Saruli

Saruli ist ein elfjähriges Mädchen aus einem unserer neuen Projektdörfer hoch in den Bergen der völlig abgeschnittenen Region Mugus. Sie besucht die 5. Klasse in ihrer Dorfschule, worauf sie sehr stolz ist, auch wenn sie nicht wirklich jeden Tag zum Unterricht gehen kann, denn oft hat sie zu viel Arbeit zu verrichten. Die Aufgaben sind hart für ein so junges Mädchen: Holz schlagen um es über weite Bergpfade nach Hause zu tragen, Wasser holen, die Nutztiere versorgen oder zur Futtersuche in die Berghänge begleiten, Feldarbeit und Hausarbeit. Am 6. Dezember 2011 änderte sich das Leben für Saruli und ihre Familie auf tragische Weise: Das Mädchen erlitt einen furchtbaren Unfall, der ihren halben Körper verbrannte. Saruli hatte spielerisch einen Sari ihrer Mutter, das sind 4,5 Meter Stoff, um den Leib gewickelt. Da die Bergbewohner bisher nur Feuer als Licht-, Koch- und Heizquelle haben, brennt noch in jedem Haus ein offenes Feuer in der Mitte des rußgeschwärzten Zimmers, das stets voller Qualm steht. Sarulis Kleidung fing Feuer wie eine Fackel und sie konnte den Sari nicht schnell genug ausziehen, ihre untere Körperhälfte stand in Flammen. Nachdem es der Familie gelungen war, das Feuer zu löschen, war die unmittelbare Not riesig, alle hatten Angst um Sarulis Leben, doch des Nachts in völliger Dunkelheit konnten sie nirgendwo hin. Einen Arzt gibt es weit und breit nicht. Das arme Mädchen, die Schmerzen müssen gnadenlos gewesen sein.

Am nächsten Tag packten mehrere Dorfbewohner das verbrannte Mädchen und trugen es stundenlang nach Gamgadhi, da sich dort das einzige Krankenhaus für die 45.000 Menschen Mugus befindet. Doch leider waren die Strapazen des Marsches, die Schmerzen und Mühen umsonst, da dort wie stets kein Doktor anwesend und auch keine Medizin vorhanden war. Das „medizinische Personal“ wies die Familie an, umgehend ins Tiefland zu fliegen, damit das Mädchen dort operiert werden könne, sonst müsse es gewiss sterben. Aber für die verarmte Familie ist es utopisch, aus Mugu auszufliegen. Die Eltern können außerdem nicht lesen oder schreiben und kämen nur schwer zurecht im „Rest von Nepal“. Also machten sie sich niedergeschlagen und hoffnungslos auf den Weg zurück ins Dorf. 

Sarulis Rettungsaktion

Einen Tag später hörte Nilkantha, unser Projektassistent in Mugu, von Sarulis Schicksal und beschloss, unserem Büro in Kathmandu von dem medizinischen Notfall zu berichten. Wir entschieden umgehend, dass die Kleine samt einem Familienmitglied auf Kosten von Back to Life so schnell wie möglich ausgeflogen werden solle und wir uns um die medizinische Not- sowie die Weiterbehandlung in Kathmandu kümmern würden. Wir hatten ja bereits Erfahrungen mit Khushi und Anil gesammelt und wussten, wen wir ansprechen müssen für die notwendigen Behandlungen und Operationen.Nilkantha informierte daraufhin umgehend Sarulis Vater, dass Back to Life das Mädchen voll unterstützten würde und dass die Möglichkeit bestünde, sie auszufliegen. Leider wurde der näher gelegene Thalsa-Airstrip, eine in die Berge gehauene Landebahn, fünf Tagen zuvor wegen Schnee und Eis geschlossen, das Landen auf den Schotterpiste war zu gefährlich ohne ausreichend gute Sicht. Also blieb nur der lange Weg nach Jumla, in die Nachbarregion Mugus, über hohe und zum Teil schneebedeckte Pässe, um von dort ins Tiefland zu fliegen. Jumla hat eine geteerte Landebahn und ist daher „anfliegbar“. Sarulis Vater organisierte sieben weitere Männer, die den langen Weg auf sich nahmen, um Saruli abwechselnd zu tragen. Am 10.12.2012 ging es zu frühester Stunde los. Mahendra, einer unserer Mitarbeiter in Mugu, begleitete die Gruppe. Er brachte auch eine Krankenbahre mit, damit Saruli liegend transportiert werden konnte, was sich in Anbetracht der steinigen und steilen Bergwege äußerst schwierig gestaltete, da es bergauf, bergab auf den kleinen ausgetretenen Trampelpfaden der Viehtreiber über Stock und Stein ging. Der Transport war für das Mädchen sehr schmerzhaft. Der höchste Pass auf dem Weg nach Jumla ist ca. 4.100 Meter hoch, was schon fit und unverletzt mehr als beschwerlich ist. Sie liefen bis in die Dunkelheit hinein, um ein möglichst großes Stück des Weges hinter sich zu bringen, arme Saruli. Des Nachts kamen sie in einer der wenigen kleinen Bergsiedlungen des Weges unter.

Nach einem weiteren langen Tag des Laufens, Kletterns und Durchhaltens kam die Gruppe abends am 11.12.2012 in Jumla an. Mahendra, unser Mitarbeiter, holte gleich Informationen über Flüge ein, doch die Nachrichten waren niederschmetternd. Seit ein paar Tagen war keine Maschine gelandet und wegen des schlechten Wetters noch nicht einmal ein Helikopter. Mahendra organisierte Unterkünfte für die Nacht. Eine weitere Nacht, während Saruli starke Schmerzen und große Ungewissheit ertragen musste. Bereits früh ging die Gruppe am nächsten Morgen zur Flugpiste, Saruli lag auf der Krankenbahre am Boden und hoffte nur noch, dass bald ein rettendes Flugzeug käme. Doch keine einzige Maschine landete an diesem Tag in Jumla. Einen Tag später wartete Saruli erneut liegend an der Landebahn, als endlich eine kleine Maschine ankam. Doch - unglaublich aber leider wahr - die Fluggesellschaft weigerte sich, das schwerverletzte Mädchen mitzunehmen, da es nicht richtig sitzen konnte, weil beide Beine großflächig verbrannt waren. Außerdem warteten viele andere Passagiere darauf, mitzufliegen. Das war wirklich eine unmenschliche Entscheidung und allen, Saruli, ihrem Vater, unseren Mitarbeitern standen in Anbetracht dieser Herzlosigkeit die Tränen in den Augen.

Am Mittwoch, dem 14.12.2012 gelang es Mahendra durch seine Hartnäckigkeit und sein beständiges Nachfragen, Flugtickets für den nächsten Tag zu ergattern. Wir kauften nun eine ganze Sitzreihe für Saruli, so dass sie liegend fliegen konnte. Dies war die einzige Chance sie aus den Bergen zu bringen. Am 9. Tag nach ihrem Unfall! Am 15.12.2012 war auch unser Büro in Kathmandu in heller Aufregung und fieberte mit: Wird heute ein Flugzeug nach Jumla fliegen oder nicht? Unsere Projektmanager Dikendra und Achyut, hatten in den vergangenen Tagen bereits alle notwendigen Gespräche mit den beiden Krankenhäusern geführt und die Kleine angemeldet sowie sämtliche Vorkehrungen getroffen. Wir alle hofften sehr, dass sie nun schnell nach Kathmandu kommen würde. Um 14.30 kam dann der erlösende Anruf, Saruli lande um 16 Uhr in Kathmandu. Als Dikendra und Achyut das Mädchen am Flughafen in Empfang nahmen, weinte sie Tränen der Erleichterung, der Hoffnung und der Dankbarkeit. Unsere beiden Projektmanager waren sehr berührt und dabei sehr herzlich und liebenswürdig zu Saruli und strahlten Zuversicht aus. Auch dem Vater liefen Tränen über die Wangen. Um 17 Uhr lag Saruli bereits im Patan Hospital in einem Krankenbett mit Drahtgestell, so dass die Decken die Haut nicht unnötig berührten. Die Wundversorgung konnte nur unter Vollnarkose vorgenommen werden. Das Krankenhaus hat eine spezielle Abteilung für Verbrennungsopfer, die auf deren Erstbehandlung spezialisiert ist. Sie nahmen ihr sofort Blut ab und leiteten alle notwendigen Labortests ein. Weiterhin fand hier in den folgenden elf Tagen die sehr komplizierte erste Wundversorgung statt. Aufgrund der immensen Schmerzen konnte die Behandlung meist nur unter Vollnarkose vorgenommen werden. In mehreren kleinen Operationen wurden ihre Wunden gesäubert und die in die Haut eingebrannten Nylonreste des Saris, den sie während des Unfalls trug, entfernt. Saruli war die ganze Zeit sehr tapfer, obwohl sie unvorstellbare Schmerzen ertragen musste. Nach elf Tagen wurde sie dann in das‚ Sushma Koirala Memorial Hospital’ außerhalb von Kathmandu verlegt, welches auf die Nachbehandlung von Verbrennungen und Wiederherstellungschirurgie spezialisiert ist. Auch hier mussten zunächst mehrmals täglich Sarulis Wunden gesäubert und frisch verbunden werden, um den natürlichen Heilungsprozess zu unterstützen. In den folgenden Wochen wurde ihr in mehreren Operationen an den Beinen, am linken Arm und am Gesäß, jeweils ein sogenanntes ‚Maschentransplantat’ eingesetzt und zusätzlich noch eigene Haut verpflanzt, um die sehr großen Wunden zu schließen. Auch diese vielen Operationen überstand Saruli sehr tapfer, bevor sie anschließend eine therapeutische Behandlung begann, bei der durch das Tragen von speziell angefertigten „Kompressionshosen“ übermäßig wulstige Narbenbildung verhindert werden soll. Zeitgleich bekam Saruli über Wochen wichtige Bewegungstherapien, um ihre Haut elastisch zu halten und ihre Bewegungsfreiheit zu verbessern.

Rückkehr nach Mugu

Erst nach langen 108 Tagen (!) und etlichen Behandlungen konnten Saruli und ihr Vater, der die ganze Zeit über bei ihr geblieben war, das Krankenhaus und damit Kathmandu verlassen und im April in ihr Heimatdorf in Mugu zurückkehren. Die Wiedersehensfreude dort war kaum in Worte zu fassen: Schon auf dem Weg vom Flugplatz zu ihrem Dorf kamen Saruli viele Freunde, Verwandte und Dorfbewohner entgegen gelaufen und jubelten vor Freude. Einige Dorfbewohner sagten, sie hätten nicht geglaubt, Saruli noch einmal lebend wiederzusehen. Derart schwere Verletzungen bedeuten in der Abgeschiedenheit Mugus meist den sicheren Tod. Sarulis Mutter Karmkala bekam vor lauter Tränen zunächst kein Wort heraus. Immer wieder umarmte sie ihr Mädchen. Erst nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, sagte sie zu unserem Team, dass sie täglich von ihrer Tochter geträumt hätte und jeden Morgen nach dem Aufwachen unter Tränen an sie denken musste. Die ganze lange Zeit habe sie nicht richtig schlafen können, immer in Sorge, ob sie Saruli je wieder in die Arme schließen würde. „Heute ist der glücklichste Tag in meinem Leben. Nie hätte ich gedacht, dass meine Tochter in einer solch guten Verfassung zurückkehren würde.“ Im Juni danach besuchten unsere Projektmanager, Dikendra und Achyut, Saruli in Mugu, um zu sehen, wie die Genesung des Mädchens vorangeschritten war und um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie konnten direkt bemerken, dass es Saruli in ihrer gewohnten Umgebung sehr gut ergeht. Sarulis Eltern kümmerten sich rührend um ihre Tochter und ihr Vater passte sehr genau auf, dass Saruli regelmäßig die vom Arzt verordneten Salben aufgetragen wurden. Ihr selbst ging es mittlerweile besser. Sie konnte wieder ohne Probleme laufen. Nur beim Setzen und Aufstehen musste sie sich vorsichtig bewegen, um die Haut nicht zu abrupt zu belasten. Endlich konnte sie auch die Schule wieder besuchen. Aufgrund des Unfalls hatte sie die Abschlussprüfung verpasst und musste daher die Klassenstufe wiederholen, aber das war ihr egal: „Ich hatte zu Anfang keine Hoffnung, je wieder aufstehen und laufen zu können. Nun kann ich wieder mit meinen Freunden in die Schule gehen. Ich bin sehr glücklich darüber und freue mich jeden Tag.“

Im November 2012 sah ich Saruli wieder, als sie mit ihrer Mutter zum Flugfeld in Mugu kam, um mit uns nach Kathmandu für eine wichtige Nachuntersuchung zu reisen. Ihr Heilungsprozess ging gut voran, sie konnte mittlerweile relativ problemlos laufen, wenn sie auch sehr vorsichtig sein musste, da beide Beine völlig verbrannt waren und sie großflächige bzw. mehrere Hauttransplantationen erhielt. Selbstbewusst und mutig brachte sie die Untersuchungen hinter sich, zeigte dem Arzt, dass sie die Haut gepflegt, saubergehalten und geschont hatte und so weit möglich und auch ihre Übungen nicht vernachlässigte. Sie ist so glücklich, ihr Leben zurückbekommen zu haben, dass sie allem erpicht folgt. Nach wenigen Tagen konnten ihre Mutter und sie bereits den Heimweg nach Mugu antreten, denn weitere Operationen stehen erst später wieder an. „Durch die Hilfe von Back to Life wurde mein Kind neugeboren“, sagte Sarulis Mutter und möchte damit im Namen ihrer ganzen Familie allen Unterstützern von Herzen danken.

Stella Deetjen 2012

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