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20.11.2018

Das Leben der Tharu – die „Menschen des Waldes“

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Es ist der erste Nationalpark, der in Nepal gegründet wurde: Seit 1973 ist der Chitwan Nationalpark das Schutzgebiet von 68 verschiedenen Säugetieren – darunter auch der berühmte bengalische Tiger. Die Population der bedrohten Tiere stieg von damals nur 25 Exemplaren auf bis heute 235 an: Ein einzigartiger Erfolg, der die Effizienz von großräumigen Schutzzonen beweist. Bereits 1984 wurde der Park zum UNESCO-Welterbe erklärt.
 
Doch neben der einzigartigen Natur der Dschungellandschaft und vielen anderen exotischen Tieren wie Krokodilen, Nashörnern, Affen und Elefanten leben auch hunderttausende von Menschen in dem 953 km2 großen Gebiet, welches heute als eine der größten touristischen Attraktionen Nepals gilt. Back to Life unterstützt hier vor allem die Minderheiten der benachteiligten Chepang- und Tamang-Bevölkerungsgruppen. Die ersten Menschen jedoch, die es überhaupt schafften, in den damaligen Malaria-Gebieten Chitwans zu überleben, waren die Tharu, auch „Menschen des Waldes“ genannt – ein indigenes Volk, welches noch heute vor allem in Nordindien und Südnepal Land kultiviert und insgesamt ca. 7 % der nepalesischen Bevölkerung ausmacht. Es wurde einst für seine besondere Widerstandskraft gegen das grassierende Malariafieber berühmt. Denn Untersuchungen ergaben, dass die Tharu bis zu 7x resistenter gegen diese Infektionskrankheit zu sein scheinen als andere Ethnien. Diese Beobachtung konnte bis heute nicht vollständig erforscht werden, aber es wird überwiegend angenommen, dass diese Resistenz genetisch bedingt ist und nicht auf besonderen Lebens- und Essgewohnheiten beruht. Auf Grund dieser Besonderheit konnten die Tharu für eine lange Zeit autark in Chitwan leben und ihre traditionelle Kultur pflegen.
 
Doch mit dem Einsatz des später als giftig eingestuften Insektizids DDT wurde Malaria in Nepal in den 50er- und 60er-Jahren nahezu ausgerottet. Immer mehr Menschen anderer Ethnien drängten deshalb in das tropische Chitwan, um das fruchtbare Land nach und nach unter sich aufzuteilen. In Folge dessen verloren immer mehr Tharu ihren angestammten Grund und Boden. Was daraus resultierte, war eine bittere Lohnknechtschaft unter den neuen Landherren. Nur selten in Chitwan, doch vor allem in den weiteren westlichen Ebenen Nepals, erfolgte zudem oft eine Versklavung von Töchtern verschuldeter Tharu-Familien durch den Grundbesitzer – trotz offiziellen Verbots von Zwangsarbeit. Eine sogenannte „Kamaiya“ musste meist unter schlimmsten Bedingungen leben und sogar Missbrauch erdulden. Was aber alle Tharu-Gebiete eint, ist ein stetiger Kampf um den Erhalt der eigenen Kultur und Identität. Jedoch: Auch im 21. Jahrhundert schaffen es die Tharu immer wieder, sich der Globalisierung und Moderne beharrlich entgegenzustellen. Sie pflegen bis heute Jahrhunderte alte Traditionen, die ihre überaus enge Verbindung mit der Natur symbolisieren.
 
In erster Linie sind sie Farmer. Der Anbau von Weizen, Gerste, Reis, Mais, Senf und Linsen wurde zur festen Basis ihres Einkommens. Aber sie sammeln auch Wildfrüchte, Heilkräuter und wildes Gemüse oder gehen mit kleinen Fischnetzen in den anliegenden Flüssen auf die Jagd. Daneben wird übrigens auch die intensive Suche nach „Ghonghi“, einer kleinen Schneckenart, betrieben, die zu den bevorzugten Nahrungsmitteln gehört. Ferner halten die Tharu auch Kühe, Ziegen, Schweine, Hühner und Enten sowie auch Tauben. Ab und zu opfern sie Letztere für spirituelle Zwecke ihren Göttern – um sich zum Beispiel von Krankheiten, Pechsträhnen oder Albträumen zu „heilen“ bzw. die Götter zu besänftigen.
 
Ungewöhnlich für die heutigen nepalesischen Verhältnisse ist zweifellos, dass sich die Tharu dem Arbeiten im Ausland gänzlich verweigern: Obgleich Millionen Nepalis jährlich als Gastarbeiter nach Saudi-Arabien, Malaysia oder Indien abwandern, um dort ihr Glück zu versuchen, bleiben die Tharu ihrer Tradition treu und arbeiten ausschließlich in den heimischen Gebieten – allerdings unter den harten Konditionen der Landbesitzer. Trotzdem haben sie es durch ihre selbstgewählte Isolation geschafft, ihre eigene Kultur vom Einfluss indischer oder anderer Bevölkerungsgruppen weitgehend unbeeinflusst zu bewahren. Erwähnenswert sind hier vor allem die Frauen der Tharu, die für ihre kunstvollen Handwerksarbeiten und farbenfrohen Malereien bekannt sind, welche mit natürlichen Materialien wie Ton, Lehm, Dung oder Gras hergestellt werden. Es bleibt zu hoffen, dass es den Tharu auch in den kommenden Jahrzehnten gelingen wird, ihre Traditionen zu schützen. Wir wünschen uns von Herzen, dass dieses einzigartige Stück nepalesischer Kultur erhalten werden kann.
 
Mehr Informationen unter www.back-to-life.org
Bilder © 2018 BTL
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