WARUM WILLST DU MEINEN NAMEN WISSEN?

Als ich endlich an den langen Treppenfluchten ankam, die in Benares zum Fluss Ganges führen, verließ mich die Kraft, ich sank auf die oberste Stufe und krümmte mich vor Leibschmerzen. Mir gegenüber sah ich die Reihe der gewiss hundert leprakranken Bettler, die auf Almosen der Pilger angewiesen sind. Was für ein elendiges Schicksal. Sie saßen hier auf einem Quadratmeter Wegesrand, ihre Habseligkeiten neben sich in Tüten oder Stoffbündeln, und warteten auf den Tod. Die Krankheit hatte ihre Gesichter monströs entstellt und ihre Gliedmaßen verstümmelt, diese uralte Krankheit, die ich nur aus der Bibel, aus Filmen wie „Ben Hur“ oder Büchern wie „Papillon“ kannte.

Die Kranken jagten mir Angst ein.
 Was sind deine Durchfallattacken gegen diese Krankheit, ging es mir durch den Kopf. Da löste sich ein alter weißhaariger, groß- gewachsener Mann aus der Reihe der Bettler und kam auf mich zu. Oh, nein, ich kann jetzt beim besten Willen keine Münze aus meiner Tasche suchen, dachte ich, da stand er schon vor mir. Er schaute mich liebevoll an und sagte etwas in Hindi, was ich natürlich nicht verstand. Dann intonierte er plötzlich Gebete und streckte seine Krallenhand aus, um mich zu segnen. Dabei berührte er meinen Kopf, und ich konnte seine verkrümmten Finger und die verhornten Fingernägel auf meiner Kopfhaut fühlen. Ein Schock durchfuhr mich – ein Lepra- kranker hatte mich angefasst! Aber die Furcht vor ihm und seiner Krankheit wich sofort, als ich ihm in die Augen sah. Er sprach weiterhin beruhigend auf mich ein, und ich merkte, wie die Spannung von mir abfiel und die Schmerzen sich von meinem Körper lösten. Unglaublich! Hier sitze ich als Touristin, die zum Vergnügen und aus Abenteuerlust um die halbe Welt fliegt, um ferne Länder und Kulturen kennenzulernen, und dieser Bettler, als Unberührbarer aus- gestoßen, hat Mitleid mit mir und bietet mir seine Hilfe an! Ich schämte mich dafür, dass ich in den vergangenen Tagen so oft ohne Almosen an den Kranken vorbeigelaufen war, weil sie aussahen wie Kreaturen der Hölle. Zutiefst berührt und aufgewühlt stand ich auf und faltete die Hände zum „Namaste“, dem indischen Gruß.
Bis tief in die Nacht ließ mich die Begegnung nicht los. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte und beschloss, mich am nächsten Tag bei dem Alten zu bedanken. Doch es widerstrebte mir, diesen herzensgütigen Mann nur in seiner Bettlerrolle zu sehen und ihm Geld anzubieten, also zog ich morgens los und kaufte ein paar nützliche Dinge wie einen für Benares typischen karierten Lunghi, ein Baumwolltuch, das sich Männer um die Hüften schlingen, einen Aluminiumbecher und einen Henkeltopf mit Deckel. Ich wollte ihm ein Geschenk mitbringen, so wie man das tut, wenn man zu Gast bei einem Freund oder Bekannten ist.
 Mit Herzklopfen näherte ich mich der Bettlerreihe, ängstlich und unsicher. Die Geschenke hatte ich wie einen Schutzschild an mich gepresst. Der Alte kam heran, wie- der schaute er mir forschend in die Augen, ich las Überraschung in seinem Blick. Mit Händen und Füßen bedankte ich mich bei ihm und übergab ihm die Geschenke. Da sprach mich ein noch ziemlich junger Lepra- kranker an, zu meiner Freude auf Englisch: „My name is Tingla.“ Was ich denn von den Bettlern wolle, warum ich hier sei, jetzt schon länger als zwei Minuten? Ich sagte ihm, dass ich den alten Mann gern kennenlernen würde und bat ihn, für mich zu übersetzen. So konnte ich mich vorstellen und den Alten nach seinem Namen fragen. „Ich heiße Musafir“, sagte er, was „der

Reisende“ bedeutet. Und erneut stellte er mein ganzes Denken in nur einem Moment auf den Kopf: „Kind“, fuhr er fort, ganz und gar nicht anklagend, sondern in nüchternem Ton, „seit vierzehn Jahren fragt mich kein Mensch mehr nach meinem Namen. Warum willst ausgerechnet du ihn wissen?“ Mittlerweile hatten sich zwei Kreise um uns gebildet. Ganz dicht standen mindestens zwanzig Leprakranke, und es wurden immer mehr, die aufgeregt untereinander diskutierten, alles kommentierten und sich die Geschenke Musafirs weiterreichten, um sie zu begutachten. Der äußere Kreis bestand aus gesunden Indern, die mich fassungslos anstarrten.

Tingla nutzte sein Englisch. Neben ihm sprang ein anderer junger Leprakranker aufgeregt von einem Bein aufs andere, ungeduldig, weil Tingla die Fragen, die er mir stellen wollte, wohl nicht schnell genug übersetzte. Der Mann hieß Ramchandra, hatte tiefdunkles längeres, dichtes Haar und ein schönes Gesicht mit kreisrunden braunen Augen, die voller Begeisterung auf mich gerichtet waren. Einzig seine Hände und Füße verrieten die Krankheit. Er war einigermaßen sauber gekleidet, und ich sah sofort, dass er trotz seines Hundedaseins auf der Straße noch als Mensch und Mann wahrgenommen werden wollte.

Tingla dagegen schien diese Hoffnung schon lange begraben zu haben. Seine wilden langen Locken standen in alle Himmelsrichtungen ab, sie waren genauso starr vor Dreck wie seine zerfetzten Kleider. Er stank nach Wunden und Eiter. Mit Schrecken sah ich, dass an seiner rechten Hand nur der Mittelfinger zur Hälfte übrig war, alle anderen waren Stümpfe.

Die Eindrücke überrollten mich. Wohin ich auch schaute, sah ich die Krallenhände, die vernarbten und wulstigen Lücken der amputierten Gliedmaßen, Fußstümpfe in Stoffresten mit Eiter durchsuppt – ein Albtraum am hellen Tag. Besonders furcht- erregend waren die Kranken mit dem so- genannten Löwengesicht, denen die Nase fehlte, statt ihrer ein Loch im Gesicht wie ein Krater. Auch die herunterhängenden unteren Augenlider sahen entsetzlich aus. Das alles hatte etwas Monsterhaftes. Es fiel mir schwer, die Männer lächelnd anzuschauen, die mich so freudig in ihre Mitte genommen hatten.

Aber ich zeigte ihnen mein Entsetzen nicht, scherzte mit ihnen, beantwortete ihre tausend Fragen. Ich merkte, wie sie alles aufsogen und in der Aufmerksamkeit, die ich ihnen schenkte, förmlich badeten. Ganz anders der äußere Kreis der Gaffer, der „normalen“ Inder, die mich anschauten, als sei ich geistesgestört. Ihre feindlichen Energien konnte ich fühlen, ja fast schmecken. Da lag Aggression in der Luft. Manche versuchten, meine Begegnung mit den Leprakranken zu unterbinden, mit fast schon gebellten Ratschlägen und Befehlen an die ausländische Frau. „You not talk with these ones!“, „Leprosy no good“, „You careful, you go now!“ Andere störten mit Fragen: „Where you from? What is your country? Are you married? You sexy.“

Doch damit stießen sie auf Granit. Schon in den ersten Tagen hier in Benares hatte ich mir die Strategie zurechtgelegt, übergriffige Kommentare aus der Masse einfach auszublenden, zu ignorieren. Als Frau hätte man hier sonst an nur einem Tag verrückt werden können. Mitten in diesem Chaos bat Tingla mich, einen Augenblick zu warten, er komme gleich wieder. Sofort redeten alle anderen Leprakranken auf mich ein. Ich konnte nur nicken und freundlich lächeln.

Da mir von den ganzen Eindrücken der Kopf schwirrte, hockte ich mich auf die Treppenstufe neben Musafir. Aber gleich hieß er mich aufstehen und breitete ein Tuch auf der Stufe aus, das er aus einem Jutesack, in dem sich seine Habseligkeiten befanden, herauszog. Eine mahnende Stimme erklang in meinem Kopf, aber ich setzte mich, trotz der Ansteckungsfurcht.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt rein gar nichts über Lepra, und es gab auch damals noch kein Internet, man konnte es nicht schnell nachschauen. Gleichzeitig sah ich vor meinen Augen, was diese furchtbare Krankheit aus einem Menschen machen kann. Doch dass einer der Ärmsten der Armen mir seine Hilfe anbot, beeindruckte mich so tief, dass ich meine Ängste beiseiteschieben konnte.

Ich schaute mir Musafir genauer an. Er war ein großer Mann mit breiten Schultern. Er trug die traditionelle Kleidung der indischen Männer, ein leichtes Baumwollhemd mit Stehkragen und einen Dhoti, ein um die Lenden gewickeltes Tuch, so wie Mahatma Gandhi stets gekleidet gewesen war. Seine Beine schauten unter diesem Tuch hervor, sie waren mit großflächigen Flecken übersät, seine Finger gekrümmt. Die Fingernägel sahen aus wie Vogelkrallen, weil sie so verhornt waren. Ich mochte sein Lachen. Wie ein lieber vertrauter Großvater erschien er mir, der seiner Enkelin gleich Geschichten von früher erzählen würde. Sein Blick war verankert im Hier und Jetzt, keinerlei Traurigkeit überschattete ihn, das bewunderte ich sofort an ihm. Was mochte dieser Mann wohl erlebt haben, seit er an Lepra erkrankte? Wollte ich das überhaupt wissen? Ja, ich wollte.

Als Tingla zurückkam, trug er umständlich eine Baumwolltasche in den Händen. Ohne Finger konnte er die Henkel nicht richtig greifen. Er reichte sie mir mit der Bitte, den Inhalt auszupacken. Also steckte ich die Hand vorsichtig in diese vor Schmutz stehende Tasche und zog mit den Finger- spitzen eine dicke Papierrolle hervor. Als ich die Blätter entrollte, breitete sich ein Meer aus Farben vor mir aus.

„Die habe ich gemalt“, verkündete Tingla mit stolzgeschwellter Brust. Die Bilder waren lebendig, farbenfroh und phantasievoll, ganz und gar indisch. Ich schaute ungläubig auf seine Fingerstümpfe. Er muss meine Gedanken gelesen haben, denn sogleich demonstrierte er mir, wie er sich einen Bleistift oder Pinsel in den Handteller legt und mit einem Stoffrest dort fixiert. So könne er zeichnen. Großartig, ich taufte ihn artist man und war schwer beeindruckt. „Aber jetzt kann ich nicht mehr zeichnen, ich habe kein Papier und keine Stifte mehr“, sagte er. Sofort versprach ich Abhilfe, damit er weitermalen könne. Feuer und Flamme für diesen Plan verabredeten wir uns für den folgenden Tag.

Ich beschloss nun zu gehen, außerstande, noch mehr von dieser mir so neuen Welt aufzunehmen. Doch ich fühlte, dass hier etwas Besonderes begann. Dass ich die Gelegenheit hatte, in eine Lebenswelt zu blicken, die eine junge Frau aus dem Westen sonst nicht zu Gesicht bekommt. Ich hatte Angst davor. Und ich freute mich darauf.