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31.03.2019

3 Tage Healthcamp in Jima: Medizinische Versorgung für über 1.500 Patienten

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Reisen in die Berge Mugus sind per se gefährlich. Während des Winters werden sie jedoch erst recht zu einem besonderen Wagnis: Schnee, Eis und Wind geraten zu unberechenbaren Gegnern, die alle Pläne durchkreuzen und schlimme Unfälle provozieren können. Doch die Durchführung unseres mittlerweile 6. Heath Camps in den abgelegenen Bergwelten musste gelingen – zu viele erkrankte Menschen warteten bereits auf unsere Hilfe. 

Am 20. Februar bringt uns in Nepalgunj die kleine Twin Otter-Maschine in die Luft. Wir sind kurz zuvor mit einem anderen Flugzeug aus Kathmandu angereist. Diesmal klappt der direkte Anschlussflug –  keine Selbstverständlichkeit, denn das Wetter kann schnell umschlagen und eine Weiterreise verhindern. Unser Team begleiten insgesamt 5 Mediziner aus Kathmandu, die mutig genug sind, mit uns in den Flieger zu steigen: eine Gynäkologin, ein Kinderarzt, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, ein Internist sowie ein Radiologe. Die Organisation im Vorfeld hatte sich bereits viele Wochen hingezogen. Staatliche Genehmigungen, der Einkauf von Medizin und die Ankündigung in den Dörfern sind die ersten Schritte. Für jedes Health Camp müssen wir zudem immer wieder neue nepalesische Ärzte rekrutieren – die Strapazen, die man dafür auf sich nehmen muss, will kaum jemand ein zweites Mal durchleben. In dem Moment als unser Flugzeug den Mabu Pass bei klarer Sicht passiert, atmet so mancher an Bord erleichtert auf. Denn es ist die höchste Stelle der Flugroute über die Berge und diese wird oft innerhalb weniger Minuten durch aufziehende Wolkenformationen verdeckt. In diesem Fall muss das Flugzeug sofort umkehren, ein Weiterflug wäre zu lebensgefährlich. Unser Ziel ist der Talcha Airport, der erst 2015 überhaupt eine Teerdecke auf seiner Landebahn erhalten hat. Früher landeten wir dort noch auf einer rauen Schotterpiste, für die einst ein Teil der Bergkuppe auf ca. 2.700 m weichen musste. Eigentlich war dies auch schon die markanteste Weiterentwicklung seit seiner Erbauung 1975. Er gilt bis heute mit seiner kurzen Landebahn noch immer als einer der schwierigsten und gefährlichsten Flugplätze Nepals. 

Als wir endlich aus dem Flugzeug steigen, streift sich jeder im Team umgehend einewarme Jacke über. Es ist sehr kalt und nun erwartet uns ein 4 Stunden langer Trekkingmarsch zu unserem schlichten Hotel für die Nacht am Rara See, dem größten See Nepals. Die gesamte Gegend ist ein eindrucksvoller National Park, aber nur sehr wenige Touristen verirren sich gelegentlich hierhin. Über diese wird dann von offizieller Seite auch genauestens Buch geführt: 2018 kamen gerade mal 189 ausländische Besucher. Die traumhafte Kulisse der Berge und Wälder stehen bis heute in einem großen Gegensatz zu der mangelhaften Infrastruktur und der Armut der Menschen. Mühelos übertroffen wird die Besucherzahl von den über 230 Vogelarten, die sich jedes Jahr um den See zum Überwintern ansiedeln. Manche von ihnen sind aus Sibirien hierher unterwegs gewesen. Am kommenden Morgen müssen wir unter schwerem Schneefall die weitere Reise antreten, wir kommen nur mühsam voran. Erst am Nachmittag erreichen wir das Dorf Sipa, Teil des Jima Distrikts.

In den folgenden 3 Tagen werden insgesamt 730 Frauen, 364 Männer und 455 Kinder behandelt: Von morgens um 8 bis abends um 5, ohne Pause. Alle Ärzte wollen so viele Patienten wie möglich versorgen und gehen dafür bis an ihre Grenzen. Einer der ersten Patienten ist ein kleiner Junge, der von einem Hund in Bein gebissen worden war. Die Wunde hat sich mittlerweile entzündet und musste dringend behandelt werden. Da die Gefahr einer Tollwut-Infektion besteht, sind Antibiotika und Impfungen unumgänglich. Die Begleitung des Jungen muss zudem erst einmal über die Risiken der Tollwut aufgeklärt werden und wie schließlich die Behandlung in den nächsten Tagen fortzuführen ist. Von Tollwut hatte noch niemand in seiner Familie etwas gehört. 

Die Menschen sind aus allen Himmelsrichtungen und insgesamt 40 Dörfern herbeigeströmt. Geduldig warten sie bis sie an der Reihe sind, bei manchen ist es schier unbegreiflich, wie sie ihre Schmerzen und Leiden schon solange ertragen konnten. Die Gynäkologin muss etliche Fälle von Infektionen durch Geschlechtskrankheiten sowie Eierstock- und Beckenentzündungen behandeln. Ein besonders drastischer Fall tritt bei einer Frau mit einer Blasen-Scheiden-Fistel auf: Eigentlich kommt sie „lediglich“ zur Behandlung einer eiternden Wunde an ihrem Bauch, doch die Ärztin erkennt schnell die weitaus schlimmere Erkrankung der Frau, die selbst nicht einmal ahnt, dass sie in Lebensgefahr schwebt. Seit langem muss sie jedoch mit einer extremen Geruchsentwicklung auf Grund der Erkrankung leben, die sie sich nicht erklären kann. Ihre sozialen Kontakte sind fast vollständig zusammengebrochen, da viele Menschen in ihrem Dorf darauf nur noch mit Anfeindungen reagiert haben. Eine vollständige Behandlung während des Heath Camps ist nicht möglich. Wir lassen die Frau deshalb umgehend ausfliegen, damit sie in einem Krankenhaus in Nepalgunj operiert werden kann. Die Erkrankung ist bereits im Endstadium, ohne diesen Eingriff hätte sie kaum Überlebenschancen.

Bei den Männern sind es vor allem Lungenentzündungen, Asthma, Knochenschwund, Arthrose und Bronchitis, die den Menschen zu schaffen machen. Hier kann überwiegend Medizin verschrieben werden. Unter den Kindern waren u.a. viele Fälle von Ohrenschmerzen, Ohrenentzündungen, Halsentzündungen, Hautkrankheiten, Bronchitis und Bronchiolitis, Nasennebenhöhlenentzündungen und Grippeinfektionen zu beklagen. Dem Hals-Nasen-Ohrenarzt fällt besonders die große Anzahl an Ohrerkrankungen auf: Über 200 Fälle insgesamt sind mehr als ungewöhnlich. Ursache für viele Entzündungen bis hin zum Hörverlust ist die in der Bevölkerung weit verbreitete Gewohnheit, mit einem kleinen Metallwerkzeug das Ohrenschmalz aus den Ohren heraus zu pulen und im Vorfeld zum Lösen sogar heißes Öl ins Ohr zu schütten. Das Baden in dreckigen Gewässern führt auch häufig zu Ohrentzündungen. 1991 ergab eine Umfrage, dass unter den damals 19 Millionen (heute 29 Millionen) Nepalis, die enorme Anzahl von 2,7 Millionen Menschen unter Taubheit oder ernsthaften Ohrerkrankungen litten. Bis zu 50% dieser Krankheiten wären durch eine bessere Vorsorge vermeidbar.

Es gibt so gut wie keine Optionen für die Bevölkerung Mugus, sich medizinisch behandeln zu lassen. In den armen Dörfern finden sich zwar durchaus immer wieder offizielle „Government Health Post“, doch dort findet sich meist nicht mal die einfachste Medizin, echte Hilfe kann ein Kranker hier kaum erwarten. So kommt es in Mugu leider bis heute noch immer vor, dass Menschen an normalerweise leicht zu behandelnden Krankheiten sterben. Unsere Health Camps sind deshalb für viele Menschen der allerletzte Ausweg, auch wenn sie dafür – obwohl bereits stark geschwächt – einen ganzen Tagesmarsch auf sich nehmen müssen, zum Beispiel aus der durch eine Bergkette besonders isolierten und weit abgelegen Region Soru.

Was die Arbeit aber auch für uns zu einer zusätzlichen Herausforderung macht, ist der beständige Glaube der Bevölkerung an die traditionellen Heilpraktiken der Shamanen. So bringt uns ein junger Mann zu seinem Vater, der sich eigentlich nicht von einem normalen Arzt behandeln lassen will und unserem Health Camp trotz Krankheit fern geblieben ist. Um seine multiplen Probleme zu kurieren – Asthma, chronische Gastritis und Arthrose – hatte ihm der Shamane an mehreren Stellen einfach glühende Eisenstäbe auf den Bauch gelegt, mit dem Ziel die bösen Geister aus dem Körper zu vertreiben, die für alle Schmerzen verantwortlich sind. Die Brandmale überziehen den Körper des alten Mannes. Nach eindringlichen Gesprächen mit unserem Arzt willigt er endlich ein, die verordnete Medizin zu sich zu nehmen.

Die Ärzte sind nach 3 Tagen völlig erschöpft, aber auch sehr zufrieden, dass so vielen Menschen geholfen werden konnte. Ein offizielles Parlamentsmitglied honoriert unsere Mühen: „Back to Life hat Gebiete erreicht, wo die Regierung bisher nicht in der Lage war, den Menschen zu helfen. Vielen Dank!“

Nach dem Heath Camp machen wir mit unserem Hals-Nasen-Ohrenarzt sogar noch einen Abstecher nach Gamghadhi – in das Heim der 24 gehörgeschädigten Kinder, das wir bereits seit Jahren unterstützen. Bei der Untersuchung können wir erfreulicherweise feststellen, dass für 4 der Kinder noch Heilungschancen bestehen oder zumindest Verbesserungen durch Operationen erreicht werden könnten. Weitere Tests sollen nun Aufschluss darüber geben. 

Der finale Rückweg zum Flughafen wird schließlich erneut zu einer letzten großen Kraftanstrengung für alle. Erneute schwere Schneefälle führen dazu, dass die Landebahn zu großen Teilen vereist und zuschneit. Eine Landung ist unter diesen Umständen nicht möglich. Es bleibt keine Wahl: Das ganze Team hilft mit und befreit die Piste langsam von Eis und Schnee. Es gelingt zum Glück, auch die Sonne bricht plötzlich durch die Wolken und hilft. Ein paar Stunden später sitzen wir endlich im Flugzeug, freuen uns auf unsere Familien und das deutlich wärmere Klima in den Tiefebenen. Doch trotz all der Strapazen: Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Health Camp in Mugu! 

Dikendra Dhakal, Projektleiter Nepal

Bilder © 2019 BTL

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