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24.02.2017

Happy Shivaratri – Benares verehrt Shiva.

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Shivaratri, die Nacht des Shiva ist eine der bedeutendsten Feiertage im Hinduismus und findet am heutigen Tag bzw. in der Nacht statt. Vor allem im indischen Benares wird dieses Fest ausgiebig gefeiert. Unzählige Menschen fasten und durchwachen die Nacht zu Ehren Shivas. Denn wer den Gott an diesem Tag verehrt, wird von seinen Sünden erlöst werden. Stella erzählt in ihrem Buch „Unberührbar“ über dieses wichtige Fest, wie sie es schon vor ca. 20 Jahren miterlebte. Aber lest selbst:

„Am 14. Tag des abnehmenden Mondes wurde Shivaratri, das größte Festival in der Stadt Shivas, gefeiert. Die Dharamsalas der Ghats waren angefüllt, und auch an Tempelmauern und den Treppenabsätzen der meisten Uferabschnitte lagerten zahllose Sadhus. Shiva ist der Gott der Asketen, der Mahayogi, der größte aller Yogis. Die Sadhus, die seine Anhänger sind, leben asketisch und besitzlos, tragen Dreadlocks und reiben sich ihre Haut mit Asche ein. Als Zeichen ihres Glaubens malen sie sich das Vibhuti quer über die Stirn, drei weiße Linien aus Sandelholzpaste oder Asche, die Shivas Macht, seine übernatürlichen Kräfte und seine ewige Existenz anzeigen. Die Welt ist für diese Sadhus nur maya, ein Trugbild wie eine Erscheinung. Wie ein Nebel, der erst, wenn er sich auflöst, das wahre Bild dahinter zeigt, das Göttliche.

Wenn man in diesen Tagen an den Ghats entlanglief, sah man Sadhus mit Dreizack und alte Gurus auf Tigerfellen sitzen, so wie ihr Gott Shiva. Das Fell des wilden Tieres symbolisierte die Meisterung der Wut. Die langen Dreadlocks fielen manchen bis zum Boden wie die Luftwurzeln eines Banyanbaumes.

In der dunklen Nacht vor Neumond, der auch Shivamond genannt wird, hatten die Hindus die ganze Nacht Tempelwache, sie rezitierten Shivas Namen tausendfach, sangen Bhajans und intonierten Mantren, wie »Om namah Shivaya«. Die Gläubigen schmückten die Shivalingams in den Tempeln mit Blumen, Früchten und Reis, sie badeten ihn in Honig und Milch, dem Göttertrank, Amrit genannt. Man glaubt, das sei die Nacht, in der Shiva auf die Erde kam und dass er in dieser Nacht über die Erde wandelte und die Sünden der Gläubigen hinwegnahm. In den Puranas, den alten Schriften, stehen viele Geschichten über die Belohnungen, die diejenigen bekommen, die nächtliche Wache halten, selbst die Diebe und die Jäger, die es gar nicht wegen Shiva machten, genießen diesen Benefit.

Natürlich musste man an Shivaratri einen der großen Tempel der Stadt besucht haben, am besten sogar mehrere. Kashi war an diesem Tag überfüllt, man trat sich auf die Füße und gelangte gar nicht so leicht in die Tempel hinein, sondern musste erst einmal Schlange stehen. Die Stadt sah aus wie ein Pendlerzug, bei dem Trauben von Menschen aus den Türen und Fenstern hingen und ebenso viele oben auf dem Dach mitfuhren. Die meisten Leute verbrachten den Festtag, indem sie einen großen Tempelkreis beschritten. Natürlich zog es jeden zum Vishwanath Mandir, dem Goldenen Tempel, da war die Menschenschlange kilometerlang, aber auch der Kedartempel und die gesamte Altstadt barsten vor Verehrungswütigen. Jeder sichtbare Shivalingam der Stadt wurde hingebungsfreudig mit Blumen geschmückt und mit Gangawasser begossen, selbst die, die in den kleinsten Ecken das ganze Jahr über unbeachtet standen und halbverwittert waren. Es gab auch Tempel und Schreine, die nur für Shivaratri geöffnet wurden und den Rest der Tage nicht zugänglich waren. Kaum zu glauben, doch die Hindus durften an dem Festtag sogar in einer Moschee ihren Shiva anbeten. Vor langer Zeit, als die Muslimherrscher Benares unterworfen hatten, wurde auf einem Shivatempel, namens Krittivasa, ein muslimisches Gebetshaus errichtet. An Shivaratri durften die Pilger kommen und mitten in der Moschee Blumenmalas hinterlassen, weil darunter ein Shivalingam begraben lag. Shivaratri gehörte zu meinen Lieblingsfesten, die ganze Stadt verbeugte sich vor ihrem Gott.

Auch wir Westler feierten Shivaratri ausgiebig, angesteckt von der Festtagsstimmung. Dem Fieber konnte sich keiner entziehen. Nachdem wir durch die lichtergeschmückten Gassen mitgezogen waren, entzündeten wir auf Ennis Hausdach ein Feuer und spielten Musik, eine Fusion aus indischer klassischer Musik und Rhythmen aus aller Welt, da wir ein recht internationales Grüppchen Reisender waren. Sitar, Bansuri-Flöte und Tabla mischten sich mit den wilden Schlägen der Jambe, ein Didgeridoo rundete das Ganze ab. Tief unter uns lag die Ganga, doch auch sie schlief nicht, zu aufregend war diese großartige Nacht Shivas.

Am nächsten Tag gab es einen beeindruckenden Festzug, bei dem Kinder als Shiva und Parvati verkleidet wurden. Sie spielten die Hochzeit des Götterpaares nach und waren ausstaffiert, gekleidet und geschminkt, wie man sich die Unsterblichen vorstellte. Sie ritten auf einem riesigen Elefanten, der wunderschön dekoriert und bemalt war, erhaben durch die Stadt. Festzüge in Indien haben ihre ganz eigene Geräuschkulisse, oft werden laut knatternde Generatoren auf Rikschas mitgeführt, um die Verstärker und Lautsprecher der Musiker mit Strom zu versorgen. Außerdem leuchtet eine lange Reihe von Neonlichtröhren, in edlerer Variante sind es Leuchter aus Kristall, die Tagelöhner auf dem Kopf vor dem Zug hertragen. Viele Frauen Undergrounds übten diesen Job aus und bekamen dafür ein paar Münzen.

Natürlich schaute ich mir diesen glitzernden Festzug an, sämtliche Kinder Undergrounds an den Händen, standen mein Team und ich in Godaulia, um Shiva und Parvati, den Musikern und den Elefanten zuzujubeln.“  Stella Deetjen

 

 

 

 

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