verlor sich sofort, nach dem es erlosch – bei Minusgraden eine Tortur für Körper und Seele. An Schlaf war kaum zu denken, während sich die zitternden Familien dicht gedrängt aneinander legten, um sich zumindest etwas zu wärmen.

Auch die Familie von Mangal Mijar musste mit einer kläglichen staatlichen Unterstützung auskommen und versuchte irgendwie zu überwintern. Wie die meisten Familien, deren Häuser vom Erdbeben zerstört oder beschädigt wurden, erhielt sie einmalig knapp 200 €. Gerade genug für den Kauf von ein paar dünnen Wellblechplatten, die fortan als Dach fungierten.

Mangal lebte mit seiner Frau Sanimaya und seinen zwei Töchtern Mina und Sirjana in einer viel zu kleinen Hütte. Der Platz reichte hinten und vorne nicht. Um ihre Lebensgrundlage letztlich nicht auch noch zu verlieren, wurden Ziegen und Lebensmittel in der Hütte untergebracht und gelagert. Die komplette Familie jedoch schlief praktisch im Freien – unter dem Vordach der Hütte. In Ermangelung von Decken behalfen sie sich dabei zuvor mit Lumpen.

Als das ursprüngliche Dach des Hauses während der Erdbeben über ihm zusammengebrochen war, wurde Mangal zudem durch einen herabfallenden Stein an der Wirbelsäule verletzt. An den Folgen leidet er noch heute. Trotzdem gelang es der Familie irgendwie zumindest diese einfache Unterkunft wiederherzurichten. Mit verbitterter Stimme erzählte Mangal: „Wir haben während des Erdbebens fast alles verloren. Die Kinder froren seitdem in der Nacht und weinten. Es war furchtbar, bis zum wärmenden Sonnenaufgang warten zu müssen. Ich bin so froh, dass wir nun die Decken haben und die Kinder warme Anziehsachen. Wir hätten das niemals bezahlen können.“

„Wie für die meisten Kinder im Dorf ist dies das erste Mal in ihrem Leben, dass sie überhaupt Schuhe trägt,“ erzählte uns Sanimaya über ihre Tochter Sirjana, die glücklich auf ihre neuen Turnschuhe hinunter schaute. „Für mich ist es ein Wunder. Es brach mir das Herz, als unsere Kinder wegen der Kälte nicht schlafen konnten. Ich danke Euch sehr!“

Ein wichtiges Ziel wird nun für Back to Life sein, möglichst viele der zerstörten Schulen Nuwakots wieder aufzubauen, damit der Unterricht bald wieder regulär stattfinden kann. Durch die zermürbende Kälte und die vielen kranken bzw. der Schule ganz fernbleibenden Kinder war ein normaler Unterricht kaum mehr möglich gewesen – sofern man bei den notdürftigen Übergangsbehausungen der zerstörten Schulen überhaupt noch von normalem Unterricht sprechen konnte. Vielen Kindern Nuwakots droht nun, nur mit mangelhafter Bildung aufzuwachsen. Selbst wenn sie diese schwere Zeit unversehrt überstanden haben, werden sie ohne eine vernünftige Ausbildung den Anschluss an ihre Zukunft verlieren. Das wollen wir, so weit es uns möglich ist, verhindern.

Das könnte Sie auch interessieren: