UNSER ÄLTESTER JUNGE

Rahul wurde 1990 im Bundesstaat Bihar in eine sehr arme Familie geboren. Als er ca. 4 Jahre alt war, brachte ihn sein Vater nach Benares in der Hoffnung, dass der Junge dort Hilfsarbeiten ausführen und damit seinen Lebensunterhalt selbst verdienen könnte. Rahul wurde in einem Teeladen am Straßenrand beschäftigt, dessen Besitzer dem Vater umgerechnet 20 Euro gab. Der Vater kehrte daraufhin ins Dorf zurück. Rahul arbeitete Tag und Nacht für den Lohn einer Mahlzeit am Tag. Er wurde geschlagen, ausgenutzt und missbraucht. Er erlebte keine Kindheit, sondern hatte einen harten Überlebenskampf auszutragen. Als ihm die Misshandlungen zu viel wurden, flüchtete er aus diesem Teeladen und lebte fortan auf der Straße mit Bettlern. Schließlich verkaufte er Postkarten an die Touristen. Rahul ist ein unkomplizierter, eher ruhiger und gedankenvoller Junge. Während seiner Zeit im Kinderheim brachte er sich als Ältester stets gewinnbringend in die Gemeinschaft des Kinderheims ein: er kümmerte sich um die Jüngsten, stiftete - wenn nötig - Ruhe und Frieden zwischen den Jugendlichen und hatte einen Blick auf alles, was die Jungen und ihre Zimmer betraf. Oft ging er freiwillig mit den Teammitgliedern mit, die sich um Leprabetroffene kümmerten, und teilte mit ihnen zusammen Bandagen, Medikamente und Soforthilfen (Plastikplanen, Wollpullover, Decken, etc.) an die Menschen aus, mit denen er früher am Straßenrand lebte. Er kennt die Nöte am eigenen Leib.

Rahuls Trauer

Im September 2009 verstarb Rahuls Mutter nach langem Leidensweg, bei dem wir sie begleiteten. Wir versuchten alles, das Leid seiner Mutter so weit wie nur möglich zu lindern. Vor einigen Jahren nahmen sie und der Rest ihrer Familie, ebenso wie viele Nachbarn des Dorfes, an einer kostenfrei angebotenen Schutzimpfungsaktion teil. Sie infizierte sich mit HIV. Dieselbe Nadel wurde anscheinend für alle benutzt. Die Betroffenen waren ungebildet und unwissend und so infizierten sich tragischerweise ebenso ihr Mann, ihr ältester Sohn (Rahuls großer Bruder), dessen Frau und das Baby der beiden. Da Rahul seit seinem vierten Lebensjahr in unserem Projekt untergebracht ist, entkam er diesem furchtbaren Schicksal. Rahul sagte immer wieder, dass dies ein grausames Beispiel dafür sei, was passieren könne, wenn man nicht die Chance habe, lesen und schreiben zu lernen und deswegen viele (überlebens-)wichtige Informationen unzugänglich seien. Rahuls tiefe Trauer machte alle im Kinderheim sehr betroffen und die Kinder und Betreuer standen ihm in diesen sehr schweren Stunden bei. Als seine Mutter nach hinduistischer Tradition verbrannt wurde, nahmen alle großen Jungen des Heimes teil, um Rahul zu zeigen, dass er eine Familie habe, die zu ihm stehe und versuche, sein Leid zu teilen. Diese von Herzen kommende Fürsorge untereinander hat Rahul sichtbar gut getan und er fand tapfer den Weg in den Alltag zurück.

Rahuls schulische Erfolge

Bereits mit der ersten Gruppe von Straßenkindern besuchte Rahul die Schule. Er begann im Juli 1996 mit dem Schulunterricht und ging fortan seinen Weg mit größter Beständigkeit. Im Jahr 2008 bestand er sein Abitur mit Bravour und im Mai 2011 absolvierte er einen dreijährigen Studiengang mit Schwerpunkt Deutsch an der Benares Hindu University (BHU). Während seines Studiums in Benares gab er unseren Kindern Nachhilfe, betreute gemeinsame Ausflüge und half im Büro aus. Rahuls schulische Erfolge sind eine große Motivationshilfe für unsere jüngeren Kinder - entgegen dem ihnen ursprünglich vorbestimmten Schicksal als Straßenkinder - im Rahmen der Obhut unserer Kinderheime - mit viel Ehrgeiz, Fleiß und Zielstrebigkeit, ein selbstgewähltes, erfolgreiches und freies Leben zu führen. Rahul ist unser Erster, der nicht nur durch Back-to-Life die Schule vollständig abschloss, sondern auch einen Universitäts-Abschluss besitzt. Für ein ehemaliges Kind, das einst in den Straßen von Benares bettelnd um sein tägliches Überleben kämpfte, ist diese Leistung herausragend. Wir sind unglaublich stolz auf ihn und freuen uns, ihn bei seiner weiteren Ausbildung zu unterstützen.

Am 27. Mai 2011 war es dann soweit. Nach erfolgreichem Abschluss seines dreijährigen Deutsch- und EDV-Studiums an der Benares Hindu University (BHU) und mit gepacktem Rucksack auf dem Sprung nach Nepal, feierte Rahul (22) einen rauschenden Abschied von den Kindern in unserem indischen Kinderheim. Für drei Stunden wandelte sich das Foyer des Kinderheims in eine brodelnde Tanzfläche. Die großen Jungen durften DJ spielen und heizten die Stimmung mit den neuesten Hits aus Bollywood an. Vier Torten wurden unter allen Kindern aufgeteilt. Üblicherweise landet die eine Hälfte der zuckersüßen Crèmetorte dabei zumeist im Mund und die andere im Gesicht. So schön der Abend auch war, so sehr werden seine sogenannten „Brüder und Schwestern“ Rahul im Kinderheim vermissen. Jahrelang half er den Jungen als Ältester mit Rat und Tat. Insbesondere kümmerte er sich stets um die Kleinen und stiftete - wenn nötig - Ruhe und Frieden zwischen den Jugendlichen. Seit Sommer 2011 studiert er nun am Goethe-Institut in Kathmandu, um seine Deutsch-Kenntnisse zu perfektionieren. Neben seinem Studium unterstützt er das Back-to-Life Team in Nepal tatkräftig in den Projektgebieten.

Als Rahul hier ankam, sagte er zu mir: ‚Tara, heute beginnt mein neues Leben!’
 Der Kurs im Goethe-Institut gefällt ihm sehr und nach einem Test konnte er gleich in die 2. Stufe wechseln. Eifrig macht er jeden Tag seine Hausaufgaben und übt Deutsch, mit wem er kann. Varanasi vermisst er zur Zeit gar nicht, er hat viel zu viele neue Eindrücke und ist völlig positiv geladen von seiner Chance im Leben. Kathmandu mag er sehr, er erobert es per Fahrrad und kennt sich immer besser aus. Auch Nepali versteht er mittlerweile einigermaßen, es ist dem Hindi sehr ähnlich. Ich bin stolz auf ihn, dass er sich so gut eingelebt hat und aus seinem Leben etwas machen will. Er hat meine volle Unterstützung dabei.

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