Aktuelles

10.12.2017

Die Reportage: Nuwakot in Not – die Geschichte des Wiederaufbaus von 6 Schulen

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Knapp 12 Uhr mittags in Bhaduwar. Bimala und ihr jüngerer Bruder Gamesh spielen vor Aufregung glucksend in den Feldern ihrer Eltern Verstecken. Der Junge hat sich diesmal so klein wie nur möglich gemacht und hinter einen großen Strauch gehockt – in der Hoffnung, dass Bimala ihn hier ganz bestimmt nicht finden wird. Er fühlt, dass seine Schwester jetzt ganz nah ist, hört das Stroh unter ihren Füßen knacken. Er kneift die Augen zu und hält die Luftan. Sekunden später wird er herumgewirbelt. Er fällt auf den Boden und will sich schon lauthals beschweren, dass Bimala ihn so grob aus seinem Versteck gezerrt hat. Doch seine Schwester liegt bereits kauernd vor ihm und schaut ihn angsterfüllt an. Überall wird Staub aufgewirbelt, der sich wie eine Nebelwolke über dem Boden auftürmt, während sich von überall ein ohrenbetäubender Krach entlädt. Alles ist am Hin- und Herwackeln, es ist völlig unmöglich, sich auf den Beinen zu halten. Es dauert anderthalb Minuten lang, doch die Geschwister halten sich noch immer aneinander fest, als die Erschütterungen schon längst aufgehört haben, noch immer mit Herzklopfen. Beide haben mit ihren 6 und 4 Jahren schon kleine Erdbeben miterlebt, so etwas ist normal in Nepal, einem Land, das immer wieder die Folgen von tektonischen Spannungen erdulden muss – aber dieses Mal ist es etwas ganz anders. Als der Staub sich endlich etwas gelegt hat, sammeln sich die Geschwister wieder etwas und machen sich sofort auf den Weg zurück in ihr Dorf Bhaduwar zu ihrem Elternhaus. Doch zuerst können sie es nicht finden. Das Haus ist verschwunden. Und auch das Haus der Nachbarn.

Zur gleichen Zeit ein paar hundert Kilometer entfernt: Dikendra Dhakal und Achyut Paudel, die beiden leitenden Mitarbeiter des Back to Life-Teams in Nepal, sind gerade auf dem Weg zu unserem Regionalbüro in Chitwan. Es stehen mehrere Besuche in unseren Projektdörfern an. Der Jeep fährt zügig über die Straße nach Piple, als pl ötzlich die Fahrt mit dem Wagen nur noch in Schräglage möglich ist. Donnergrollen. Unweit der Straße fällt eine komplette Häuserwand einfach um. Der Fahrer macht eine Vollbremsung. Gerade noch rechtzeitig, denn die Straße bricht vor ihnen auf, während unterirdische Leitungen zerbersten. Das Wasser schießt durch den Bruch nach oben. Dikendra und Achyut realisieren schnell, dass dies keines der üblichen kleineren Beben ist. Unentwegte Versuche, die Familien und Mitarbeiter zu erreichen, schlagen fehl, sämtliche Telefonleitungen sind ausgefallen. Doch das mobile Internet funktioniert noch immer schwach: Erste Meldungen trudeln ein und berichten von massiven Zerstörungen in Kathmandu. Der Dharahara (Bhimsen Tower) ist eingestürzt, viele Tempel auf dem historischen Durbar Square einfach in sich zusammengefallen und auch der Tempel Boudhanath, eines der wichtigsten spirituellen Zentren des Landes, hat großen Schaden genommen. Sie beschließen, den geplanten Besuch in Chitwan zu verlegen und kehren um, in höchster Sorge um ihre Ehefrauen und ihre zum Teil noch kleinen Kinder. Auf vielen zeitraubenden Umwegen, da direkte Landstraßen oft verschüttet sind, erreichen sie Kathmandu erst 10 Stunden später. Es ist da. Das große Beben ist gekommen.

In Europa ist es früh am Morgen, als die Nachrichten erstmals von dem Erdbeben berichten. Noch ist das Ausmaß der Katastrophe überhaupt nicht ersichtlich, aber die Opferzahlen steigen unaufhörlich. Der 25. April und später der 12.Mai 2015 werden zu schwarzen Tagen in der Geschichte Nepals, bei dem am Ende fast 9.000 Menschen ihr Leben verlieren. Stella Deetjen erfährt in Deutschland von der Tragödie und ist in großer Sorge um ihre Mitarbeiter. Sowie um ihre zahllosen Freunde in Kathmandu. Doch endlich, es kommt Entwarnung von Dikendra: Keiner unserer Mitarbeiter und deren Familienmitglieder sind getötet worden und glücklicherweise auch niemand in unseren Projektgebieten. Wir atmen auf. Aber in Kathmandu herrscht Chaos und Zerstörung, es gibt nicht genug technisches Gerät, um Verschüttete zu bergen, die Menschen graben zum Teil mit bloßen Händen nach Überlebenden. Die Back to Life-Gründerin stellt ihrem Team frei, sich erst einmal um die eigenen Familien zu kümmern und die Arbeit ruhen zu lassen. Denn niemand traut sich in Kathmandu, in die eigenen Häuser zurückzukehren, da ständige Nachbeben drohen – abertausende Menschen campieren auf den Straßen. Aber das nepalesische Team entscheidet sich sofort dafür, Nothilfe zu leisten, um den Opfern zu helfen. Infolgedessen beteiligt sich Back to Life an der Notversorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser, Wasseraufbereitungstabletten, Kochgeschirr und Medikamenten. Notunterkünfte für obdachlose Familien werden verteilt und medizinische Notfälle in Krankenhäuser transportiert. Mit Hilfe eines zur Verfügung gestellten Regierungshubschraubers und einem Team von Ärzten sind Mitarbeiter von Back to Life die ersten, die der völlig zerstörten Bergregion Sindupalchok zu Hilfe kommen. Alle Wege dorthin sind verschüttet, 90% der Dörfer nur noch Schutthaufen. Über 1.000 Verletzte können in einer Woche behandelt werden.

Mit Hilfe von vielen öffentlichen Auftritten in TV- und Radiosendungen gelingt es Stella schnell, zusätzliche Spendengelder für die Erdbebenopfer zu sammeln. Wie so oft, denkt Back to Life dabei in erster Linie an die Kinder, die nun in Nepal unter der furchtbaren Situation leiden müssen. Ganze 30.000 Klassenzimmer zerstören die beiden großen Beben, insgesamt 1.000.000 Kinder können plötzlich nicht mehr sinnvoll unterrichtet werden, einer ganzen Generation wird die Möglichkeit zur Bildung entzogen. Es ist noch großes Glück im Unglück, dass das erste Beben an einem Samstag passiert – der einzige unterrichtsfreie Tag der Woche. Bei ca. 30 Kindern pro Klasse hätten die Opferzahlen sonst bis in die Hunderttausende gehen können. Kaum vorstellbar, es hätte schier unerträgliches Leid zur Folge gehabt. Back to Life entscheidet sich deshalb dafür, möglichst viele zerstörte Schulen wiederaufzubauen und spricht umgehend mit den zuständigen Beh.rden. Nach einer Weile wird uns die Region Nuwakot zugeteilt, sie gehört zur schlimmsten Kategorie der von Erdbeben betroffenen Gebiete: Zahllose Opfer und kaum ein einzelnes Haus, das nicht in Trümmern liegt. Wir ernennen Nuwakot zu unserem neuen Projektgebiet.

Doch, was als schnelle Hilfe gedacht ist, wird nun zu einem langen Geduldspiel: Als die Wellen der Zerstörung das Land überrollen, besitzt Nepal noch keine Verfassung. Schon lange wird über ein tragfähiges Konzept gestritten. Die Regierung schafft es deshalb einfach nicht, sich zeitnah auf die nötigen Hilfsmaßnahmen und den dringenden Wiederaufbau von Gebäuden zu fokussieren und beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Ausarbeitung der Verfassung. Ein Umstand, der ihr nicht unberechtigt viel Kritik einbringt. Erst im September 2015 wird tatsächlich eine Fassung verabschiedet, die stark umstritten bleibt. Sie wird wenig später Auslöser für Indiens 6-monatige Wirtschaftsblockade von Nepal sein,die vor allem das Ziel hat, die nepalesische Regierung zu zwingen, die Verfassung nach den Vorstellungen Indiens nachträglich umzuschreiben. In dieser Zeit werden sämtliche Öl undGaslieferungen nach Nepal fast vollständig eingestellt und nur noch minimale Transporte über die Grenze gelassen. Der Himalaya-Staat ist praktisch vollständig von Indiens Treibstoffen abhängig. Die Konsequenzen sind katastrophal: Das gesamte Transportwesen, praktisch jede Industrieanlage kommt zum Erliegen. Die Menschen können ihre Fahrzeuge nicht mehr betanken, um zur Arbeit zu fahren, Güter werden nicht mehr transportiert, an Tankstellen gibt es kilometerlange Schlangen, in der Hoffnung auf einen Liter Benzin. Dem Land, dass ohnehin bereits völlig am Boden liegt, wird von seinem mächtigen Nachbarn auch noch die Luft abgedrückt. Eine schockierende Grausamkeit, die bis heute niemand in Nepal fassen kann.

Obwohl wir die nötigen Mittel bereits zur Verfügung haben, erlaubt uns die nepalesische Regierung, wie übrigens auch allen anderen nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, lange Zeit nicht, mit dem Wiederaufbau von 6 Schulen in Nuwakot zu starten. Erst soll eine ganz neue zuständige Behörde geschaffen werden, die „National Reconstruction Authority (NRA)“. Es wird noch bis zum 1. Weihnachtstag des gleichen Jahres dauern, bis diese endlich ihre Arbeit aufnimmt. In den nächsten Monaten müssen unsere Mitarbeiter sehr viele Tage darauf verwenden, Antr.ge und angeforderte Papiere einzureichen und Änderungen einzuarbeiten. Die Prüfung unserer Bau- und Statikpläne nimmt anschließend noch mehr Zeit in Anspruch – wir müssen sehr viel Geduld beweisen, bis wir endlich am 24. November 2016 unsere finale Genehmigung erhalten. Was dann folgt, ist das größte Projekt in der Geschichte von Back to Life: Eine sechsfache Mammutbaustelle. Alle Schulen in den entsprechenden Dörfern Nuwakots werden von uns gleichzeitig wiederaufgebaut...

Es sind zum Glück nur ein paar Tropfen, die Regenwolke hat sich nicht, wie befürchtet, über ihnen entladen. Die Arbeiter gehen wieder an die Arbeit. Mit einfachen Spitzhacken und Schaufeln graben sie sich immer tiefer in das Erdreich hinein. Kubikmeter um Kubikmeter tragen sie ab, sie scherzen und lachen, weiter im Hintergrund singen zwei der Arbeiter ein traditionelles Lied der Tamang vor sich hin. Doch dann stoßen sie auf etwas, was niemand vorfinden will: Ein große massive Steinplatte. Sie versperrt ihnen jedwedes Weiterkommen, hart wie Beton liegt sie unter ihren Füßen und das vermutlich schon seit Millionen von Jahren. Stundenlang mühen sie sich an ihr ab. Zuerst reißen sie noch Witze darüber, doch der Humor weicht bald der Verzweiflung und bösen Flüchen. Der unterirdische Felsbrocken bleibt davon jedoch gänzlich unbeeindruckt. Nur gelegentlich gelingt es ihnen, winzige Stücke aus dem Gestein zu brechen, so klein, dass es Monate dauern würde, auch nur wenige Kilo aus der Erde zu holen. Langsam beginnt die Sonne hinter den Hügeln zu versinken und der Abend hereinzubrechen. Die Arbeiter legen die Werkzeuge beiseite und beginnen, miteinander zu tuscheln. Blicke werden ausgetauscht, dann verschwinden sie im Dunkeln. Keiner von ihnen wird jemals wieder auf der Baustelle gesehen werden...

Es war uns klar, dass es schwierig werden wird. Die Dörfer sind nur umständlich zu erreichen, die Wege zu den Bewohnern bestenfalls in den Berg gekratzte Lehmpfade, die schon bei gutem Wetter schwer befahrbar sind. Ständig wird man hin und her geschüttelt – praktisch unmöglich, in den Bergen anzukommen, ohne zuvor blaue Flecken zu kassieren. Zwar sind das noch keine vergleichbaren Herausforderungen wie in unserem Projektgebiet Mugu, wo wir durchaus noch kompliziertere und gefährlichere Wege beschreiten müssen, um unsere Ziele zu erreichen, aber Nuwakots „Verkehrsnetz“ fordert uns trotzdem jeden Tag heraus. So gilt die Faustregel: Regnet es länger als drei Tage, sind die Wege absolut unpassierbar und aufgeweicht. Ein LKW würde aus der Spur geraten und in einer Lawine aus Matsch den Berg hinunterrutschen, keine Leitplanke kann ihn aufhalten – der sichere Tod für Fahrer und Mitreisende. Auf der anderen Seite: Fährt kein LKW zur Baustelle, fehlen zwangsläufig in Kürze sämtliche nötigen Materialen wie z.B. Sand, Zement, Stahl, Holz und Steine. Die Arbeit liegt brach und unsere Mitarbeiter und Helfer im Dorf müssen warten, bis die Erde wieder genügend getrocknet ist. Unabhängig von den Transportwegen hat aber auch das Bauland Überraschungen für uns parat: Gehen die ersten Schritte zum Ausheben des Fundaments noch vergleichsweise leicht vonstatten, stoßen die Arbeiter gleich bei mehreren Baustellen auf Gesteinsplatten und –brocken im Erdreich, die oft zu schwer und groß sind, um sie per Hand zu entfernen. Auch sind zum Teil gewaltige Erdmassen auszuheben, um den Anforderungen der NRA zu genügen. Ein ganzer Trupp von Arbeitern sieht sich dieser Herausforderung offenbar nicht gewachsen und verschwindet einfach sang und klanglos über Nacht. Unser Team muss sich daraufhin nicht nur um neue Arbeiter, sondern auch um Presslufthammer inklusive Stromgeneratoren sowie einen Bagger bemühen. Beides gibt es nicht in dieser Gegend und muss erst in der nächsten Stadt zu Stundenpreisen angemietet werden. Kosten und Arbeitszeit, die in dieser Dimension nicht eingeplant sind. Allein einen Bagger in die Berge zu transportieren, bietet genug Aufregung für ein Menschenleben.

Und immer wieder: Regen. Der Monsun rückt unaufhaltsam näher, die Heftigkeit der Niederschläge wird letztlich so sehr zunehmen, dass alle Arbeiten auf Monate unterbrochen werden müssen. Die Lek Side Schule und die Bandevi Schule sind davon besonders betroffen. Denn der Transport mit dem Material für die Dachkonstruktionen ist schon auf halbem Weg zu den Schulen, als der Regen, unerwartet früh, immer stärker wird. Zu Beginn versucht der Fahrer des LKWs noch, sich durch den Matsch zu pflügen, um den Berg hinauf zu kommen. Aber irgendwann ist klar, es wird zu gefährlich. Der Regen nimmt mehr und mehr zu, immer größere Passagen der Straße werden einfach weggeschwemmt. Wir brechen ab. Das Dachmaterial wird an Ort und Stelle abgeladen und muss die nächsten 3 Monate am Wegesrand im Nirgendwo lagern, bis der LKW die Straße wieder befahren kann. Erst dann können beide Schulen vollendet werden. Der Monsun hat 60 Minuten zu früh eingesetzt – die Restfahrzeit bis zur Abladestelle der Schulen. Manchmal kostet eine Stunde ein ganzes Vierteljahr.

Die Aufregung ist groß in Bhaduwar. Herausgeputzt stehen die Kinder aufgereiht vor ihrer neuen geschmückten „Dakshinkali School“, so der offizielle Name der Einrichtung. Gleich wird der Jeep mit dem Team von Back to Life über die holprige Zufahrt auf das Gelände rollen. Stella, ihr Sohn Cosmo und unser Team sind gekommen, um diese und die übrigen wiederaufgebauten Schulen einzuweihen. Die Oktobersonne meint es gut, es ist angenehm warm und trocken, die letzten Arbeiten an den Gebäuden sind endlich vollendet. Auch die verlorenen Dächer haben endlich ihr Zuhause gefunden. Die Dorfgemeinschaft steht beisammen, um Stella zu danken, dass sie ihr Versprechen gehalten und somit dem Dorf eine Zukunft geschenkt hat. Denn ohne die Unterstützung von Back to Life, so der Schulleiter Mr. Saikram Bhatta, wären viele der Bewohner schon längst weggezogen, um ihr Glück woanders zu suchen, nicht selten in Länder des mittleren Ostens. Dort würden sie eine miserabel bezahlte Arbeit annehmen, um Geld nach Nepal schicken zu können – in der Hoffnung, dass es besser laufen würde als zuvor. Doch häufig droht ihnen vor Ort die völlige Ausbeutung. Mit dem Wiederaufbau der Schule jedoch, wie auch den von uns gebauten neuen Wasser-Zapfstellen und anderen unserer Maßnahmen, haben viele Familien wieder Hoffnung geschöpft und wollen auf jeden Fall bleiben – dies ist seit Generationen ihre Heimat. „Aber natürlich bin ich auch sehr froh, dass wir Lehrer unsere Jobs behalten dürfen...“, fügt er mit schallendem Lachen hinzu.

Die Zeiten, wo die Kinder in Zelten, Häuserruinen, Wellblechhütten oder sogar im Freien lernen mussten, sind nun in allen 6 Dörfern vorbei. Die gelb leuchtenden Schulgebäude sind mit allem ausgestattet, was für den Unterricht gebraucht wird: Tafeln, Tische, Bänke sowie natürlich auch Lehr- und Lernmaterial. Insgesamt 28 neue Klassenräume stehen jetzt in unseren Projektdörfern zur Verfügung. Es war ein langer Weg bis hierhin, aber das Ergebnis macht uns stolz, denn die leuchtenden Kinderaugen in Nuwakot sind Funken der Zuversicht auf ein lebenswertes Leben. Bildung wird ihnen den Weg ebnen. Studien besagen, dass, wenn man es schafft, allen Kindern armer Länder das Lesen beizubringen, die Wahrscheinlichkeit besteht, die weltweite Armut um bis zu 12% zu senken. Zudem zahlt sich jede Investition in Bildungssysteme mehr als aus: Laut dem „Education for all – Global Monitoring Report“ generiert jeder US-Dollar, der für Bildung ausgegeben wird, ein ökonomisches Wachstum zwischen 10-15 US-Dollar im Land. Insofern ist ein Ausbau des Bildungsangebots der Schlüssel, um wirklich grundlegende Probleme in Nepal anzugehen: Armutsbekämpfung, Verbesserung der Stellung der Frau, Stärkung der Gesundheit der Familien sowie der sozialen Stabilität. So bedeutet alleine schon der Abschluss des Grundschulbesuchs deutlich bessere Chancen im Leben – z.B. die Aussicht auf höhere Löhne und mehr Produktivität im Beruf. Zusätzlich können aber auch Risiken gesenkt werden – gleich, ob es um Kinderehen, Schwangerschaften Minderjähriger oder HIV-Verbreitungsraten geht.

Das erste Beben hatte die Schule von Bhaduwar extrem beschädigt, das zweite brachte sie vollends zum Einsturz. Damit so etwas hoffentlich nie wieder passieren kann, sind unsere Neubauten extra erdbebensicher konstruiert: Spezielle Querträger und Metallbänder stärken die innere Struktur der Mauern inklusive des Dachs, ein robustes Betonfundament wird helfen, starken Erschütterungen zu widerstehen. Da nicht wenige Kinder, wie auch Erwachsene, durch die Erdbeben traumatisiert sind – fast jeder hat Familienmitglieder oder Bekannte verloren – ist es wichtig, dass die Bevölkerung ihre Kinder in den neuen Gebäuden sicher weiß. Wir sind überzeugt, es sind die sichersten Gebäude der gesamten Region geworden.

 Am Ende des Besuchs bleibt Stella sogar noch etwas Zeit, um ihre 32-jährige Bekannte Shantimaya für einen Tee wiederzutreffen, die sie bereits vor zwei Jahren kennengelernt hatte. Damals hatte die zweifache Mutter durch die Beben sowohl ihr Haus als auch ihre Wasserbüffel verloren und stand sprichwörtlich vor dem Nichts. Ihre Familie blieb glücklicherweise unverletzt, aber sie hauste seitdem mit ihren Kindern in einem kleinen Wellblech-Verschlag. Doch sie ließ sich nicht entmutigen, lieh sich Geld und baute mit Unterstützung aus dem Dorf in der Zwischenzeit für ihre Familie ein neues Haus. Ihr Mann – durch einen früheren Arbeitsunfall in Indien seit Jahren von starken Rückenschmerzen geplagt und nur begrenzt belastbar – arbeitet seit längerem in Saudi-Arabien, um möglichst bald den Kredit zurückzahlen zu können. Der Preis, den er zahlt, ist hoch, denn seine Familie muss in all der Zeit ohne ihn zurechtkommen. Er wird sie wohl erst wiedersehen, wenn endlich genügend Geld erwirtschaftet wurde. Stella ist tief beeindruckt von dem Mut und der Kraft Shantimayas, die sich selbstbewusst allen Widerständen entgegengestellt hat. Stella freut sich schon auf das nächste Treffen mit ihr. Es wird wieder viel zu erzählen geben.

 

 

 

 

 

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