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23.01.2017

Vier Jahrzehnte Straßenleben: Mahendra bettelt weiterhin nahe dem "Underground ".

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Seine unbeschwerte Kindheit endete früh: Mahendra (heute 69) war gerade einmal fünf Jahre alt, als die Polio ihn heimsuchte und die Auswirkungen begannen, seine Beine zu deformierten. Als wäre dies nicht schon genug der schweren Bürde, diagnostizierte ihm mit 12 ein Arzt, auch noch an Lepra erkrankt zu sein und verschrieb ihm dagegen obskure Medikamente und "gutes Essen". Das half zwar nicht - die Tabletten waren ganz offensichtlich Placebos oder für ganz andere Erkrankungen gedacht, aber belastete die Familie finanziell schwer. Leider ist das bis heute kein Einzelfall in Indien, dass Ärzte sich auf Kosten von Ungebildeten und Bedürftigen bereichern wollen. Offensichtlich ist die Verlockung zu groß, am Leid armer Menschen mitzuverdienen.

Die typischen äußeren Merkmale der Lepra blieben die ersten Jahre noch verborgen, er konnte weiterhin unbehelligt in seiner Heimat Bengal leben. Doch die Polio-Erkrankung, die vom Arzt genauso wenig behandelt wurde, war mittlerweile so weit fortgeschritten, dass normales Laufen für Mahendra unmöglich geworden war und er immer wieder schwer stürzte. Mit 17 schließlich brach die Lepra vollends aus. Jeder konnte von nun an erkennen, dass nicht nur die Polio ihn heimgesucht hatte - ein weiteres Leben in der Dorfgemeinschaft war unmöglich. Sein Vater wartete nicht lange, der gesellschaftliche Druck wird sein übriges dazu beigetragen haben, und fuhr ihn nach Benares, wo er ihn kurzerhand einfach aussetzte. Das Betteln am Straßenrand würde fortan Mahendras Leben beherrschen. Jeglicher Kontakt mit seiner Familie brach an jenem Tag ab. Er wurde quasi über Nacht zum Waisenkind, ungeachtet der Tatsache, dass seine Familie ein normales Leben weiterführten konnte.

Es ist kaum vorstellbar, dass er nun seit weit über 4 Jahrzehnten auf der Straße lebt und den ganzen Tag lang auf ein paar Almosen von Passanten hofft. Unser Versuch, Mahendra in einer Leprakolonie anzusiedeln, war nur begrenzt erfolgreich. Die Umgebung des "Undergrounds", jenem kargen Betongerippe nahe dem Dashashwamedh Ghat, wo die Bettler lebten und schliefen, ist einfach zu seiner Heimat geworden. An dem Tag jedoch, als die Armee vor Monaten den "Underground" einfach verschlossen hatte und die Bettler davonjagte, verlor er neben seinem "Zuhause" auch viele seiner persönlichen Gegenstände.

Und so lebt er nun in den Seitenstraßen und schläft nachts vor den Eingängen von geschlossenen Geschäften. Immer wieder kommt es vor, dass Betrunkene ihn beschimpfen und wegjagen. Selbst Schläge sind keine Seltenheit, doch Mahendra kann über diese unangenehmen Erfahrungen nur noch die Schulter zucken. Es ist einfach Alltag für ihn - der Alltag von Jahrzehnten. Er ist auf seinen Rollstuhl angewiesen, der ihm etwas Mobilität garantiert und nun auch seinen ganzen Besitz beherbergt. Für ihn ist es jedes Mal eine enorme Kraftanstrengung sich aus diesem heraus zu bewegen, um sich schlafen zu legen oder zu erleichtern. Der Weg zur "Toilette", einer für alle einsehbaren Stelle an einer Mauer, bedeutet für ihn unter Umständen bis zu 90 min. Strapazen.

Back to Life unterstützt Mahendra nun seit ca. 20 Jahren finanziell, mit Medikamenten und sozialen Hilfen, damit er über die Runden kommt - die wenigen Rupees vom Straßenrand würden dafür einfach nicht ausreichen. Quittieren tut er das unserem Team mit einem Fingerabdruck, denn Lesen und Schreiben hat er nie gelernt. Als einer unserer "ersten" Leprabetroffenen stehen wir ihm natürlich auch weiterhin zur Seite. Mahendra ist dankbar, neben seinen Leidensgenossen ist Back to Life zu seiner Familie geworden.