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06.11.2016

Festivals im Zeichen der Hoffnung: Dashain und Tihar

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Im eng bebauten Tal von Kathmandu versuchen unter größten Anstrengungen viele Millionen Nepalis, ihr Glück zu finden. Die Verheißung, besser bezahlte Jobs zu ergattern, ist verlockend – auch, wenn dieser Traum in der staubigen Metropole längst nicht für alle in Erfüllung geht. Doch jedes Jahr im Oktober, mit dem Beginn des „Dashain-Festivals“, zieht es geschätzt bis zu 3 Millionen Zugezogene heim zu ihren Familien und Verwandten, die teilweise weit entfernt im Gebirge oder im Terai leben. Oft bedeutet das eine komplette Tagesreise auf maroden, endlosen Bergstraßen – verbunden mit vielen Staus an Knotenpunkten des Verkehrsnetzes. Alle haben Geschenke dabei, selbst jene, die es sich eigentlich gar nicht leisten können.

Mit 15 Tagen ist Dashain das längste und bedeutendste Hindu-Festival Nepals. Besonders die Kinder können es kaum erwarten. Denn – neben leckerem Essen und Schulferien – bedeutet es auch, schöne neue Anziehsachen geschenkt zu bekommen und viel Zeit mit den Eltern verbringen zu können. Der Legende nach betete einst Lord Rama 9 Tage lang zur Göttin Devi für ausreichend Kraft, um den grausamen Dämonen Rawana zu besiegen. Am 10. Tag schließlich erhörte Devi ihn und Lord Rama obsiegte im Kampf. Für 5 weitere Tage wird fortan dieser Sieg über das Böse gefeiert. Ganz Nepal freut sich außerdem über das Ende des Monsuns und der Erntezeit: Die Reisvorräte sind wieder aufgefüllt und man blickt hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Zusammenkunft mit der Familie und der Segen von den Dorfältesten am 10. Tag, lässt viele den Kummer und die Probleme des Alltags für eine Weile vergessen. Dann ist auch die Zeit, mit den Kindern Drachen steigen zu lassen oder diese auf die eigens für das Festival gebauten übergroßen Bambus-Schaukeln zu setzen. Der Glaube besagt nämlich, dass mit dem Schaukeln an Dashain Krankheiten hinweg geschleudert werden und man sich dabei verjüngen kann.

Nur 2 Wochen später folgt schon das nächste wichtige Festival „Tihar“. Mit einer Länge von 5 Tagen ist es zwar kürzer, aber nicht minder beeindruckend. Am ersten Tag „Kag Tihar“ wird den glückbringenden Krähen gehuldigt und diese gefüttert. Der folgende Tag „Kukur Tihar“ steht ganz im Zeichen des Hundes: Dieser wird mit der roten Tika-Farbe auf dem Vorderkopf gekennzeichnet, bekommt Blumen-Girlanden um den Hals und Essensopfergaben dargeboten. „Laxmi Puja“, am dritten Tag, ist schließlich der Göttin Laxmi gewidmet. Es ist wohl das eindrucksvollste Spektakel in dieser Zeit: An vielen Häusern überall im Land hängen bunte Lichtschlangen und unzählige Kerzen erleuchten die Nacht. Vor den Eingängen der Gebäude finden sich viele verschiedene bunte „Rangoli“-Malereien aus 9 verschiedenen Farben, erhellt vom flackernden Kerzenlicht. Eine rote Wegweisung vom „Rangolli“ zum Gebetsraum des Hauses soll die großzügige Göttin Laxmi in das Gebäude führen und, wenn das ganze Haus sauber und erleuchtet ist, der Familie Wohlstand bringen. Tag 4 heißt „Gai Tihar“ und bedenkt die Kühe. Schon morgens werden diese aufgesucht und mit Blumen-Girlanden und roter Farbe geschmückt. Sie bekommen Weizenmehl, Reis und Dal zum Fressen. Denn die Kuh wird in der Hindu-Kultur auch als Mutter angesehen. In manchen Regionen schon tags zuvor, aber vor allem an diesem Abend sieht man dann Kinder und Mädchen vor Publikum beim „Bhailo“ singend und tanzend auf der Straße oder von Tür zu Tür ziehen. Am fünften und letzten Tag, dem „Bhai Tihar“, ehren sich schließlich Brüder und Schwestern. Sie zeichnen sich gegenseitig mit der Tika und beschenken sich.

Die Festival-Zeit dieses Herbstes, die durchaus mit "unserem" Weihnachten zu vergleichen ist, war eine weitaus glücklichere, als noch letztes Jahr, wo durch die Erdbeben so viel Leid über das Land gebracht worden war. Diesmal konnten auch Abertausende heimkehren, die weiter entfernt in Indien arbeiten. Durch die 6-monatige Handelsblockade Indiens gegen Nepal und dem damit verbunden Importstopp von Benzin und Gas litten viele hart unter den Konsequenzen. Reisen war nahezu unbezahlbar und typische Festival-Gerichte kaum noch zuzubereiten. Nach Feiern war nur wenigen zumute. Die losgelöste Stimmung dieses Jahr ist ein Zeichen für die steigende Hoffnung, die Tragödie erst einmal überwunden zu haben.

 

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