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02.06.2015

Trauma-Bewältigung - Training in Chitwan für 27 Schulen vor dem offiziellen Schulbeginn

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 „Ich weiß wirklich nicht, ob ich meine Tochter in die Schule schicken soll oder nicht? Sie hat so große Angst wieder dorthin zu gehen“, vertraute Sitamaya, Mutter eines achtjährigen Mädchens, unserem Team in Chitwan ihre Sorgen an. Wie viele andere Kinder leidet das kleine Mädchen an einem Trauma infolge der schweren Erdbeben und bis heute andauernden Nachbeben in Nepal.

Wie wir bereits vor 10 Tagen berichteten, entwickelten unsere Projektleiter mit Hilfe von Pädagogen und Psychologen ein speziell auf die Wahrnehmung von Kindern zugeschnittenes Programm, das den Mädchen und Jungen auf spielerische Weise dabei helfen soll, ihre Ängste zu verarbeiten, neues Vertrauen und eine Perspektive, sowie Lachen und Lebenslust zurückzugewinnen. Aufgrund des großen sichtbaren Erfolgs unserer Back to Life - Zeltschulen bat uns die Bezirksschulverwaltung in Chitwan, unser Programm vor dem Schulbeginn am 31. Mai auf alle Schulen in den Bezirken Piple und Korak auszuweiten, so dass die insgesamt fast 10.000 Schulkinder davon profitieren können.

Am 29. und 30. Mai, Freitag und Samstag, organisierte Back to Life mit Hilfe eines Experten für Trauma-Therapie ein zweitätiges Training für insgesamt 27 Schulen. Wir trainierten aber nicht die Schüler - sondern die Lehrer. Pro Schule nahmen zwei ausgewählte Lehrer und die jeweilige Schulleitung sowie Mitglieder der Bezirksschulverwaltung teil.

Während der Trainings werden den Lehrern auf verständliche Weise wissenschaftliche Ursachen des Erdbebens sowie weitere Informationen vermittelt. Die Katastrophe wird anhand dieser beleuchtet, gemeinsam besprochen und analysiert. Danach zeigen wir den Lehrern, wie sie diese Informationen über Erdbeben alters- und kindgerecht ihren Schülern weitergeben können. Denn Information und Wissen wirken gegen die Angst.

 


Die Lehrkräfte lernen weiterhin, ihre Schüler im Falle weiterer Beben zu den richtigen Verhaltensweisen anzuleiten. Außerdem werden sie Übungen mit den Schülern durchführen, damit diese wissen, wohin sie sich in Sicherheit bringen können.

Zudem erläutern wir ausführlich die psychologischen Folgen der Katastrophe für die Kinder. Wir zeigen Wege aus dem Trauma auf - durch Übungen und Gespräche, kreative und sportliche Spiele sowie Musik.

 



Wir führen die Programme und Übungen mit den Lehrkräften durch. Es gibt mehrere Wege, die Lehrer probieren sie während des Trainings selbst aus:
-Erfahrungsaustausch in Gruppen, Vorträge, Einzelgespräche oder speziell für die Trauma-Bewältigung entwickelte Rollenspiele und Improvisationen
-Aufschreiben von persönlichen Erinnerungen oder Malen von Bildern
-Tänze, Gesang, Musik, gemeinsame Spiele und Sport

Dabei stellte sich heraus, dass gleich den Kindern auch die Lehrkräfte noch große Ängste hegen und ihre Hilflosigkeit äußerten. Auch sie haben die Beben noch nicht verarbeitet. Das Training, die Gespräche und das gemeinsam Erlernte helfen also auch den Lehrern bei der Überwindung des Traumas. Sichtbar fiel der Druck von ihnen ab und sie nahmen die Unterstützung, die wir ihnen bieten, dankbar und motiviert an.

 



Unser Projektleiter Dikendra hat das Training mitentwickelt und in Chitwan eine Übungseinheit geleitet. Dabei erklärte er die Bedeutung des Geschichtenerzählens für Kinder bei der Bewältigung von Ängsten. Um dem Erdbeben ein anderes Gesicht zu geben, berichtete Dikendra von den weltweiten Mythen, die sich um die Entstehung von Erdbeben ranken. Mit Hilfe von Rollenspielen ließ er die Lehrer in unterschiedlichen Szenarien eintauchen- wie z.B.
•    Asien (Nepal & Indien): Die Welt wird auf den Rüsseln von vier Elefanten getragen. Die Elefanten stehen auf dem Rücken einer Schildkröte. Die Schildkröte wiederum steht auf dem Kopf einer Schlange, die wiederum auf einem großen Gewässer liegt. Wenn sich eines der genannten Tiere rührt, bewegt sich die Erde und ein Beben ist zu spüren.
•    Europa (Rumänien): Die Erde steht auf drei heiligen Säulen: Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe. Durch menschliches Fehlverhalten werden die Säulen schwächer und schwanken, so dass Erdbeben verursacht werden.
•    Afrika (Mozambique): Die Erde ist ein lebendiges Wesen. Manchmal erkrankt sie an Fieber, dann schüttelt sie sich und Erdbeben entstehen.

 



Am Ende des Trainings erhielt jeder Lehrer ein speziell für Trauma-Management zugeschnittenes Lehrbuch mit vielen Übungen, Texten, Ideen und Anregungen, die sie in den Klassen wiederholen können. Weiterhin verteilten wir Lesebücher mit schönen und pädagogisch wertvollen Kurzgeschichten sowie Buntstifte und Malutensilien - gezielt für die neuen Trauma-Übungen in den Klassen.

 


Mit großer Freude konnten wir bereits in unseren Zeltschulen beobachten, wie gut die Lehrer die von uns vermittelten Inhalte bei ihren Schützlingen umsetzen. Es ist wunderschön zu sehen, wie die Kinder in Thakaltar Gesänge und Tänze einstudieren oder malen und eifrig Geschichten erzählten - mit einem Lachen im Gesicht und strahlenden Augen.

 



Ms. Sabina, Lehrerin in Thakaltar, berichtet freudig: „Das Trauma-Training ist ein riesiger Erfolg. Ich bemühe mich sehr, das neue Wissen in unseren Klassen umzusetzen. Ich kann ganz deutlich die gewünschte Wirkung erkennen: Wenn es erst einmal ausgesprochen ist, dann vergessen die Kinder die schlimmen Erinnerungen der letzten Wochen und ihre tiefen Ängste. Das Lachen der Kinder zu sehen, ist für mich eine ganz große Erleichterung, denn ehrlich gesagt hätten wir Lehrer ohne das Training nicht gewusst, was wir zum Schulbeginn tun sollen. Wir sind für so etwas nicht ausgebildet. So hätten wir wahrscheinlich den ganz normalen Lehrplan unterrichtet, ohne den Schülern Hilfe bei der Bewältigung ihrer Ängste anzubieten. Danke Back to Life!“