Ticket in ein neues Leben
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Projektpaten von Back to Life,
herzliche Grüße zum 4. Advent.
Manche Lebenswege verändern sich durch ein einziges Ereignis – nicht, weil es außergewöhnlich ist, sondern weil Hilfe fehlt. So auch der Weg von Dinesh Bista aus den Bergen von Mugu in West Nepal. Gerne berichte ich Ihnen heute, was möglich wird, wenn Unterstützung verlässlich bleibt.
Odyssee über einen 3.700 Meter Pass
Es beginnt mit einem Armbruch, der erst harmlos wirkt, aber wegen fehlender medizinischer Versorgung in den Bergen Nepals zur tödlichen Gefahr wird. Als sich Dineshs Arm verfärbt und der Geruch einer schweren Infektion einsetzt, beginnt für ihn und seinen Vater eine wahre Odyssee. Tagelang trägt der Vater seinen Sohn über schmale Bergpfade von einem abgelegenen Krankenhaus zum nächsten. In Mugu gibt es keinen Arzt und um in die Nachbarprovinz Jumla zu gelangen, überqueren sie einen 3.700 Meter hohen Pass zu Fuß Doch auch dort können sie dem Jungen nicht helfen.
Schließlich bleibt als letzte Hoffnung nur das Tiefland. Nach einer quälenden Busfahrt, die einen ganzen Tag dauert, erreichen sie Nepalgunj. Dort besteht nur eine Möglichkeit, Dineshs Leben zu retten: die sofortige Amputation seines rechten Arms. Dinesh ist sieben Jahre alt.
Ticket in ein neues Leben
Als Dinesh nach Hause in sein Bergdorf zurückkehrt, ist nichts mehr wie vorher. Es hat 10 Monate gedauert, bis sein Stumpf verheilt war, er hat fast ein ganzes Schuljahr verpasst und muss mühsam lernen, mit der linken Hand zu schreiben. Seine Mitschüler und selbst seine früheren Freunde grenzen ihn aus und verspotten ihn. Für ein Kind mit frischen körperlichen und seelischen Wunden ist dieses Umfeld ohne Ressourcen, ohne Schutz und ohne Verständnis ein täglicher Kraftakt, den es auf Dauer nicht durchhalten kann. Das Back-to-Life-Team lernt Dinesh 2021 kennen, als wir in seiner Region ein Trinkwasserprojekt und Apfelbaumplantagen anlegen. Seine Eltern nehmen am Programm zur Einkommensförderung teil. Das ist der Wendepunkt: Back to Life bietet der Familie langfristige Förderung und Unterstützung an. Plötzlich steht die Tür nach Kathmandu für den mittlerweile 14-jährigen Jungen offen – für medizinische Hilfe, eine gute Schule, ein betreutes Wohnheim. Echte Chancen statt Diskriminierung. Für einen Jungen, der nie zuvor ein Flugzeug gesehen hat, ist allein die Reise in die Hauptstadt ein kleines Wunder.
In Kathmandu sorgen wir zunächst für die Anpassung einer Armprothese. Doch damit beginnt für Dinesh die nächste Herausforderung: Unterricht auf Englisch, eine laute Großstadt, Fremde überall, Heimweh, Unsicherheit. Trotzdem lässt er sich nicht entmutigen. Lehrer übersetzen für ihn, er findet Freunde – und langsam verwandelt sich das Fremde in ein echtes Zuhause. Seine Freunde nennen ihn die „Seele des Kinderwohnheims“, die Betreuer beschreiben ihn als verantwortungsvoll und hilfsbereit. Seine große Leidenschaft ist Fußball im Schulteam.
Festes Ziel vor Augen
Schritt für Schritt erarbeitet sich Dinesh seinen Weg und schließt stolz die Mittlere Reife ab. In diesem Jahr folgt der nächste große Erfolg: Er besteht das Abitur mit der sehr guten Note B+. Wir unterstützen ihn daraufhin aktiv dabei, sich über Berufsmöglichkeiten zu informieren. Er besucht die Universität, hört in Vorlesungen verschiedener Fachrichtungen hinein und findet schnell Klarheit. Mit entschlossener Ruhe bereitet er sich auf den landesweiten Central Management Admission Test (CMAT) vor und besteht. Damit öffnet sich für ihn der Weg ins BBA-Studium (Bachelor in Business Administration) der Tribhuvan University in Kathmandu. Was den heute 18-jährigen auszeichnet, sind nicht allein seine schulischen Erfolge – es ist seine Haltung zum Leben. Während viele Gleichaltrige ein Managementstudium beginnen, um später im Unternehmenssektor Karriere zu machen, denkt Dinesh anders. Sein Ziel ist, die anspruchsvolle Lok-Sewa-Prüfung des nepalesischen öffentlichen Dienstes zu bestehen. Für ihn ist Bildung nicht einfach ein Weg zu einem sicheren Job. Sie ist seine Vorbereitung darauf, eine Stimme für jene zu sein, die sonst kaum jemand hört.
„Ich möchte dort wirken, wo Entscheidungen das Leben von Menschen wie mir verbessern können, besonders für diejenigen in den abgelegenen Gebieten“, sagt er lächelnd, aber unbeirrbar.
Denn Dinesh weiß genau, wo er herkommt. Jahr für Jahr reist er während der Schulferien nach Mugu zurück und verbringt sie bei seiner Familie im Dorf. Wir unterstützen ihn dabei, damit die Verbindung zu seinen Eltern und zu seiner Heimat eng bleibt. Sie sind sehr stolz auf ihn. Denn ihr Sohn weiß auch, wo er hinwill.
Helfen Sie mit, Zukunft möglich zu machen
Dineshs Weg zeigt eindrücklich, was langfristige Begleitung bewirken kann – leise, verlässlich und mit nachhaltiger Wirkung. Sein Studium hat in diesem Wintersemester begonnen. Gerne begleiten wir ihn weiter und berichten Ihnen davon.
Gemeinsam können wir noch vielen Menschen beistehen, liebe Freundinnen und Freunde.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben einen besonderen zweiten Advent,
Ihre / Eure
Tara Stella Deetjen