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07.09.2018

Ein Besuch bei Mutter Teresa – Stella erinnert sich

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Liebe Freunde,

am 5. September 1997 verstarb Mutter Teresa. Die Begegnung mit ihr bleibt mir für immer im Herzen. Wie es dazu kam und was ich empfand, berichte ich auch in meinem Buch „Unberührbar“:

„Ich liebte es schon immer, alleine in der Fremde unterwegs zu sein, denn ich fühlte mich wacher, das Neue hatte dadurch meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Zugfahrt nach Kalkutta verschlief ich aber fast im Gesamten, denn ich belegte die höchste Liegepritsche und ließ sie einfach aufgeklappt. Bequem ausgestreckt rollte ich knapp 700 Kilometer quer durch Indien. In Kalkutta fühlte ich mich überrannt von der Megastadt. Auch wenn Benares eine Millionenstadt war, so spielte sich mein Leben dort am Ufer der Ganga ab, was allem einen ländlichen Charakter verlieh. Hier tobte schwerer motorisierter Verkehr, und die Menschenmasse schien noch dichter, wenn das überhaupt möglich war. Die Häuser waren größer und höher. Die Männer zogen die hölzernen Rikschas mit den Händen, sie hatten kein Fahrrad, sondern nur ihren Leib. Die Engländer hatten ihre Spuren im großangelegten Kreiselverkehr und den imposanten Fassaden der Paläste hinterlassen. Früh am Morgen suchte ich das Mutterhaus. Der Verkehr war noch erträglich, und das Haus der Mutter Teresa war leicht zu finden, denn ein jeder kannte die hingebungsvolle Nonne, sie war wie die lebende Schutzpatronin der Stadt neben der schwarzen Göttin Kali Ma, die von den Hindus verehrt wurde. Mein Herz klopfte laut, als ich einfach durch die unverschlossene Tür eintrat. Ich hörte Gebete, sie feierten gerade einen Gottesdienst. Der Raum war angefüllt mit Nonnen, alle im einfachen weißen Baumwollsari mit blauer Borte, dem Erkennungszeichen der »Missionaries of Charity«. Sofort erblickte ich sie, denn sie leuchtete. Mutter Teresa saß im Rollstuhl in der ersten Reihe und hatte die Hände andächtig zum Gebet gefaltet. Obwohl sie klein und zusammengesunken in dem Rollstuhl saß, wirkte sie nicht schwach, sondern immer noch wie ein blühender Busch. Ich konnte kaum meine Augen von ihr abwenden. Ein Priester hielt den Gottesdienst. Als die Messe zu Ende gelesen war und sich die Reihen lichteten, ergriff ich die Gelegenheit. Ich lief direkt zu Mutter Teresa, ging vor ihr auf die Knie und berührte ihre Füße, um ihr meine Ehrerbietung zu zeigen. Sie blickte mich freundlich lachend aus gütigen Augen an und bedeutete mir, sich neben sie zu setzen. Eine quicklebendige, alte Frau, die eine kinderleichte Energie verströmte und mit ihrem runzeligen Lachen jedes Herz öffnete. Sie ergriff meine Hände und fragte mich: »Kind, arbeitest du für meine Leprakranken?« Dabei blickte sie mich direkt an. Mein Herz überschlug sich, wie konnte sie das nur wissen? »Ja, Mutter Teresa. Ich habe ein kleines Projekt für Leprakranke in Benares. Es heißt ›Back to Life‹. Bitte, segnet es.« Das tat Mutter Teresa, sie segnete »Back to Life« und sie segnete mich, dieser Moment wird mir kostbar bleiben. Ihre Falten waren lebendige, vitale Lebenslinien, die sich fröhlich mitbewegten und aussahen, als setzten sie zum Tänzchen an, wenn sie sprach. Wenn man ihr in die Augen schaute, sah man, dass sie gedient hatte. Sie hatte die Quelle der Liebe in sich gefunden, aus der sie schöpfen und geben konnte. Das machte sie so leuchtend, selbst als alte, körperlich gebeugte Frau. Wie ein Busch, der durch die Jahre gebeugt wurde, aber dennoch in hoffnungsspendender Blüte stand und immer noch neue Triebe hervorbrachte. Ich blieb beseelt zurück, als sie von den Schwestern aus dem Raum geschoben wurde. An der Tür winkte sie tatsächlich noch einmal, und ich beschloss, gleich beim Thema zu bleiben und ihre Einrichtungen zu besuchen. Ich begann mit dem Haus für die Sterbenden.“