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27.08.2017

Reise ins Ungewisse: Unser Health Camp für 682 Bedürftige in Gamtha

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Die großen Hinterräder des Traktors finden endgültig keinen Halt mehr in der vom Dauerregen durchnässten Erde. Dieses ist die letzte Steigung des rutschigen Weges am Berghang, in der das schwere Gerät noch von Nutzen ist. Jetzt drehen die Räder durch und der Schlamm spritzt umher. Abbruch, nichts geht mehr. Endstation für den hochtourigen Traktor und die zwei Jeeps, die dieser bis eben noch mühsam hinter sich den Berg hinauf gezogen hatte. Dem Team unseres Health Camps bleibt keine Wahl – von nun an müssen sie mehrere Stunden zu Fuß durch das Gebirge, mit allen wichtigen Materialien und Gepäck auf dem Rücken. Die Reise nach Gamtha, jenem nepalesischen Bergdorf in Mugu, wo auch eins unserer Geburtshäuser steht und das diesmal Ausrichtungsort für unser Health Camp ist, hat das nächste Level unerwarteter Herausforderungen erlangt...

2 Tage zuvor. Die Gemeinschaft der Helfenden – bestehend aus drei Ärzten, unseren beiden Projektleitern, einem Fotografen und drei weiteren Mitarbeitern – startet vom Flughafen in Kathmandu nach Nepalgunj. Es ist die von Gamtha aus nächstgelegene kleine Landepiste, der Weg von dort bedeutet „nur“ 1,5 Tage Fußmarsch im Gebirge. Das Team checkt ein. Doch Kolti funkt, dass sich gerade zu viele Wolken auftürmen und die Windgeschwindigkeit zunimmt. Der Flug muss abgesagt werden. Unsere Projetleiter suchen nach einer alternativen Route: Wie wäre es mit Jumla, einem Landepunkt im Süden Mugus? Jumla bestätigt. Müde vom stundenlangen Warten im Warteraum des kleinen Flughafens bei 42 Grad, besteigen alle die kleine Twin Otter-Propellermachine. Für die drei Ärzte ist es das erste Mal, mit so einem kleinen Flugzeug zu fliegen, noch dazu mitten ins Gebirge. 35 Minuten dauert der Flug, doch dann beginnt das Wetter plötzlich umzuschlagen. Unsicherheit macht sich im Cockpit breit. Sie müssen den Mabu Bergpass passieren, doch die Wolken haben sich schon in gleicher Höhe aufgetürmt. Noch ist der Pilot zuversichtlich und gibt das Signal zur Landung. Aber wenige Augenblicke später beginnt es stark zu regnen und die Sicht wird schlechter und schlechter. Eine Landung unter diesen Konditionen wäre mehr als lebensgefährlich. Endlose Minuten kreist die Maschine über Jumla. Dann endlich ein Signal von der Piste: Landen unmöglich, der Regen ist zu stark. Es bleibt keine Wahl: Abbruch und Rückflug nach Nepalgunj.

Als unser Team wieder aus dem Flugzeug steigt und wortlos durch die Wartehalle geht, ist allen die Enttäuschung tief ins Gesicht geschrieben. Sie übernachten in einem kleinen Hotel unweit des Flughafens, doch wann der nächste Flug möglich sein wird, wissen sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Ein ganzer Tag ist bereits verloren und manchmal kann so ein Wetterumschwung Tage anhalten. Voller Hoffnung sind alle am frühen Morgen wieder am Schalter. Doch schnell wird klar, der ursprünglich geplante Flug nach Kolti kann auch heute nicht stattfinden. Die Wolkenbildung spielt nicht mit, es ist zu unsicher. Es bleibt nur der erneute Versuch, in Jumla zu landen, denn dort soll sich die Wetterlage mittlerweile stabilisiert haben. Reisen in Mugu sind immer ein Glücksspiel, kurzfristige Änderungen der Routen auf Grund von Regen oder Schneefall oft unumgänglich. Aber heute klappt es, Jumla empfängt unser Team mit launigen, aber akzeptablen Wetterbedingungen für die Landung. Als die Räder des kleinen Flugzeugs endlich auf der steinigen Schotterpiste zum Stillstand kommen, atmen Crew und Fluggäste gleichermaßen auf.

Jetzt heißt es irgendwie weiterkommen, dieser längere Weg war nicht geplant. Es gibt die Möglichkeit, zwei Jeeps zu mieten und, mit den Kisten voller Medikamente beladen, bis Gothijiula zu fahren. Die Straße dorthin, wenn man sie überhaupt so nennen kann, ist restlos aufgeweicht. Schnell kommen auch die Jeeps an ihre Grenzen. Das Geschaukel schüttelt unser Team stundenlang durch, oft müssen sie austeigen, damit die Fahrer schwierige Passagen konzentriert überqueren können. Die Jeeps zerren sich immer wieder gegenseitig mit einem Abschleppseil aus dem zähen Matsch. Es geht immer langsamer voran.

Schließlich erreichen sie das Dorf Gothijiula gegen 5 Uhr nachmittags, nur noch wenige Stunden Sonnenlicht werden ihnen bleiben. Alle sind erschöpft, aber es ist schon zu viel Zeit verloren. Es finden sich nun ein Traktor sowie ein paar lokale Träger aus der Gegend, die den Konvoy begleiten. 2 Stunden lang kämpft sich die schwere Maschine im ständigen Regen an den Berghängen ab, um die Jeeps zu ziehen – dann ist endgültig kein Weiterkommen mehr. Das Team muss den Weg zu Fuß fortsetzen. Was nun folgt, ist eine dreistündige Trekkingtour in schwierigem, extrem rutschigen Gelände bei nahezu völliger Dunkelheit. Der schlammige Boden bietet nur selten Halt, jeder Fehltritt kann einen tödlichen Sturz in die Tiefe bedeuten. Einmal löst sich ein großer Stein unter den Füßen eines Teammitglieds und rauscht hinab. Er hat genug Kraft, weiter unten am Hang einen ganzen Baum zu fällen. Team und Träger müssen hochkonzentriert laufen, damit ihnen nicht das gleiche Schicksal widerfährt. Doch der Regen wird immer schlimmer, da die Wolken die Berggipfel bereits verschlungen haben. Alle tragen schweres Gepäck auf dem Rücken und schwitzen extrem unter den Regenjacken, während das Herz bis zum Hals schlägt. Besonders als es eine gute ¾ Stunde fast senkrecht nach oben geht.

 

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Auf der Gipfelhöhe beginnen die Träger, die unsere ganzen schweren Medizinvorräte schleppen, zu erzählen: Im Winter sei dieser Pass lebensgefährlich, immer wieder stürzen Menschen ab – manche Leichen würden nie gefunden. Es sind nicht die optimalen Geschichten, um unser Team zu motivieren, diese Strapazen durchzustehen. Und als der Trek schließlich einen Wald erreicht, warnen die Träger auch noch vor plötzlichen Angriffen durch Bären, die in der Nacht Wanderer angreifen. Die Aufzählung der bislang Verstorbenen trägt nicht dazu bei, sich sicherer zu fühlen. Es gilt nun, viel Lärm zu verursachen, um potenzielle, in der Dunkelheit lauernde Überraschungen zu ängstigen. Doch dieser Gemütszustand ist in jenen Momenten wohl eher die treffende Beschreibung für unser Team, die sich aber tapfer nichts anmerken lassen. Um 22 Uhr endlich erreichen sie unser Projektdorf Khamale. Völlig erschlagen versinken alle in einen tiefen Schlaf.

Doch die Nacht ist kurz. Um 5 Uhr morgens bricht das Team erneut auf. Das Wetter hat sich gebessert, aber die Aussicht auf erneute 5 Stunden Trekking nach Gamtha schmälert etwas den Genuss der eindrucksvollen Landschaft. Um 10 Uhr morgens erreicht das Team endlich nach drei Tagen Odyssee unser Geburtshaus. Doch es gibt keine wirkliche Pause mehr – schon 30 Minuten später startet das Health Camp nach einer kurzen Teambesprechung. Insgesamt 682 Menschen werden in den 3 Tagen behandelt werden. 394 davon sind Frauen, 83 Männer und 205 Kinder. Der Fokus dieses Health Camps liegt bewusst auf Frauen und Kindern, doch ernsthaft erkrankte Männer werden auch behandelt werden. Bereits zwei Wochen zuvor waren unsere Hebammen und Krankenschwestern unterwegs, um in Dorf und Umgebung die schlimmsten Fälle ausfindig zu machen. Die nächsten Tage wird nun ein genauer Terminplan abgearbeitet werden, denn ohne strenge Struktur werden sich wieder harmlosere Fälle in die Warteschlangen einreihen und Menschen mit ernsten Erkrankungen „die Zeit stehlen“. Diese Erfahrungen aus den letzten Health Camps gilt es zu berücksichtigen, um effektive Hilfe anbieten zu können.

9 Frauen haben schwerwiegende Probleme mit ihrem Uterus, welcher zum Teil schon hervorgetreten ist. Ein nicht seltenes Problem in diesem Gebiet von Nepal. Beschämt sprechen sie bei der Anmeldung lediglich von einem „Vorfall mit dem Becken“, um nicht in der Öffentlichkeit über ihr Leiden sprechen zu müssen. Eine Frau wird zu unserer Gynäkologin geschickt, doch im Gespräch klagt sie plötzlich nur noch über Bauchschmerzen und Durchfall. Als die Ärztin dafür aber keinerlei Anzeichen entdecken kann, fragt sie gezielter nach. Doch erst als die Hebamme, die zur Unterstützung anwesend ist, den Raum verlässt, kann sich die Frau etwas öffnen und von ihrem Uterus-Problem erzählen. Sie fürchtet, dass ihr Mann über die Hebamme und ein potenzielles Dorfgespräch von ihrem Leiden erfahren könnte und sie daraufhin verlassen könnte ­– weil ein normales Sexualleben vielleicht nicht mehr möglich sei. Doch nach eindringlicher Versicherung, dass ihre Privatsphäre durch die Ärztin, Hebamme und Krankenschwester selbstverständlich geschützt bleiben wird und der Einsatz eines Ring-Pessars ihren Uterus fortan in Position halten kann, willigt sie, wie später auch die anderen 8 Frauen, in die Behandlung ein. Ob sie ihrem Mann davon erzählen möchte, kann sie selbst entscheiden.

Die Gynäkologin erkennt, dass die Hebammen und Krankenschwestern in diesem Fall ungewollt eine unsichtbare Barriere darstellen, die die Frauen hemmt, ihre intimen Leiden mitzuteilen. Unsere Idee, jeweils eine von ihnen an die Seite eines Arztes zu stellen, soll vor allem dazu dienen, die sprachliche Verständigung zu erleichtern. Denn das Nepali der Menschen in Gamtha ist durchzogen von Wörtern eines lokalen Dialektes und nicht leicht zu verstehen. Von nun an verzichtet die Ärztin bei diesen besonderen Fällen auf Unterstützung und nimmt die sprachlichen Hürden in Kauf. Doch in Zukunft werden unsere Hebammen und Krankenschwestern auf diese Fälle trainiert sein und genügend Pessare in den Geburtshäusern vorrätig haben. „All diese Frauen mit Uterus-Problemen sind noch weit unter 50. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sie es unter diesem körperlichen wie mentalen Stress geschafft haben, ständig die Berge auf und ab zu steigen, in den Feldern zu arbeiten oder Lasten zu tragen“, meint Dr Junu Bajracharya später.

Doch es gibt noch viele weitere gynäkologische Herausforderungen in den kommenden Tagen: Die häufigsten Probleme der Frauen sind u.a. abnormale Entwicklungen im Genital-Trakt, Umstellungsprobleme des Körpers vom Teenager zur Frau, Menstruationsprobleme, Blutarmut, Fehlgeburten, ungewollte Schwangerschaften, Probleme durch die Menopause, Infektionen des Beckenraumes und allgemeine gynäkologische Probleme mit dem Muttermund, Eierstöcken, Vulva oder Brust. Darüber hinaus kommen die Dorfbewohner mit vielen anderen Beschwerden zu unseren Doktoren: Hauterkrankungen durch Pilzbefall, Follikulitis, Zellulitis und Exzemen, Gastritis, Durchfall, Allergien, Atemprobleme durch Asthma und Pilzinfektionen, Migräne und Gliederschmerzen sind keine Seltenheit. Die Kinder leiden dagegen eher unter Grippe, Lungenentzündungen, Keuchhusten, Fieber, Magen-Darm-Problemen, Grätze, Lausbefall, viralen sowie Augen- und Ohr-Infektionen sowie Unterernährung und, wie die Erwachsenen, ebenso unter Allergien, Asthma und Blutarmut. Alle Betroffenen bekommen die nötigen Medikamente, aber die Ärzte nutzen auch die Zeit, den Kindern Hinweise zur richtigen Ernährung und Hygiene mitzugeben – vom regelmäßigen Baden, dem Waschen mit Seife bis zum Achten auf sauberes Trinkwasser. Unsere Hebammen und Krankenschwestern werden die Mütter in dieser Hinsicht weiter unterrichten.

Ein besonders dramatischer Fall ist der eines 12-jährigen Mädchens, das sich an einem scharfen Fels einen sehr tiefen Schnitt am Bein zugezogen hatte. Zum Stoppen der Blutung hatte sie sich selbst das Bein abgebunden, die Wunde aber ihren Eltern verheimlicht. Nun ist diese infiziert und das Bein unterhalb des Knies stark angeschwollen. Unser Kinderarzt diagnostiziert, dass aller Wahrscheinlichkeit nach das Bein amputiert werden muss. Doch das Mädchen hat Glück. Nach sorgfältiger Wundsäuberung und genügend Antibiotika geht es ihr am Ende des Health Camps viel besser, dieser drastische Schritt ist nicht mehr nötig.

Schließlich ist es Zeit, die beschwerliche Rückreise anzutreten. Die Ärzte reisen zuerst ab, doch teilweise müssen sie wieder Tage auf den nächstmöglichen Flug warten. Der Rest unseres Teams bleibt noch für weitere Trainings unserer Mitarbeiter drei Tage länger in Gamtha. Als schließlich auch sie wieder Nepalgunj erreichen, gibt es keine Verbindungen mehr zurück nach Kathmandu. Extreme Regenfälle haben zu zahlreichen Überflutungen im Land geführt, jegliche Straßenverbindungen nachhause sind unbefahrbar und Flüge für mindestens 5 Tage eingestellt. Was ihnen als Option bleibt, ist ein endloser, nächtlicher Umweg im Süden über indische Straßen, die sie in 15 kräftezehrenden Stunden nach Birgunj im Osten Nepals führen. Wegen zahlreichen Überschwemmungen auch auf indischer Seite müssen sie mitten auf dem Weg noch einmal das Fahrzeug wechseln. Als sie am Morgen Birgunj erreichen, ist es dann nur noch ein „Katzensprung“ bis nachhause: 8 Stunden staubige Landstraße durch die Berge Nepals bis Kathmandu. Eigentlich ein Klacks gegen die Erfahrungen der letzten Tage...

 

 

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