Saruli – unbedingter Lebenswille

Ihre Corona-Odyssee von Indien zurück nach Nepal

Wenn die Kinder in der Schule tanzen und singen, war die 11-jährige Saruli aus Mugu voller Freude dabei, wenn sie nicht gerade Holz sammeln oder das kleine Feld der Eltern vor den wilden Affen beschützen musste. Denn leider war sie oft mehr mit ihren Pflichten beschäftigt, als sie Zeit für die Schule aufbringen konnte – ein klassisches Mädchenproblem in den armen Bergregionen Nepals. Das Tanzen machte Saruli jedenfalls großen Spaß. So verkleidete sie sich zu Hause an einem Winterabend im Dezember 2011 mit dem Sari ihrer Mutter und tanzte. Doch Saruli kam der offenen Feuerstelle zu nah und plötzlich stand ihre gesamte untere Körperhälfte in Flammen. Der Nylonstoff brannte sich innerhalb von Sekunden tief in die Haut von Beinen, Po und der Hüfte ein.

RETTUNG IN LETZTER MINUTE | Ab diesem Moment begann eine Leidensgeschichte, die wir uns hier in Mitteleuropa kaum vorstellen können. Die Familie trug das schwerverbrannte Mädchen zum einzigen Krankenhaus der Bergregion Mugu – einen ganzen Tagesmarsch entfernt. Doch dort konnte dem Kind niemand helfen. Es waren keine Ärzte da, es gab keine Medikamente – noch nicht einmal zur Schmerzlinderung. Die Hoffnung sank, dass Saruli das überhaupt überleben könnte. Als unser Team in Mugu von dem Unglück erfuhr, beschlossen wir, sofort zu helfen und Saruli nach Kathmandu auszufliegen. Da aber die nahegelegene Landepiste wegen Wintereinbruchs bereits gesperrt war, blieb nur die weit entfernte Landebahn in der Nachbarregion Jumla. Es folgte eine zweitägige Tortur für alle. Sarulis Vater und sieben weitere Männer trugen unter extremen Kraftanstrengungen das schwer leidende und vor Schmerzen immer wieder bewusstlos werdende Mädchen auf einer Trage – bergauf, bergab, über unbefestigte, eisige Bergkämme in über 4.000 m Höhe. Endlich in Jumla angekommen zu sein, bedeutete jedoch noch nicht die Rettung. Erst flogen mehrere Tage wegen Schneefalls gar keine Flugzeuge. Dann landete endlich eines, doch die lokale Fluggesellschaft weigerte sich, das schwerverletzte Mädchen mitzunehmen, es könne schließlich nicht sitzen. Also buchten wir kurzerhand die gesamte Sitzreihe und Saruli wurde liegend transportiert.

UNVERZAGT UND TAPFER | 9 Tage nach dem Unfall kam das schwerverletzte Kind endlich in eine Spezialklinik für Verbrennungen. 108 Tage verbrachte Saruli in verschiedenen Krankenhäusern in Kathmandu und wurde dabei unzählige Male operiert. Unser Team begleitete das tapfere Mädchen bei jedem Schritt. Das kleine Wunder geschah: Saruli überlebte, konnte langsam wieder laufen und kehrte schließlich in die Berge nach Mugu zurück, wo sie unter großer Freude und dem Staunen der Dorfgemeinschaft begrüßt wurde. Voller Eifer nahm sie auch die unterbrochene Schulausbildung wieder auf. Als ich Saruli ein Jahr später in Mugu wiedertraf, war ihr Leben schon fast wieder wie vor dem Unfall. Sie konnte sich weitgehend uneingeschränkt fortbewegen und besuchte die Schule regelmäßig. All das aufgrund ihrer großen Disziplin: sie macht jeden Tag ihre Übungen, cremt die vielen Stellen ein, trägt Spezialkleidung gegen die wulstige Narbenbildung und vieles mehr. Über die nächsten Jahre lässt Saruli tapfer noch viele Operationen über sich ergehen; sie ist so glücklich, ihr Leben zurückbekommen zu haben. Das Beeindruckende an ihr ist: sie ist unverzagt.

FAMILIENGLÜCK | Als Saruli volljährig wurde, heiratete sie ihre große Liebe, einen jungen Mann, der aus ihrem Heimatdorf stammt. Wir freuten uns sehr für sie, da eine echte Liebesheirat für Hindus eher selten ist, meist werden die Ehen arrangiert. Das junge Glück funkelte aus ihren Gesichtern und wurde bald darauf mit der Geburt eines Sohnes gekrönt. Im Mai 2018 brachte Saruli einen gesunden Jungen auf die Welt, den sie Prakesh nannte, das Licht.

FALSCHE GLÜCKSVERSPRECHUNGEN | Da die Lebenssituation der Menschen in Mugu aber sehr schwer ist, die kleinen Terrassenfelder der Familien zu wenig hergeben, entschieden sich Saruli und ihr Mann – wie viele andere auch – ihr Glück in Indien zu versuchen. Sie wanderten 2019 aus, in der Hoffnung, dort genügend Geld zu verdienen, um bald zurückkehren zu können und sich ein bescheidenes, aber gutes Leben, auch für die Kinder, aufzubauen. Mit ihrem Kleinkind Prakesh machten sie sich auf den Weg und landeten schließlich in Bhimtal in Uttarakhand, einem kleinen indischen Ort. Da beide keine spezifische Ausbildung haben, blieb ihnen nur die Arbeit auf dem Bau. Jeder Tag war anstrengend und so schlecht bezahlt, dass die Familie sich nicht einmal ein Zimmer leisten konnte. Sie bauten sich eine temporäre Behelfsunterkunft aus einer Plane und lebten von der Hand in den Mund. Als Saruli zum zweiten Mal schwanger wurde, konnte sie die harte Arbeit auf dem Bau nicht mehr bewältigen und das Geld, das ihr Mann verdiente, reichte hinten und vorne nicht.

CORONA UND KEIN WEG FÜHRT NACH HAUSE | Und dann kam Corona. Sarulis Mann verlor seine Arbeit und suchte jeden Tag auf dem Markt nach irgendeiner Möglichkeit, Geld zu verdienen oder an Nahrungsmittel zu kommen. Neben den Geldsorgen hatte die Familie große Angst, dass er sich dabei infizieren könnte. Es gab Tote, man hörte an allen Ecken davon und es war klar, wenn es ihn treffen würde, wäre die Familie nicht mehr zu retten. Die Ausreise nach Nepal war nicht gestattet, beide Länder waren im kompletten Lockdown und abgeschirmt. Das Ehepaar konnte nur bangen und abwarten. Als nach Monaten die Arbeit wieder aufgenommen werden konnte, durfte Sarulis Mann nicht weiterarbeiten, da sie keine der sehr knappen Schutzmasken ergattern konnten. Zusätzlich verschärfte sich die Lage der Nepalis in Indien, der Umgangston wurde immer rauer – alle hatten einfach Angst vor dem Virus und um ihre Existenz. Am 17. August kam Saruli trotz aller Widrigkeiten in einem öffentlichen Krankenhaus nieder. Ihren gesunden Sohn hat sie Shankar genannt, in der Hoffnung, dass der göttliche Name ihn schützen möge.

NUR MIT SCHMIERGELD ÜBER DIE GRENZE | Zum Zeitpunkt der Geburt des kleinen Shankar hatte die Familie fast alle Ersparnisse aufgebraucht und es gab eigentlich nur noch einen Weg, um nicht am Straßenrand zu enden: zurück nach Mugu. Sie taten sich mit anderen aus der Heimat zusammen und traten zu zehnt mit dem Kleinkind und dem Neugeborenen die Reise an. Die nächste Odyssee in Sarulis Leben war wieder extrem beschwerlich. An manchen Tagen hatten sie nichts zu essen, der Kleine schrie vor Hunger. Die Grenzsoldaten wollten sie zuerst nicht durchlassen, ließen sich von der Gruppe dann mit 10.000 Rupien bestechen. Endlich konnten sie die Grenze passieren. Sarulis Ehemann machte Schulden bei den Mitreisenden. Und es ging genauso weiter, das Geld war knapp, die Transportmöglichkeiten viermal teurer als sonst, die Provinzen gesperrt. Mit negativen PCR-Tests konnten sie weiterreisen, wurden wieder angehalten, mussten im Nirgendwo für 2 Wochen in Quarantäne – ein endloser Weg, der kein Ende zu nehmen schien. Hunger und die ständige Angst vor Ansteckung begleiteten sie dabei jede Minute.

ZUM ZWEITEN MAL ÜBERLEBT | Völlig entkräftet erreichte Saruli schließlich Ende September mit ihrer Familie nach wochenlanger Reise und langen Fußmärschen durch die Berge ihr Heimatdorf. Auch bei uns kam die frohe Nachricht an und wir sind schon bald mit Hilfen in Sarulis Dorf gekommen, um die Heimkehrer zu begrüßen und den (Wieder-) Anfang der kleinen Familie zu erleichtern. Wir brachten zuerst das Nötigste wie Nahrungsmittel, Babyausstattung und Kleidung für die Kleinen und sprachen dann mit Saruli über eine sinnvolle Einkommensförderung.

SARULI IST UNTERNEHMERIN – ES GEHT BERGAUF | Nun ist ihr großer Traum wahr geworden: Saruli hat vor wenigen Wochen eine Schulung in Buchführung erhalten und einen Laden für Kurzwaren in ihrem Dorf eröffnet. Sie ist jetzt Unternehmerin und voller Tatendrang, damit nicht nur die Menschen in der Umgebung versorgen zu können, sondern auch ihre Familie zu ernähren. So beschwerlich der Weg war, Saruli hat nie ihr ansteckendes Lachen und ihre Unverzagtheit verloren –Gaben, die ihr sicher immer wieder den Weg ebnen werden. Wir bleiben an ihrer Seite und helfen gerne weiter.

von Stella Deetjen

WIE EINE SONNE GEHT DAS GLÜCK

ÜBER MEINEM LEBEN AUF. UNSER LADEN

LÄUFT GUT UND DAS SCHÖNSTE IST: WIR

KÖNNEN ZUHAUSE IN MUGU BLEIBEN.“

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