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19.12.2011

Health Camp für die vergessenen Frauen Mugus

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Zwischen dem 23. und 27. November führte Back to Life ein fünftägiges Health Camp in der Bergregion Mugu (West-Nepal) durch. Wir behandelten mehr als 800 Notleidende, boten ihnen akute medizinische Hilfe an, sowie nachhaltige Aufklärung über Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen. Den Fokus setzten wir auf die gynäkologischen Behandlungen und damit auf die medizinischen Bedürfnisse und die dramatische Notlage der Frauen. Diese leiden besonders schwer unter der mangelnden medizinischen Grundversorgung, dem harten Lebensalltag und den katastrophalen Bedingungen, unter denen sie ihre Kinder gebären müssen. Aufgrund eines Aberglaubens müssen gebärende Frauen in Mugu das Haus für 20 Tage verlassen und die Säuglinge im Kuhstall oder in Erdlöchern im Wald auf die Welt bringen, oft auch bei Minusgraden. Auch wenn der Schwerpunkt des Health Camps auf Frauen ausgerichtet war, versorgten wir natürlich gleichermaßen alle notleidenden Kinder und Männer.

Um einen reibungslosen und möglichst effizienten Ablauf eines Health Camps in dieser Größenordnung zu bewerkstelligen, gingen wochenlange intensive Vorbereitungen voraus, sowohl in Kathmandu, als auch in den von uns betreuten Projektdörfern:
In der Hauptstadt Nepals galt es, vorab die notwendigen bürokratischen Papiere und Erlaubnisse von allen behördlichen Instanzen einzuholen und ein professionelles sowie einsatzbereites Ärzteteam zu finden, das sich bereit erklärte, unter wahrlich harten Bedingungen ihre Hilfe zu leisten. Da es in Mugu außer Berg- und Trampelpfaden keine ausgebauten Straßen oder irgendwelche Verkehrsmittel gibt, müssen die Ärzte zu ihrem Einsatzort laufen und auch bereit sein, die Tage und Nächte in den Bergen unter einfachsten primitiven Bedingungen zu verbringen (dies betrifft vor allem Unterbringung und Mahlzeiten sowie Waschmöglichkeiten und Toiletten). Außerdem haben unsere Projektmanager in Zusammenarbeit mit den Ärzten die notwendigen Medikamente und medizinischen Instrumente besorgt und den Transport in die abgelegene Bergregion organisiert.

Wir gewannen vier nepalesische Ärzte aus den angesehendsten Krankenhäusern Kathmandus – Prof. Dr. Heera Tuladhar und Dr Sarita Ghimire (Fachärztinnen für Gynäkologie und Krebserkrankungen) und Dr. Sanjeev Chaudrary und Dr. Sabina Rai (Allgemeinmediziner/in) für unser Vorhaben.

Unter der Leitung unserer beiden Projektmanager Dikendra und Achyut haben die Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisationen die Bewohner in den von uns betreuten weiträumigen Projektgebieten - insgesamt 36 Dörfern mit mehr als 13.000 Menschen - durch Kundgebungen und Plakate vorab wochenlang informiert und mobilisiert. Um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, haben unsere Mitarbeiter alle Notleidenden vorher in Listen eingetragen und entsprechend zugeordnet, so dass sich der Andrang der Patienten gleichmäßig auf die fünftätige Dauer verteilte.

Doch die Nachricht des Health Camps und somit die Aussicht auf echte medizinische Hilfe verbreitete sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda auch über die von uns betreuten Dörfer hinweg aus. Viele Menschen nahmen einen bis zu drei Tage langen Fußmarsch über Berg und Tal auf sich, um erstmals die Chance wahrzunehmen, von einem ‚echten Arzt’ betreut zu werden.

Als Ort des Health Camps durften wir die -ansonsten meist ungenutzten und leerstehenden- Räumlichkeiten des Gamghadi Krankenhauses nutzen. Über 30 Mitarbeiter unseres Teams halfen tatkräftig mit, die oft mehr als 200 Patienten pro Tag zu versorgen. Nachdem jeder Patient registriert wurde, folgte die Erfassung von Grunddaten wie Gewicht, Alter und Blutdruck. Anschließend leisteten die beiden Allgemeinmediziner notwendige Voruntersuchungen und klärten über Hygiene- und allgemeine Gesundheitsmaßnahmen auf oder beantworteten Fragen zur Familienplanung. Ein Mann wollte z.B. wissen, ob seine Frau von einer merkwürdigen Krankheit befallen sei, weil sie nur Mädchen zur Welt brachte. Wenn das so sei, sagte er, dann würde er sich nämlich neu verheiraten, weil er einen männlichen Nachkommen bräuchte.

Die Härtefälle wurden an unsere beiden Spezialistinnen für weitere Untersuchungen und Behandlungen verwiesen. Für alle Patientinnen haben wir gewährleistet, dass ihnen auch nach Ablauf des Health Camp, im Laufe der nächsten Monate, ausreichend Medikamente zur Verfügung stehen. Weil der Andrang und die Not so groß waren, mussten wir gleich zweimal ein Kontingent an Medikamenten aus Kathmandu nachbestellen, welche extra eingeflogen wurden.

Das Leid, das sich uns während der Dauer des Health Camps offenbarte, lässt sich in manchen Fällen kaum in Worte fassen. Selbst die bereits durch ihren Einsatz in anderen entlegenen Regionen Nepals erfahrenen Chefärztinnen waren von der Not dieser Menschen nachhaltig tief berührt.

Ohne professionelle, ärztliche Hilfe und Aufklärung greifen die Bergbewohner in ihrer Verzweiflung, ihrem Schmerz und ihrer Unwissenheit zu den grauenvollsten Abhilfen. Bei üblichen Beschwerden, wie zum Beispiel Gastritis, wenden sich die Kranken üblicherweise an den lokalen Wunderheiler, der die Krankheit durch das Auflegen von glühenden Steinen oder Metallgegenständen auf die Bauchdecke zu kurieren versucht. Der kurzfristige Schmerz des verschmorenden Fleisches lässt das eigentliche Leiden für wenige Minuten vergessen, doch heilt es nicht. Diese Praxis wird bei Frauen, Männern und Kindern jeglichen Alters angewandt. Manche Patienten zeigten uns bis zu vierzig tiefe und hässliche Verbrennungsnarben.

Zweifelsohne sorgt der traditionelle wie grausame Brauch, dass die Frauen aufgrund ihrer vermeintlichen Unreinheit während ihrer Periode oder während der Kindsgeburten diese Zeit im Kuhstall verbringen müssen, zu langfristigen, unbehandelten Infektionen und schwerwiegenden Komplikationen im Vaginalbereich. Viele Frauen litten bereits jahrelang an den durch unhygienische Bedingungen verursachten Erkrankungen, wagten dies aber nicht ihren Familien mitzuteilen, da sie Angst haben, verstoßen zu werden. Die meisten Frauen haben unter diesen katastrophalen Bedingungen bereits mindestens ein Kind verloren. Jedes Dorf kann jährlich von Frauen berichten, die an inneren Blutungen oder ähnlich fatalen Komplikationen während der Geburt gestorben sind. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeitsrate ist eine der höchsten weltweit.

Zu den häufigsten diagnostizierten Fällen zählten dementsprechend entzündliche Beckenerkrankungen (eine Infektion der weiblichen Fortpflanzungsorgane aufgrund einer aufsteigenden Infektion aus der Vagina, die sich dann über die Gebärmutter zu den Eileitern und der Bauchhöhle ausbreitet), Harnwegsinfektionen, abnormalen Gebärmutterblutungen aber auch Gastritis, Mangelernährung, Hauterkrankungen oder Wurmbefall.

Allein 40 Fälle von Uterusprolaps, also eine extreme Form der Gebärmuttersenkung, als Folge der täglichen Knochenarbeit (auch während der Schwangerschaft und unmittelbar danach) sowie häufigen Geburten, wurden diagnostiziert und behandelt.

Einen regelrechten Schock erlitt einer unserer deutschen Projektleiter, Christian Eyl, als ihm Dr. Hiera einen Fall von Brustkrebs zeigte, der seit 18 Jahren unbehandelt wucherte. Über dem Krebsgeschwür zeigte die Brust der Patientin vereiterte Narben: das Ergebnis des Versuches eines Wunderheilers, das Geschwür mit einem heißen (und nicht sterilen) Nagel aufzustechen und auszudrücken.


Jene medizinischen Härtefälle, die eine notwendige Operation oder eine langfristige komplexe Behandlung bedürfen, welche in Mugu aus Sicherheitsgründen und dem Fehlen eines eingerichteten Operationssaals nicht vorgenommen werden können, wurden registriert und wir hoffen, ihnen zu einer weiteren Behandlung in Kathmandu verhelfen zu können.

Wir danken allen unseren Spendern für Ihre weitreichende Hilfe, die uns ermöglichte, dieses Health Camp für die vergessen Frauen von Mugu zu organisieren und durchzuführen. Wir hoffen, die erschreckende Not auch in weiterer Zukunft zu lindern und mit Ihrer Unterstützung den Menschen in Mugu eine dauerhafte medizinische Grundversorgung zu gewährleisten und damit diese mittelalterlichen Lebensbedingungen verbessern zu können.

Um direkte Hilfe zu geben, können Sie eine Projektpatenschaft für Mugu eingehen, alle Infos finden Sie HIER.

Weitere Bilder zum Health Camp finden Sie hier in der Bildergalerie.

Unsere aktuelle Mugu-Dokumentation finden Sie HIER.

Vielen herzlichen Dank!