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09.09.2019

Das Schicksal entscheidet

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„Wir hatten eigentlich gar keine Hoffnung, dass er überlebt. Bei seiner Geburt war er so klein wie eine Maus. Und so dünn. Doch richtig schlimm wurde die Situation, als seine Mutter am 15. Tag nach der Niederkunft starb“, berichtet Jhupri Rawal, die Großmutter des Säuglings, unserem Team in Mugu.

Eindeutig ist er viel zu früh auf die Welt gekommen, wahrscheinlich um den 7. Monat. Um das Bergdorf herum gibt es (noch) kein Geburtshaus, wohin sich die werdende Mutter hätte wenden können. Sapura hat ihr Kind ohne Hilfe zur Welt gebracht, daran ist sie aber nicht gestorben.

Die 22-Jährige war bereits seit Jahren schwer krank. Ihre Familie spricht von immer wieder auftretendem Fieber, chronischem Durchfall, Schmerzen in Bauch und Darm. Außerdem hätte sie die Nahrung nicht mehr verdaut. Es folgte eine 3-jährige Leidenszeit, in der die Familie alle Mittel aufgewandt, sowie ihr Stück Land verkauft hat, um medizinische Hilfe zu finden. Sie brachten Sapura ins Tiefland in ein Krankenhaus in Nepalgunj, dann nach Kathmandu und schließlich sogar nach Indien in ein spezialisiertes Krankenhaus in Lucknow.
Ihre Hoffnungen wurden zerschlagen, als die Ärzte in Indien sagten, sie könnten nichts für Sapura tun. Da die Großeltern weder lesen noch schreiben können, haben sie auch mit der Diagnose nichts anfangen können und wissen nicht, worunter Sapura gelitten hat. Die medizinischen Unterlagen haben sie nach dem Tod der jungen Mutter verbrannt.

Als unser Team in Mugu auf das Schicksal der Familie aufmerksam gemacht wurde, machte sich unser Health-Assistant Pahal mit seinen Kollegen sofort auf den Weg zu ihnen. Unsere Mitarbeiter unterhalten sich ausführlich mit den verzweifelten Großeltern. Der Großvater Raj Bahadur sagt ihnen: “Mein einziger Sohn, der Vater des Babys, ist seit der schweren Krankheit seiner Frau schwermütig geworden. Um unsere Schulden bezahlen zu können, arbeitet er als Tagelöhner in Indien. Es bleiben also nur wir, die sich um das Kind kümmern können. Und das werden wir tun, egal wie schwer es uns in unserem Alter fällt.“ 

Die Großmutter Jhupri spricht über die aktuellen Probleme, mit denen sie fertig werden müssen. „Als wir auf einmal mit dem Baby alleine da standen, wussten wir nicht, wie wir es füttern sollten. Es gab keine andere stillende Mutter im Dorf. Unsere Nachbarn rieten uns, nach Gamgadhi zu laufen, um dort Pudermilch zu kaufen. Damit kann der Kleine überleben. Doch dieses Puder ist teuer, wir können es uns eigentlich gar nicht leisten und müssen uns immer wieder Geld leihen.“

Alles Weitere nahm unser Team in die Hand und besorgte Babynahrung, Kleidung sowie dringend notwendige Ausstattung. Erleichtert und erfreut nahmen die Großeltern unsere Hilfe an. Außerdem wurde der Kleine zum ersten Mal medizinisch untersucht. Der Arzt hatte erfreuliche Nachrichten: Der Junge, wenn auch viel zu früh geboren und dadurch kleiner und immer noch schwach, zeigt ansonsten keinerlei bedenkliche Auffälligkeiten.
Wir werden das Baby engmaschig und regelmäßig untersuchen lassen und ihn auf seinem schweren Weg ins Leben begleiten. Auch die Großeltern werden von uns unterstützt, damit sie den Jungen bei sich behalten und großziehen können. So können wir verhindern, dass er wegen ihrer sozialen und wirtschaftlichen Not in einem Kinderheim oder Waisenhaus enden würde. 

Die Großeltern kümmern sich rührend um ihren Enkel und haben ihm einen sehr positiven Namen gegeben: Bindas, was soviel bedeutet wie „unbeschwert“ oder „happy-go-lucky“.

Gestern, am Sonntag, der in Nepal ein ganz normaler Arbeitstag ist (frei hat man nur samstags), begleitete unser Team Bindas und die Großmutter zu einer weiteren Untersuchung in die kleine Distrikt-Hauptstadt Gamgadhi. Der Kinderarzt stellte bei dem Kleinen leider eine akute Lungenentzündung fest und leitete umgehend eine medikamentöse Therapie ein. Wir hoffen von ganzem Herzen, dass Bindas überlebt. Um in der Nähe der ärztlichen Hilfe verbleiben zu können, haben wir die Großmutter mit dem Kleinen in einem Guesthouse in Gamgadhi untergebracht, bis das Baby sich hoffentlich erholt haben wird. Unser Team tut was es kann, um den Kleinen zu retten. Das Schicksal wird entscheiden. 

Namaste, Eure Tara-Stella

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