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20.05.2018

Das zweite Leben des Verbrennungsopfers Saruli – ein Rückblick von Stella Deetjen

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Liebe Freunde von Back to Life,

durch unsere Projektarbeit begegne ich in Nepal oft ganz besonderen Lebensgeschichten, hinter denen ein dramatisches Schicksal steht, geprägt von Armut und Hoffnungslosigkeit, wie man sie sich als Europäer kaum vorzustellen vermag. Ganz besonders berührt hat mich dabei das Schicksal von Saruli. Nie werde ich die fast aussichtslose Rettungsaktion und die große Tapferkeit des Mädchens vergessen: Wie sehr Saruli darum gekämpft hat, am Leben zu bleiben, selbst als alles bereits hoffnungslos erschien. 

Es war Dezember 2011, in den hochgelegenen Bergdörfern Mugus brannte in jedem Haus ein offenes Feuer, zum Kochen sowie als Wärme- und Lichtquelle. Aus Spaß probierte die damals elfjährige Saruli den Sari ihrer Mutter an und wickelte sich die viereinhalb Meter Stoff um die Hüfte. Doch Saruli kam der Feuerstelle zu nah und plötzlich stand ihre ganze untere Körperhälfte in Flammen. Der Nylonstoff brannte sich innerhalb von Sekunden tief in die Haut von Beinen, Po und der Hüfte ein. 

Das Krankenhaus der kleinen, regionalen Hauptstadt Gamghadi lag weit entfernt, doch es war die einzige Aussicht auf Hilfe. In einem mühsamen Tagesmarsch trug Sarulis Familie das verbrannte Kind, das weder sitzen noch laufen konnte, über schmale, verschneite Gebirgspfade dorthin. Jede Erschütterung muss unvorstellbare Schmerzen für das kleine Mädchen ausgelöst haben. Doch dort wurde ihre Hoffnung bitter enttäuscht: Keine Ärzte, keine Medikamente, keine Hilfe – das Krankenhaus war nicht besetzt. 

Ohne medizinische Hilfe bestand praktisch keine Überlebenschance für sein Kind, das war Sarulis Vater bewusst, die großflächigen Verbrennungen mussten dringend versorgt werden. Aber die bitterarme Familie konnte sich kein Ticket für einen rettenden Flug ins Tiefland mit seinen Hospitälern leisten. Als unser Team in Mugu von dem Unglück erfuhr, beschlossen wir sofort zu helfen und Saruli nach Kathmandu auszufliegen. Da aber die nahegelegene Landepiste wegen Wintereinbruchs bereits gesperrt war, blieb nur die weit entfernte Landebahn in der Nachbarregion Jumla.

Es folgte eine zweitägige Tortur für alle. Sarulis Vater und 7 weitere Männer trugen unter extremen Kraftanstrengungen das schwer leidende Mädchen auf einer Bahre – bergauf, bergab, über unbefestigte, eisige Bergkämme in über 4.000 m Höhe. Endlich in Jumla angekommen zu sein, bedeutete jedoch noch nicht die Rettung. Zu Beginn flogen mehre Tage wegen schlechtem Wetter gar keine Flugzeuge. Dann landete endlich eins, doch die lokale Fluggesellschaft weigerte sich, das schwerverletzte Mädchen mitzunehmen, sie könne schließlich nicht sitzen. Erst eine weitere Fluglinie erklärte sich Tage später dazu bereit – nachdem wir eine ganze Sitzreihe für Saruli gebucht hatten, um sie liegend transportieren zu können. 

9 Tage nach dem schrecklichen Unfall konnten wir das tapfere Mädchen endlich in Kathmandu in Empfang nehmen und in eine Spezialklinik für Verbrennungen einliefern. Sofort begannen die schmerzhaften, aber dringend notwendigen Wundbehandlungen, Operationen zur Wundsäuberung sowie die unumgänglichen Haut-Transplantationen, gefolgt von einer monatelangen Physiotherapie. 108 Tage verbrachte Saruli in verschiedenen Krankenhäusern und das kleine Wunder geschah: Saruli überlebte, konnte langsam wieder laufen und kehrte schließlich mit ihrem Vater nach Mugu zurück, wo sie unter großer Freude der Dorfgemeinschaft begrüßt wurde. Niemand hatte damit gerechnet, sie je wiederzusehen. Als ich sie ein Jahr später in Mugu wiedertraf, war ihr Leben schon fast wieder wie vor dem Unfall. Sie konnte sich weitgehend uneingeschränkt fortbewegen und auch die Schule besuchen.

Vorgestern ging schließlich eine ganz besondere Nachricht in unserem Büro in Kathmandu ein: Saruli ist vor ein paar Tagen zum ersten Mal glückliche Mutter geworden! Sie hat ihrem Sohn den Namen Prakesh („Licht“) gegeben. Herzlichen Glückwunsch, liebe Saruli! Für durch Verbrennungen entstellte Frauen ist es oft unmöglich, einen Ehemann zu finden. Doch letztes Jahr hatte Saruli einen jungen Mann ihres Dorfes geheiratet. Sie scheint sehr glücklich mit ihm und ließ uns wissen, es sei eine echte „Love marriage“.

Saruli hat heute – trotz ihrer weiterhin sichtbaren Narben – nur noch leichte Beschwerden, regelmäßige Kontrollen durch Ärzte sind aber weiterhin nötig, diese ermöglichen wir gerne. Ich wünsche Saruli und ihrer Familie von Herzen alles Gute für die Zukunft und freue mich zutiefst, dass unsere Hilfe zu einem Happy End geführt hat.

Alles Liebe und Gute, namaste aus Nepal und schöne Pfingsten!

Eure Tara-Stella

 

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