Bhim

Während eines Projektbesuches in Mugu im November 2012, als wir gerade die Boxen mit Equipment für das Geburtshaus sichteten, wurde ich nach draußen gerufen. Auf dem Vorplatz lag eine Krankenbahre (stretcher), darauf ein Mann, bewegungslos, zwei Männer trugen ihn hierher. Bhim ist 47 Jahre alt wie ich erfuhr und erlitt vor sechs Jahren einen fatalen Busunfall in Indien, seitdem ist er ab dem Bauchnabel gelähmt. Bhim hat keine lebenden Verwandten, keine Ehefrau, Kinder oder Geschwister, auch seine Eltern sind bereits verstorben. Nachbarn kümmern sich abwechselnd um ihn. Jemand zog die Decke zurück und mein Blick fiel auf seine streichholzdünnen Beine. Aus seinem Bauch ragte ein Schlauch, der den Urin einem Beutel zuführte. Auf meine Fragen hin bestätigte er mir, dass dieser Schlauch vor sechs Jahren gelegt wurde, er aber seitdem nie wieder einen Arzt gesehen hätte. Ich versprach Bhim, ihn in den nächsten Tagen zuhause aufzusuchen, damit ich mir ein Bild machen könne, wie er sein tägliches Dasein meistere und was er am dringendsten benötige. Als ich dann am nächsten Tag im Nachbardorf vor seiner Tür stand, freute er sich sehr. Er bewohnt eine kleine Kammer, die normalerweise als Getreidesilo oder Lagerraum dient, dort steht ein Holzbett, an der Seite dient die Mauer als Regal und Ablagefläche und das war es schon, größer ist der Raum nicht. Auf dem Bett liegend kann er bestimmte Dinge selbst greifen und nehmen, doch für alles andere ist er auf Hilfe angewiesen. Natürlich leidet er auch unter Dekubitus, d.h. er hat sich (meist in seiner eigenen Notdurft) wundgelegen.

Er wünschte sich sehnlichst einen Rollstuhl. Das Zimmerchen ist auf dem flachen Hausdach, das immerhin circa 5 mal 5 Meter bietet, so könnte er sich zumindest dort selbst fortbewegen. Ich fand, für ihn bedeuten bereits 1-2 Meter eine solche Freiheit, dass wir uns das kaum vorstellen können. Ferner bat er, durch Nahrung unterstützt zu werden, da er völlig von seinen Nachbarn abhängig sei (er hatte kein Geld und längst keinen Besitz mehr, weil er ja nichts verdienen kann) und sie auch nicht jeden Tag die Mahlzeiten mit ihm teilen konnten, besonders nicht zu Zeiten, in denen Hunger herrscht. Außerdem brauchte der Mann ganz dringend wärmere Kleidung, eine Decke und Matratze und ärztliche Hilfe. Als er mir seine Tabletten zeigte, packte mich das Grausen. Er nahm einfach das zuletzt vor sechs Jahren verschriebene Medikament gegen Amöbenruhr (normalerweise 5-10 Tage) meist täglich ein, wenn es ihm jemand besorgte. Entsetzt versuchte ich ihm zu erklären, dass er dies nicht auf so lange Zeit nehmen sollte und versprach ihm, bald einen Arzt vorbeizuschicken. Nach Gesprächen mit unseren Managern beschlossen wir, Bhim langfristige Hilfe durch das Team unseres Geburtshauses zukommen zu lassen, das ihn ab jetzt regelmäßig besucht und Hilfe gibt. Bevor wir aus Mugu wegfuhren, sammelte ich aus unserem Team ein paar wertvolle Dinge zusammen wie Daunenjacke, Schlafsack, Isomatte, Thermoskanne.... und wir schenkten sie ihm. Bhim strahlte vor Freude und die Hoffnung sowie die Erleichterung, nun nicht mehr vergessen zu sein, leuchtete aus seinem Gesicht.

Direkte Hilfe für Bhim

Umgehend leiteten wir direkte und regelmäßige Hilfe für diesen Mann ein, um die bitterste Not abzuwenden. Zunächst einmal bekommt er nun monatlich Reis, Hülsenfrüchte, Speiseöl und Salz. Genug, um keinen Hunger mehr leiden zu müssen. Seine Nachbarn bereiten für ihn das Essen mit zu und ein- bis zweimal wöchentlich besuchen ihn Mitarbeiter unseres Geburtshauses, verbringen etwas Zeit mit ihm und erkundigen sich nach seinem Befinden. So hat Bhim immer einen Ansprechpartner, sollte er unsere Unterstützung benötigen und die Besuche bringen ihm etwas Unterhaltung in seinen Alltag.

In regelmäßigen Abständen wird Bhim nun auch von dem Arzt des Distrikthospitals aufgesucht, um nach seiner gesundheitlichen Verfassung zu schauen und seinen Dekubitus zu behandeln. Aufgrund seiner Lähmung ist Bhim leider dauerhaft auf einen Bauchkatheter angewiesen, der ihm vor sechs Jahren im Krankenhaus gelegt und danach nie wieder gewechselt wurde, weil er in Mugu nie wieder einen Arzt zu Gesicht bekam. Schier unglaublich, dass das solange gut ging. Jetzt wechselt der Arzt regelmäßig den Bauchkatheter, um Harnwegsinfektionen vorzubeugen. Gesundheitlich hat Bhim im Moment ansonsten keine weiteren Probleme. Sein größter Wunsch, einen Rollstuhl, erfüllten wir ihm schnellstmöglich und haben mit dem nächsten Flieger einen behelfsmäßigen Rollstuhl hochgesandt. Bhim freute sich sehr, seinen Bewegungsradius ein wenig vergrößern zu können.

Hilfe zur Selbsthilfe – weitere Pläne

Bhim ist kein ungebildeter Mann. Er kann lesen und schreiben und arbeitete früher viele Jahre als Fahrer in Indien. Er hat viel von Nepal und Indien gesehen. Um ihm ein wenig Abwechslung zu ermöglichen, bringen ihm die Mitarbeiter des Geburtshauses regelmäßig Bücher aus der dort von uns eingerichteten kleinen Bibliothek zum Lesen vorbei. Außerdem schenkten wir ihm ein Radio, damit er Nachrichten und Musik hören und so das Alleinsein bekämpfen kann. Vor allem die Musik und die Bücher bereiten ihm, nach eigener Aussage, sehr viel Freude: „Früher war mein Leben oft so langweilig und monoton. Deshalb bin ich froh, nun regelmäßig lesen und Musik hören zu können. Das ist ein schöner Zeitvertreib für mich, danke.“ Aber unser Plan mit Bhim ging noch weiter. Von seiner Lähmung unbeeinträchtigt, kann er seine Arme und Hände agil und zielgerecht nutzen. Daher ließen wir ihm das Stricken beibringen. Die Idee dahinter ist, ihn Wollmützen, Pullover und Socken für die Neugeborenen unseres Geburtshauses stricken zu lassen. Wir stellen ihm dafür das nötige Handwerkszeug sowie die Wolle zur Verfügung und Bhim beliefert unser Geburtshaus mit seinen Erzeugnissen. Für seine Arbeit wird er selbstverständlich von uns bezahlt, so dass er etwas Geld verdient, um sich selbstständig zu kaufen, was er für nötig hält. So erhält Bhim ein wenig finanzielle Unabhängigkeit zurück und kann gleichzeitig einen Beitrag für das neue Geburtshaus leisten, um Teil dieser positiven Veränderung zu sein.

Als unser Projektmanager Dikendra ihn bei seiner folgenden Projektreise besuchte, saß Bhim in seinem Rollstuhl vor seinem Silo und genoss die Sonnenstrahlen. Auf die Frage, wie es ihm ergehe, antwortete er: „Ich habe keine Familie, keine Angehörigen und auch, wenn die Nachbarn mir ein Dach über dem Kopf und zu essen gaben, sofern sie selbst genug hatten, war ich doch immer allein. Oft habe ich mich gefragt, wozu ich eigentlich weiterleben solle? ,Back to Life’ hat mir sehr geholfen und mir neue Hoffnung gegeben. Um mich herum sind nun Leute, die mir helfen, die sich um mich kümmern und ich kann ihnen durch meine Arbeit etwas zurückgeben. Ich bin viel glücklicher als noch vor einigen Monaten. Ich habe wieder Hoffnung und Gründe zu leben.“  

Stella Deetjen 2013

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