ENTSCHEIDUNG EINES AUGENBLICKS

„Zum ersten Mal begegnete ich Leprakranken in Benares – während einer Rucksackreise. Sie bettelten am Straßenrand, von der Gesellschaft ausgestoßen. Ihre Lage wirkte hoffnungslos, als warteten sie auf den Tod. Ich saß mit Bauchschmerzen auf einer Treppe und konnte nicht weiterlaufen. Da kam ein alter, weißhaariger Leprakranker und fragte, ob er mir helfen könne. Mir verschlug es die Sprache: Ich war die Touri- stin mit Geld in der Tasche – eigentlich hätte ich ihm Hilfe anbieten müssen.

Er schenkte mir einen liebevollen Blick, der mich in Herz und Seele traf und berührte segnend meinen Kopf. Ich hatte keine Angst vor dieser Berührung, obwohl ich damals noch nicht wusste, ob ich mich mit Lepra anstecken könnte. Er sandte mir so viel menschliche Wärme zu, dass ich etwas später weitergehen konnte.

Am nächsten Tag suchte ich diesen Mann auf, um ihm ein paar nützliche Dinge zum Dank zu schenken. Als ich fragte, wie er hieße, antwortete er: „Kind, seit 14 Jahren hat niemand mehr nach meinem Namen gefragt, warum willst du ihn jetzt wissen?“ Musafirs Aussage hat mich nicht mehr losließ.

Ich begann, mich jeden Tag mit ihm und seinen Leidensge- fährten zu treffen.Die Freude, dass ich mich für sie interes- sierte, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. So verging eine Zeit.. Ich lernte mit Musafirs Hilfe meine ersten Wörter in Hindi und hatte bereits eine freundschaftliche Beziehung zur ganzen Gruppe aufgebaut: Manche ernannten sich zu meinem Großvater, zu meinem kleinen Bruder oder Schwester.

Eines Tages sammelte die Polizei plötzlich alle leprakranken Männer ein und sperrte sie auf einen Lastwagen. Die Polizisten erklärten, dass Betteln illegal sei und die Männer ins Gefängnis gebracht würden. Ich hatte Angst, dass ich sie nicht wieder sehen würde und ihnen etwas zustoßen könnte.

Es war die Entscheidung eines Augenblickes: Wenn es mir ernst war, dass sie meine Brüder seien, dann durfte ich sie nicht schutzlos ihrem Schicksal überlassen. So stieg ich zum Entsetzen der Polizisten mit auf den Lastwagen. Sie befahlen mir, wieder auszusteigen – doch ich blieb. Als wir losfuhren, folgten uns hunderte Menschen auf Fahrrädern. Einige beschimpften mich, andere riefen „God bless you“.

Wir fuhren stundenlang durch die Stadt und sammelten weitere Bettler ein. Dann wurden sie in einem Lager inhaftiert. Einige baten mich, Telegramme an ihre Familien zu senden, dass sie noch lebten, doch erst einmal kein Geld senden könnten. Denn sie verschicken fast ihr ganzes erbetteltes Geld, damit Frau und Kinder im Dorf überleben können. Monate versuchte ich alles, um ihre Gefangenschaft zu beenden, ging zum Bürgermeister, Magistrat und obersten Richter von Benares, und nahm mir einen indischen Anwalt. Doch die Angelegenheit gestaltete sich als äußerst schwierig.

Eines Tages schließlich wurde ich interviewt und der Artikel erschien in fast jeder indischen Zeitung. Daraufhin wurden die Bettler in kleinen Gruppen entlassen. Wieder frei, baten sie mich inständig, nicht in mein Land zurückzukehren. Zur gleichen Zeit begegnete ich einer Schweizer Ärztin, die mich aufklärte, dass Lepra heilbar sei und mir 100 Dollar schenkte. Diese 100 Dollar wurden zum Grundstein meines Projektes und ich startete mit der Hilfe einer westlichen Krankenschwester die erste Straßenklinik für Leprakranke und ihre Kinder.“ 

Stella Deetjen