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10.11.2015

Vom Erdbeben zur Versorgungskrise: Alle Räder Nepals stehen still.

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Leider haben wir diesmal keine wirklich guten Nachrichten zu vermelden – denn die Situation in Nepal ist mehr als kritisch: Eine Versorgungskrise ungeahnten Ausmaßes hat den Himalaya-Staat fest im Griff. Den Menschen fehlt es zunehmend am Nötigsten, um zu überleben.

Hintergrund: Indien hat ein Monopol als Zulieferer Nepals und blockiert seit vielen Wochen fast vollständig den Export von Kraftstoffen und anderen lebensnotwendigen Gütern in das abhängige Nachbarland – offiziell zum Schutz der eigenen Fahrer vor Ausschreitungen in Nepal. Der größte Teil der Nepalis versteht diesen Vorgang jedoch als Handelsembargo, welches als Druckmittel gegen die neu eingeführte nepalesische Verfassung eingesetzt wird. Diese ist umstritten, viele ethnische und politische Gruppierungen Nepals sehen sich in der Verfassung nicht ausreichend repräsentiert. Die Folge sind gewaltsame Proteste im südlichen Terai-Gebiet. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die einstige Monarchie und heutige Republik – seit in 2006 ein 10-jähriger Bürgerkrieg endete – bisher ohne eine Verfassung bestand. 

Indiens Blockade hat überaus ernste Folgen: Die nepalesische Wirtschaft liegt mittlerweile brach – denn von der Fabrik bis zum kleinen Geschäft kann praktisch nichts mehr beliefert werden. Ob Benzin, Gas zum Kochen, Lebensmittel, Medikamente oder Werkstoffe – es gibt so gut wie keine Vorräte mehr. Die Fabriken sind geschlossen, viele haben bereits ihre Arbeit verloren und können ihre Familien ohne Einkommen nicht mehr versorgen.

Private Autos oder Motorräder zu betanken, ist seit vielen Wochen praktisch unmöglich. Vor den geschlossenen Tankstellen finden sich kilometerlange Schlangen von abgestellten Autos und Motorrädern, deren Besitzer seit Wochen auf die nächste Lieferung warten. Um überhaupt kochen zu können, bilden sich für Petroleum Menschenschlangen um die Häuserblöcke: Kanister werden in Wartereihen gestellt – die Hoffnung, doch noch etwas zu ergattern, lässt die Menschen tagelang anstehen. Der Preis für Kraftstoffe stieg dementsprechend um ein Vielfaches. Selbst Restaurants und Hotels in Kathmandu mussten teilweise mangels Gasflaschen schließen. So wird auch der Tourismus stark beeinträchtigt: Weniger als ein Viertel der sonst in dieser Jahreszeit üblichen 250.000 Touristen werden das Land bis Saisonende besucht haben – ein enormer finanzieller Verlust für das Land.

Krankenhäusern und Apotheken gehen zunehmend die Medikamente aus. Zum Glück haben wir rechtzeitig genügend Medikamente in unsere Geburtshäuser der abgelegenen Region Mugu transportiert. Der Vorrat reicht, um den Betrieb die nächsten Monate ohne Probleme aufrechtzuhalten.

Entfernte Schulen, die oft nur per Bus erreicht werden können, bleiben seit 4 Wochen geschlossen. Ein weiterer schwerer Rückschlag für die Ausbildung von 1,6 Millionen Kindern, die bereits nach den Erdbeben auf zwei Monate Unterricht verzichten mussten. Wir sind deshalb sehr froh, dass die von uns unterstützten Schulen weiterhin geöffnet bleiben können und der Unterricht regulär stattfinden kann.

Trotz der schwierigen Situation wird Back to Life jedoch alle aktuellen Bauprojekte von Schulen und Geburtshäusern abschließen können. Verzögerungen bei geplanten weiteren Projekten sind nicht vollends auszuschließen, aber wir sind zuversichtlich, auch hier schnellstmöglich zum Ziel zu gelangen. Ein baldiges Ende der Krise ist allerdings überlebenswichtig für Nepal, sonst droht eine humanitäre Katastrophe.