Geburtshäuser für Mugu in Nepal

Stella Deetjen erzählt die Geschichte von Sushila, die den Bau von Geburtshäusern zu Back to Lifes Herzensaufgabe machte. Ohne diese Begebenheit gäbe es unsere 15 Geburtshäuser heute wohl nicht.

Als ich 2009 das erste Mal in das Dorf Loharbada kam, wollte ich so viel wie möglich über das tägliche Leben der Frauen aus erster Hand erfahren. Es war der Anfang unserer Projektarbeit in den Bergen von Mugu. Sushila belagerte mich sofort und hörte gar nicht mehr auf zu erzählen. Wir stellten fest, dass wir fast das gleiche Alter haben, beide Mütter sind und sie ließ mich teilhaben an ihrem harten Alltag. Vom Wasserholen, der schweren Feldarbeit, ihrem kargen Zuhause ohne jegliche Besitztümer außer den wichtigsten Notwendigkeiten, zeigte sie mir alles bereitwillig.

Sushila beeindruckte mich sofort tief im Herzen durch ihre Stärke, ihr Selbstbewusstsein und ihren großartigen Humor.

Natürlich lernte ich sogleich auch ihren Mann kennen, Jor Singh Nepali, eine ebenso charismatische Erscheinung wie sie selbst. Die beiden passten prima zusammen und ich genoss die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten. Jor war Schamane, trug eine wilde, knielange Haarpracht, die er unter einem Turban bändigte. Ihm stand der Schalk in den Augen, gemeinsam lachten wir über so Vieles. Sie luden mich wieder und wieder in ihr Häuschen ein, wo wir gemeinsam am offenen Feuer kochten, obwohl sie selbst kaum genug hatten, um satt zu werden. Besser hätte ich die echten Lebensumstände nicht kennenlernen können.

Schöne, unvergessliche Momente

Sie erzählten mir, wie sie sich kennengelernt hatten, ihre Ehe war eine für die Kultur eher untypische Liebesheirat, das merkte man auch.

„Als ich mich in Jor verliebte, weil er so klug und humorvoll war, waren wir uns nicht sicher, ob unsere Eltern den Segen für eine Heirat geben würden. Ich wusste aber, dass ich nur ihn zum Mann haben wollte. Also liefen wir gemeinsam davon und kehrten erst ein paar Monate später ins Dorf zurück. Schließlich durften wir dann offiziell zu Mann und Frau werden. Wir waren arm und es gab kaum Verdienstmöglichkeiten in Mugu. Also beschloss Jor, nach Indien zu gehen, um genügend Geld für ein kleines Häuschen zu verdienen. Ich konnte mir nicht vorstellen, alleine zurückzubleiben, ich war erst 19 Jahre alt und ich wusste, ich würde ihn zu sehr vermissen. Also überredete ich ihn, mich mitzunehmen auf diese Reise ins Ungewisse. Insgesamt blieben wir für 9 Jahre im Chamoli Distrikt in Uttarakhand in Indien und arbeiteten hart als Tagelöhner, als sogenannte „Kulis“, im Straßenbau und auf Baustellen. Es gelang uns, das verdiente Geld zu sparen, obwohl ich zwischendurch zwei Kinder gebar, die uns zur Familie machten. Als wir nach Mugu zurückgingen, konnten wir uns ein kleines Häuschen bauen. Jor verdiente als Schamane der Dalits nicht genug und arbeitete als Handwerker und Maurer, er hatte diese Fertigkeiten in Indien gelernt. Ich wiederum trug die Lasten und Güter, die die kleinen Flugzeuge in die Berge brachten nach Gamgadhi und in die umliegenden Dörfer und so konnten wir zumindest überleben. Unsere Ehe war glücklich und wir bekamen zwei weitere Kinder.“

Ich war davon berührt, wie offen die beiden mir gegenüber waren. Jor beantwortete auch geduldig meine Fragen, die ich über den Schamanismus in Mugu hatte und holte abends oft die große Trommel hervor, auf der er wie in Trance spielte. Diese schönen Momente werde ich nie vergessen.

Geburten im Kuhstall

Dann folgte das entscheidende Gespräch, das unser aller Leben verändern sollte und auch Back to Life ein neues Kapitel aufschlagen ließ. Als ich fragte, wo denn das vierte Kind sei, antwortete Sushila wie selbstverständlich: „Das ist gestorben, als ich es im Wald zur Welt brachte. Wie so viele andere Kinder in Mugu auch.“ Ich erfuhr, dass die Frauen aufgrund einer Geisterfurcht nicht im Haus gebären dürfen und deshalb in den Wald oder den Kuhstall ausweichen müssten. Ich konnte es kaum glauben, da hatte mich Sushila schon bei der Hand gepackt und zog mich in einen dieser engen dunklen und vollgekoteten Kuhställe, in dem tatsächlich die Frauen für 20 Tage verschwinden und ihr Kind ohne weitere Hilfe allein und schutzlos unter den schlimmsten Bedingungen zur Welt bringen müssen. Ich war fassungslos. Darüber hatte vorher noch keiner im Dorf gesprochen. Sushila brachte mich zu einer Schwangeren, die kurz vor der Geburt stand und ich sah die große Angst und den Schrecken vor der Geburt in ihren Augen. Es darf nicht sein, dass die Mütter hier tierähnliche Geburten durchleiden müssen, das wollte ich ändern. Jede Familie war davon betroffen, manche haben die Mutter, andere die Neugeborenen dadurch verloren. Doch mir war gleichzeitig klar, dass ich als Außenstehender nicht an alten Traditionen rütteln oder verlangen konnte, mit diesen zu brechen.

Möchten Sie die Erfolgsgeschichte der Geburtshäuer mit uns weiterschreiben? Werden Sie ein Teil davon und übernehmen Sie eine Geburtshaus-Patenschaft, damit in Nepal Geburten im Kuhstall bald endgültig der Vergangenheit angehören.

Geburtshäuser sind die Lösung

Mit Dikendra, Programmdirektor, und Achyut, Finanzdirektor bei Back to Life Nepal, beriet ich mich ausgiebig, um eine tragbare Lösung zu finden. Nach langen Gesprächen mit Sushila, Jor und anderen Dorfbewohnern, formte sich eine Idee in meinem Kopf. „Wie wäre es, wenn wir ein Geburtshaus bauten?“, fragte ich sie. „Würdet ihr den Frauen erlauben, es zu nutzen? Sie würden ja nicht zuhause bluten und damit auch keine Geister erzürnen.“ Sogleich machten wir uns auf den Weg zum alten Schamanen, der nach reiflicher Überlegung schließlich sein Einverständnis gab, solange wir keine Götterfigur ins Geburtshaus stellten. „Das haben wir sowieso nicht vor, da die Arbeit von Back to Life weder religiös oder missionarisch noch politisch motiviert ist. Wir möchten lediglich den Menschen helfen, sich aus der Not und Armut zu befreien durch unsere Programme“, antwortete ich.

Frauen vor Back to Lifes erstem Geburtshaus

Den Rest der Geschichte, liebe Spender und Freunde, haben Sie in den vergangenen 13 Jahren selbst mitverfolgen können und viele von Ihnen haben Anteil genommen. Über 2.400 Kinder konnten in unseren bisherigen 15 Geburtshäusern über ganz Mugu geboren werden.

Sushila, ein Mutter und ihr Neugeborenes vor dem ersten Back to Life Geburtshaus in Loharbada.

Ein schwerer Schlag für Sushila

Sushila wurde Vorsitzende des Geburtshauskomitees in Loharbada und arbeitete für einige Jahre mit unserem Team zusammen als Motivatorin, d.h. sie zog los in die umliegenden Dörfer, um die Kunden der Geburtshäuser dorthin zu tragen. Das ist heute gar nicht mehr nötig.

Immer wenn ich nach Mugu kam, freute ich mich darauf, Sushila und Jor zu besuchen. 2018 musste Sushila leider einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Ihr geliebter Mann Jor verstarb ganz plötzlich, er hatte zuvor öfters über Lungenschmerzen geklagt. Für mehrere Monate war Sushila kaum ansprechbar, der Verlust war ihr wie ins Gesicht gemeißelt und schien die starke und ehemals so lebenslustige Frau zu brechen. Einer ihrer Söhne nahm sie schließlich auf und Stück für Stück ging es ihr besser. Ihre beiden Enkel, mit denen sie jetzt zusammenlebt, gaben ihr den Lebensmut zurück. Sushila ist bereits Großmutter von insgesamt fünf Enkelkindern, das hat sie mir eindeutig voraus.

Sushila hat den Stein ins Rollen gebracht und gemeinsam haben wir für so viele Frauen Mugus eine Revolution eingeleitet. Zwei Drittel der Frauen in dieser abgelegenen Bergregion haben nun Zugang zu einer sicheren Geburt dank der Geburtshäuser.

Damit Sushila wieder auf eigenen Beinen stehen kann, erhielt sie von Back to Life eine Einkommensförderung. In ihrem Dorf betreibt sie einen kleinen Laden für Kurzwaren, den wir ihr eingerichtet haben. Die Trauer um ihren Mann wird sie immer spüren, doch sie ist wieder aufgestanden.

Wiedersehen macht Freude: Sushila und Stella 2019 in Mugu.

Sushila hat den Stein ins Rollen gebracht und gemeinsam haben wir für so viele Frauen in Mugu eine Revolution eingeleitet. Zwei Drittel der Frauen in dieser abgelegenen Bergregion mit 67.000 Einwohnern haben nun Zugang zu einer sicheren Geburt dank der Geburtshäuser.

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